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Roman von Aris Fioretos : Die bittere Kälte der Sweetness

Aris Fioretos, schwedischer Schriftsteller und Übersetzer mit österreichisch-griechischer Herkunft Bild: Picture-Alliance

Nicht nur die Liebe bringt die Heldin ins Schweben. Aris Fioretos schreibt in seinem Roman über das Leben von Nelly B. und ihre Leidenschaft zum Fliegen.

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          Da hat sich der schwedische Schriftsteller etwas zugetraut mit seinem Roman „Nelly B.s Herz“. Er schreibt über mehr als dreihundert Seiten, als schlüge in ihm selbst ebendieses Herz, ein „cœur distordu“, das Nellys Körper mit immer weniger Sauerstoff versorgen kann, Kardiomyopathie heißt das.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Den Mangel an Oxygen muss sie anders ausgleichen – im Rausch, in den Formen der Entgrenzung, die Nelly in ihrer Haut, die mehr als nur eine ist, leben lässt: die Haut als Hülle und Rolle, die Haut als Mechanikerin und Ehefrau, und die „dritte Haut, die man nur bekommt, wenn man nicht essen kann, weil alles, was sie umschließt – jedes Gefäß und Organ, jeder Nerv, jedes Gewebe – von einem anderen Menschen in Anspruch genommen wird“.

          Aris Fioretos schreibt diesen veritablen Trip auf Leben und Tod seiner Nelly B. aus der Ich-Perspektive, in erzählerischen Passagen und als inneren Monolog, mit Leidenschaft und mit schon abenteuerlich geschmeidiger Einfühlung.

          Gewissermaßen als Treibstoff nimmt sich Fioretos dafür die biographischen Eckdaten von der Flugpionierin Melli (Amelie) Beese, die 1886 in der Nähe von Dresden geboren wurde. Von 1906 bis 1909 studierte sie Bildhauerei an der Königlichen Akademie in Stockholm, die schon damals Frauen aufnahm. Ihre Begeisterung fürs Fliegen führte sie zu einem technischen Studium zurück nach Dresden, und sie schaffte es im Jahr 1911, als erste Frau in Deutschland einen Pilotenschein zu erwerben.

          Das gelang ihr gegen die massiven Widerstände, bis hin zu lebensgefährlichen Sabotageakten, einer reinen Männerdomäne. Im Jahr darauf gründete Beese mit dem französischen Piloten Charles Boutard eine eigene Fabrik für Flugzeuge und eine Flugschule in Johannisthal bei Berlin; sie heiratete Boutard 1913 und nahm die französische Staatsbürgerschaft an.

          Aris Fioretos: „Nelly B.s Herz“. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 336 S., geb., 24,– €.

          Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden beide in Deutschland als „feindliche Ausländer“ interniert, sie verloren ihre Maschinen, eine Entschädigung nach dem Krieg konnte den Konkurs der Flugschule nicht verhindern. Das Paar trennte sich 1923. Melli Beese zog nach Berlin, sie erschoss sich dort am 21. Dezember 1925. Kaum mehr ist über ihr Leben bekannt.

          Auf einen Zettel hatte sie am Ende geschrieben „Das Fliegen tut not, das Leben tut nicht not“; dieses Motiv durchzieht auch den Roman, als eine Raison d’Être. Fioretos macht daraus eine „literarische Fantasie“, wie er es in einer Anmerkung am Schluss des Buchs nennt – ganz großes Kino. Und der Film, der beim Lesen abläuft, scheint schon jetzt reif für die ganz große Leinwand. Es sind die zwanziger Jahre, und Ruth Cornelia Becker-Boulard, wie Fioretos’ Protagonistin heißt, mietet sich nach der Trennung von ihrem Ehemann Paul in einer Berliner Pension ein. Weil sie sich mit Maschinen auskennt, bekommt sie eine Stelle bei BMW, die neuen Motorräder liegen ihr.

          Auf der Deutschen Automobilausstellung in Berlin im Dezember 1924 legt sich eine Hand auf die ihre an der Kupplung des Motorrads, Auftritt Irma Maak: „Erst lehnt sie sich vor und schiebt ihre Hand auf meine. Sie berührt mich nur für ein paar Sekunden. Gleichwohl fühlt ihre Haut sich unerwartet kühl an, ähnlich einem Flugzeug, das länger auf einem Wind gleitet, als man das für möglich gehalten hätte. Dann presst sie ihre Finger auf meine. Das hat zur Folge: Dass ich die Kupplung drücke. Dass sie ihre Hand justiert. Dass wir gemeinsam die Kupplung kommen lassen. Mehr passiert nicht.“

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