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Roman von Thure Erik Lund : Die Geräusche der Geistesmenschen

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Thure Erik Lund: „Das Grabenereignismysterium“. Aus dem Norwegischen von Matthias Friedrich. Literaturverlag Droschl, Graz 2020. 296 S., geb., 23,– €.
Thure Erik Lund: „Das Grabenereignismysterium“. Aus dem Norwegischen von Matthias Friedrich. Literaturverlag Droschl, Graz 2020. 296 S., geb., 23,– €. : Bild: Droschl Verlag

Und auch in seinem Gutachten ließ Myrbråten seiner Verachtung für das moderne Norwegen als Teil der „neu gestarteten ,Weltmaschine‘“ ohne Rücksicht auf die weitere Karriere freien Lauf. „Norwegen hat überhaupt keine Kultur“, sagte er bei der mündlichen Vorstellung der Studie im Büro der Kulturministerin: „Die einzige lebendige norwegische Kultur sei die maßlose, geldsüchtige Jugendkultur.“ Diese bezeichnet er als „eine allesfressende, geisteskranke, destruktive, globale Verschwendungskultur, die uns erlaubt, alle anderen Kulturen zu verbrauchen, die Geschichte zu verschwenden, und die sich von dieser industriellen, globalen, kommerziellen Jugendkultur wie diese anderen Kulturen aufessen, banalisieren, verbrauchen lässt, und dieser extreme Kulturverbrauch ist von solcher Art, dass alle anderen alten, dahinsterbenden Kulturen glauben, Geld sei ihre eigene Rettung“.

Wie entkommt man der Wortmanie?

Die beschimpfte Ministerin lässt ihn wie einen Staatsfeind aus dem Gebäude entfernen. Das macht alles nur schlimmer. Der verlachte Intellektuelle landet in den verhassten Medien, die ihn dank seiner Beschäftigung mit dem Norwegischen an sich augenblicklich zum Neonazi und Rassisten abstempeln, obwohl er „ein verbissener Gegner all dessen“ ist und doch alles verachtet: das Nationale, das Staatliche und das Globale.

Er stürzt ab, wird zum Flaschensammler und Kneipenstammgast. Und zieht mit einer ziemlich kaputten Frau namens Helene auf den verwahrlosten, von offenen Gräben durchzogenen Hof seiner Kindheit. Nun werden die geschilderten Szenen (niedergeschrieben wohl in einer Anstalt) albtraumhaft, dreckig, brutal. An solchen Stellen erweist sich „Das Grabenereignismysterium“ als nicht bloß schwer, sondern fast gar nicht zu ertragendes Buch, selbst wenn man robuste Antennen für das Derb-Satirische besitzt.

Myrbråten entledigt sich unter anderem seines geistesschwachen Bruders Bjørnar. Bevor er – es hat mit diesem Verbrechen zu tun, ist aber auch der konsequente letzte Schritt des Versuchs, auf das „Naturausschlussprojekt“ seiner Jugend eine Art „Kulturausschlussprojekt“ folgen zu lassen – im Wald untertaucht.

Hier hofft er, ein „neuer, wiedergeborener, wilder Naturmensch“ zu werden und der „Wortmanie“ zu entkommen. Was natürlich nur bedingt funktioniert, „weil die Sprachformen nicht zwingend ein zivilisatorisches Phänomen, wohl aber ein Naturphänomen sind. Wie die Nachtkälte oder ein Mückenschwarm ist die Sprache ein natürlicher Feind!“ Bald ist Myrbråten nur noch mit einem Fellstück bekleidet, Fäkalien kleben ihm auf der Haut. Als Posterboy der „Zurück zur Natur“-Bewegung wäre er denkbar ungeeignet.

Wüstes Protokoll einer Regression

Wie würde sich Myrbråten wohl beim Lagerfeuertreffen literarischer Naturburschen unterhalten, etwa mit Leutnant Glahn aus Knut Hamsuns „Pan“, mit Isak aus dem „Segen der Erde“, mit dem Zivilisationsflüchtling in Erlend Loes „Doppler“ oder dem Wandersmann in Tomas Espedals „Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen“? Gar nicht, grunzend, angeregt gestikulierend oder im Streit?

Den Leser packt bei diesem wüsten Protokoll einer Regression, das nebenher schildert, wie die Moderne nach Norwegen kam (etwa auf den Hof des Vaters, der an seinem Maschinenglauben zugrunde ging), nicht selten die Furcht, von Myrbråten mit in den Wahnsinn gerissen zu werden. Man verflucht die eigensinnige Sprache des Autors, die einen zur langsamen Lektüre zwingt, bekommt die Geschehnisse und die philosophischen Ergüsse oft nicht sortiert.

Und trotzdem will man diese Zumutung von einem Buch, in der es irgendwie auch noch um die „Kloake der Gesellschaft“ geht, in der sich „Geistesmenschen“ plazieren, um den historischen Beruf des Abdeckers, „stinkende Gärfuttergrütze“ und Geschlechtstriebe, nach dem letzten Satz gleich noch einmal lesen. Weshalb nur? Das muss wohl das Romanereignismysterium sein.

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