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Roman von Thure Erik Lund : Die Geräusche der Geistesmenschen

Norwegischer Autor und Schreiner Thure Erik Lund: Für seinen neuesten Roman die Figur eines Intellektuellen Absteigers entworfen. Bild: fotograf: Herdis Maria Siegert

Der norwegische Schriftsteller und Schreiner Thure Erik Lund lässt in seinem neuesten Roman „Das Grabenereignismysterium“ einen Intellektuellen verrückt werden. Der Text ist ein wüstes, kaum ertragbares Protokoll einer Regression.

  • -Aktualisiert am
          4 Min.

          Es wird zu wenig über die Risiken des Intellektuellendaseins gesprochen, das ja regelmäßig an den Rand des Wahnsinns führt, aber eben leider nicht immer zurück: Tomas Olsen Myrbråten – Held in Thure Erik Lunds Roman „Das Grabenereignismysterium“, der im Original 1999 erschien und damit im selben Jahrzehnt, in dem allein sein Landsmann Dag Solstad drei Romane über die Einsamkeit des Intellektuellen in Norwegen verfasste – ist über die Fähigkeit, sich komplexen Gedankengängen hinzugeben, jedenfalls an einem heiklen Punkt angelangt.

          Man kann diskutieren, ob Myrbråten mit einer besonderen Veranlagung zum Verrücktsein auf die Welt kam. Außer Frage steht aber, dass er erst über ein Forschungsprojekt mental abstürzt – mit gravierenden Folgen: Er zieht sich aus der Stadt aufs Land zurück, wird dort nur noch verwirrter. Und haust schließlich, reduziert auf ein animalisches Dasein, als „Waldläufer“ im offenen Gelände, was man sich bloß nicht romantisch vorstellen sollte – das sind drei Kapitel des „Grabenereignismysteriums“.

          Lunds Roman ist, ohne das negativ zu meinen, ein anstrengendes Buch. Geschrieben ist es in einer schwierigen, aus überlangen Sätzen mit Wortneuschöpfungen und Einsprengseln eines beinahe ausgestorbenen Dialekts bestehenden Sprache, die Matthias Friedrich unter Zuhilfenahme des „Rheinischen Wörterbuchs“ übersetzt hat, so gut es irgendwie geht. Selbst der Name des Ich-Erzählers, Tomas Olsen Myrbråten, lebt Friedrich zufolge im Original „von einem Anspielungsreichtum, der zwar zu beschreiben, aber nicht zu übersetzen ist“. Die Anfangsbuchstaben ergeben unter anderem das Wort „tom“, das „leer“ heißt.

          Wer das Buch aufschlägt, kann sich nicht im Geringsten ausmalen, was für ein Ritt folgen wird. Es geht noch vergleichsweise amüsant-polternd los: Myrbråten schildert, wie ausgerechnet er, ein Kritiker der Kulturbürokratie, vor einigen Jahren vom norwegischen Kulturministerium den Auftrag zur Begutachtung der Kulturdenkmäler des Landes bekam. Er beschreibt, wie er im „staatskorruptionsmäßigen Mietwagen“ die Heimat abfuhr, über die Inanspruchnahme der Denkmäler durch die Tourismusindustrie stöhnte und zu dem Schluss kam, dass man die Denkmäler „aufgrund des schädlichen Einflusses des Geldes lieber geheim“ halten sollte, statt sie weiter zu „Totalerlebniszentren“ zu machen.

          Fratzen im Fernsehen, vertrocknete Seelen

          Doch schon hier ist sein Ton merkwürdig. Myrbråten steigert sich in einen wahnhaften Redeschwall über das Leben als „Geistesmensch“, „sogenannte Geistesmenschengeräusche“, „geistesmenschliche Problemausdehnungen“, den „inneren Dämon des Geistesmenschenzustandes“ und das „Naturausschlussprojekt“, das für ihn, den Sohn eines Bauern, mit dem Besuch des Gymnasiums, dem Umzug in die Stadt und die Universität begonnen habe.

          Er schimpft und zetert, etwa über die Politiker, die er „kraft ihrer perversen Handlungslähmung und ihres fatalen Glaubensmangels gegenüber der Natur und der Jugend sowie gegenüber der Identität der Norweger persönlich verantwortlich für die „drogenabhängige Fiktionswelt“ macht, in der die Jugend von heute lebe.

          Er meint, in einer „norwegischen, globalen Hölle“ zu leben, umgeben von „Fratzen im Fernsehen“, „vertrockneten Seelen, die Trost in Kinos und Gesundheitsstudios“ suchen, in einem „neufiktiven Weltland“, in dem das Ministerium gemeinsam mit den Universitäten „alles zu entfernen“ versucht, „was man als die norwegische, ranzige Butter bezeichnete“. Das „nationale Projekt“ würde mit dem „Internationalismus“ verschmolzen.

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