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Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 350 S., geb., 22,– Euro. Bild: Klett-Cotta

Roman „Das flüssige Land“ : Ein Tropfen Blut für den Abgrund

Wenn die Zeit in sich zusammenfällt: In Raphaela Edelbauers Roman „Das flüssige Land“ reist eine junge Physikerin in das Heimatdorf ihrer Eltern und trifft dort auf eine alte Schuld.

          3 Min.

          Ob es diese Siedlung „Groß-Einland“ wirklich gibt? Sie taucht auf keiner Karte auf, das Navi kennt sie nicht, kein Straßenschild weist dorthin, so dass die Physikerin Ruth Schwarz, die unbedingt nach Groß-Einland will und nur die ungefähre Richtung von Wien aus kennt, eine Weile lang in Niederösterreich herum, wo sie die Gemeinde vermutet. Als sie schließlich verzweifelt bei der Landesregierung anruft, teilt man ihr auch dort mit, dass Groß-Einland nicht existiere.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dagegen steht allerdings die Erinnerung an ihre Eltern, die wenige Tage zuvor bei einem Autounfall in den Bergen zu Tode gekommen sind. Denn die beiden stammen aus jener Siedlung, sie sind dort sogar im selben Haus aufgewachsen, weil die Familie der Mutter den Vater noch als Knaben aufgenommen hat – seine alleinerziehende Mutter sei zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr dazu in der Lage gewesen, den kleinen Jungen zu versorgen. Unterwegs zu der Siedlung, die es angeblich nicht gibt, führt sich Ruth Schwarz also vor Augen, was ihre Eltern von der aufgegebenen Heimat erzählt haben und was nun ihr helfen kann, den Weg zu finden: die ungefähre Größe der Gemeinde, beiläufige Details, irgendwann einmal erwähnte Ausflugsziele und dergleichen mehr. Schließlich, die Physikerin will schon aufgeben, stößt sie in der Nähe des Hochwechsels auf zwei Männer, die sich über Groß-Einland unterhalten. Sie folgt ihnen mit ihrem klapprigen Ford über schlechte Wege und schließlich sogar durch einen dichten Wald, bis sie tatsächlich in der gesuchten Siedlung ankommt – einen Ort von makelloser Schönheit, wie die Besucherin findet, ein bisschen wie aus der Zeit gefallen und mit Sitten und Umgangsformen, an die man sich erst gewöhnen muss.

          Dass es der Autorin Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien und aufgewachsen in Niederösterreich, in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Das flüssige Land“ nicht auf ein klar umrissenes äußerliches Handlungsgerüst ankommt, wird sehr rasch klar, denn zu den verschwimmenden Angaben, die den Ort betreffen, kommen auch die sehr widersprüchlichen zur Zeit.

          Rituale des Aberglaubens

          Und je mehr die Ich-Erzählerin den Anschein erweckt, in dieser Hinsicht präzise zu agieren (der Roman beginnt mit den Worten: „In den frühen Morgenstunden des 21. September 2007“), umso größer ist die Irritation, die ihre Angaben zum Ablauf der Geschichte untereinander erzeugen, weil sie nicht zueinander passen. Der Aufenthalt in Groß-Einland sollte nur ein paar Tage dauern, dann sind es aber, nach vorausdeutender Auskunft der Erzählerin, drei Jahre. Oder doppelt so viel, wie aus einem Telefonat mit ihrer in Wien gebliebenen Tante hervorgeht („Sechs, Ruth, du bist seit sechs Jahren weg“)?

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          Dass auf die Zeit kein Verlass ist, schon gar nicht im Bericht dieser Psychopharmaka schluckenden, sehr leicht zu irritierenden Erzählerin, teilt sich mit, und dass die Physikerin Ruth, die mit noch ganz anderen Zeitkonzepten vertraut ist, dies gar nicht so seltsam finden mag, auch. Wer an den Gedanken gewöhnt ist, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eins fallen, wird sich nicht lange mit Chronologie aufhalten, vor allem nicht in einer Gemeinde, die mit ganz anderen Problemen kämpft: Unter Groß-Einland tut sich als Resultat von ungeregeltem Schürfen ein riesiges Loch auf, das sich offenbar weiter vergrößert und Teile der Altstadt zu verschlingen droht. Die Bewohner leben damit seit Jahrzehnten, sie schütten mal tonnenweise Zement in den Abgrund, ohne damit etwas zu bewirken, oder sie praktizieren Rituale des Aberglaubens, indem sie ihre Sorgen auf einen Fetzen Papier schreiben, mit Blut besiegeln und den dann im Hohlraum plazieren.

          Etwas zu viel des Guten

          Ruth also bleibt in Groß-Einland, sie bezieht das ehemalige Wohnhaus ihrer Eltern und nimmt eine Arbeit bei der Gräfin an, die in einem Schloss hoch über der Gemeinde lebt, alles mitbekommt, was irgendeiner der Bewohner unternimmt, und Ruth mal überwacht, mal für sich einspannen will, meist wahrscheinlich beides. Die junge Physikerin soll jedenfalls eine Methode finden, das weitere Absacken Groß-Einlands zu verhindern, und als sie damit tatsächlich Erfolg hat, stellt sie fest, dass im Gegenzug die Vegetation der betreffenden Stelle abstirbt, was bei einer Injektion auf Benzinbasis in die Erde auch nicht anders zu erwarten ist.

          Dass der Roman spannend, amüsant und gekonnt erzählt ist, steht auf der Habenseite, dass er die Unzuverlässigkeit der Erzählerin von der ersten Seite an ausstellt und sie dann doch immer wieder vergessen lässt, ebenso. Auch dass die Autorin sprachlich einige Abwege aus dem Vertrauten einschlägt, wird man schätzen, selbst wenn manchmal Stilblüten sprießen wie „Der ganze Raum zitterte glückselig vor Neid wie ein trotziger Block Aspik.“ Die Autorin wirft überdies mit ihrer aus der Zeit gefallenen Geschichte auch einen Blick auf unsere Gegenwart, wenn sie über die Sehnsucht der Protagonistin nach Zugehörigkeit und Geborgenheit ebenso schreibt wie über die Abgründe, die jene Idylle bereithält – hier sind das Hunderte Opfer aus der Endphase des Nationalsozialismus, Zwangsarbeiter, die, so scheint es wenigstens, von den Bewohnern Groß-Einlands erschlagen und im Loch vergraben worden sind.

          Dass der physische Abgrund mit dem moralischen so eng verknüpft ist, dass im Untergrund flüssig bleibt, was sich nicht wie anderes Sediment verfestigen will, so wie die alte Schuld sich eben nicht auslöschen lässt, indem man sie vertuscht und alle Hinweise darauf aus den Quellen entfernt, dass die Auswirkungen der Tuberkulose im Körper eines Protagonisten an die geologischen Vorgänge im Berg erinnern und dass schließlich der Ausweg, Ruths Benzin-Injektion, exakt dem Verfahren entspricht, mit dem damals die Zwangsarbeiter ermordet wurden – all das erscheint als etwas zu viel des Guten im Hinweissystem des Romans.

          Raphaela Edelbauer: „Das flüssige Land“. Roman. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 350 S., geb., 22,– Euro.

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