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Hundert Lyriker im Originalton : Nichts als Worte

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Mit seinem beschwörenden Sprechgesang klar vernehmbar: William Butler Yeats Bild: picture-alliance / Mary Evans Picture Library

Das hat es noch nicht gegeben: Die „Poets’ Collection“ versammelt von William Butler Yeats bis W.H. Auden fast hundert Lyriker im Originalton. In vierzehn Stunden entfaltet sich ein faszinierender akustischer Kosmos.

          4 Min.

          Dieses Hörbuch ist ein Ereignis, so etwas wie ein lyrisches Weltkulturerbe. Es versammelt Poesie aus Britannien, Irland, Amerika, Kanada, Australien und – im Sinne von English Literatures im Plural – auch aus anderen Ländern, in denen diese Sprache lebendig ist. Wie in den vorausgegangenen deutschsprachigen „Lyrikstimmen“ (2009) besteht die Besonderheit in Originalen, aufgenommen zuerst auf Edisons Wachswalzen seit 1890, auf Schallplatten und Tonbändern wie durch Radiosendungen und Open Mikes unserer Tage.

          Die Herausgeber Christiane Collorio und Michael Krüger, die uns schon die wundervolle deutsche Sammlung schenkten, haben das riesige Material mit unermüdlichem Spürsinn gesammelt und einlesen lassen. Unter den Sprechern und den (selbst lesenden) Übersetzern sind so klingende Namen wie Mirko Bonné, Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Hans-Christian Oeser, Raoul Schrott, Jan Wagner, Martin Wuttke und Hanns Zischler.

          Die ältesten Aufnahmen von Alfred Lord Tennyson, Robert Browning und Walt Whitman sind akustisch noch kaum zu verstehen, zu stark sind die Nebengeräusche und zu wenig prägnant die wackligen Spuren in den weichen, handgedrehten Wachswalzen. William Butler Yeats, der in der chronologischen Abfolge nach Geburtsjahren folgt, ist mit seinem beschwörenden Sprechgesang hingegen klar vernehmbar. Die Aufnahme von „The Lake Isle of Innisfree“ stammt schließlich auch aus dem Jahre 1931, man meint das an den Waldsee Innisfree mitgeführte Bienenvolk fast noch summen zu hören.

          Edisons Traum vom Licht und andere Fortschritte

          Wenn W. H. Auden 1953 in seinem lyrischen Nachruf auf Yeats von dessen Fortleben „in einer anderen Art von Gehölz“ überzeugt ist, dann sicher auch aufgrund seiner Stimme. Überhaupt besteht im akustischen Eindruck zweifellos die Stärke dieser Sammlung, die Lyrik – einer Bestimmung des Cantos-Dichters Ezra Pound entsprechend – als musikalische Komposition von Wörtern zur Geltung bringt. Kein Wunder, wenn der irische „literate peasant“ Patrick Kavanagh sein berühmtes Liebesgedicht „On Raglan Road“ lieber singt statt rezitiert, wenn auch nicht sehr melodisch.

          „The Poets’ Collection“. Englischsprachige Lyrik im Originalton und in deutscher Übersetzung. Der Hörverlag München 2018, 13 CDs, 920 Min., 99,– Euro.

          Das Spektrum an Themen, Formen und Tonlagen ist, wie sollte es bei 192 Texten auch anders sein, immens. Nur wenige sprechen wie der schwarze Lyriker Langston Hughes zur Seite, mitten in seinem Gedicht „Dreams“ (1955) reflektiert er sein eigenes Tun: „And that is what poetry may do, wrap up your dreams, protect and preserve them, and hold them, until may be, they become true.“ Er spricht von Columbus’ Vision der Weltentdeckung, Edisons Traum vom Licht und anderen Fortschritten der Menschheit.

          Wortartistik voller Lautmalereien und Slang

          Ob Martin Luther King 1963 mit seinem mündlich frei in seine große Befreiungsrede eingefügten „I have a Dream“ daran anknüpfte? Viele der vorgestellten Gedichte handeln von großen Träumen. Es beginnt 1889 mit Walt Whitmans Eingangsvers zu „America“: „Centre of equal daughters, equal sons“, und reicht bis zu Sylvia Plaths makabren Zeilen in „Lazarus“ kurz vor ihrem Freitod 1963: „Dying / Is an art, like everything else. / I do it exceptionally well“.

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