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Per Olov Enquist: Ein anderes Leben : Innenansichten der Hölle

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Der Autor: Einer der bekanntesten Schriftsteller Europas. Das Drama: Sein Leben. Das Problem: Davon hat er im Mantel der Fiktion schon oft erzählt. Doch dann geschieht ein Wunder. Per Olov Enquists neues Buch „Ein anderes Leben“.

          5 Min.

          Einer der großen europäischen Romanciers erzählt sein Leben. Die Nachricht weckt Neugier – aber auch die skeptische Nachfrage, ob er das nicht schon öfter und eigentlich unüberbietbar getan hat, im Fiktionsspiel von Romanen wie „Auszug der Musikanten“ oder „Kapitän Nemos Bibliothek“. Die Sorge ist groß, dass er nun womöglich bloß eine schwächere, autobiographisch vereindeutigende Wiederholung von Geschichten bietet, die wir schöner und reicher schon kennen. Und wenn ein Schriftsteller seinen Weg von der pietistischen Freikirche in die staatstragende Sozialdemokratie schildert, vom Fehlschlag des ersten Buches bis zu den gemeinsamen politischen Aktionen mit Enzensberger und Grass in Berlin und zum literarischen Welterfolg – warum dann der Aufwand, statt „ich“ immer nur „er“ zu sagen? Auch andere stilistische Kunstgriffe klingen auf den ersten Seiten wie Reprisen, und manche Wendungen erweisen sich bei näherem Hinsehen überhaupt als wörtliche Selbstzitate, angefangen mit jenen drei Sätzen, die auf dem Umschlag gleich unter dem Buchtitel zu lesen sind und aus dem Nemo-Roman stammen: „Man hofft ja immer auf ein Wunder. Wenn man nicht hofft, ist man wohl kein Mensch. Und eine Art Mensch ist man wohl trotzdem.“ Wie liest sich das, wenn dieses „man“ einfach ein prominenter Romancier und Dramatiker zu sein scheint und eine öffentliche Figur mit zeitweise beträchtlichem politischen Einfluss?

          Ein Drama, das sich zur Tragödie steigert

          Dass diese Frage nicht bloß rhetorisch ist, sondern sehr ernsthaft bedrängend wird: Das ist die Überraschung dieser Geschichte, und es ist ihr Ziel. Denn die drei Teile, aus denen sie sich zusammensetzt, erweisen sich als Akte eines Dramas, das sich im rasanten Crescendo zur Tragödie steigert. Hier wird, so stellt sich bald heraus, nicht nur sehr viel mehr erzählt als der Aufstieg eines begabten Jungen aus der provinziellen Enge, hier geht es um eine ganz andere Geschichte. Und von deren Ende her, diesem ungeheuren Schlussteil, erklärt und rechtfertigt sich im Nachhinein dieser Anfang so restlos, dass man ihn nicht ohne Erschütterung von neu-em lesen kann.

          Im schwedischen Norrland also beginnt es auch hier wieder, tausend Kilometer nördlich von Stockholm, in der dörflichen, pietistisch geprägten Kindheit. Von den Katastrophen der Familiengeschichte ist die Rede, dem bei der Geburt gestorbenen Bruder, der unheimlichen Kindsverwechslung in der Verwandtschaft, vom Fehlen des Vaters und der Liebe zur Pflegeschwester, die hier wie in den Romanen wieder Eeva-Lisa heißt. Schon von diesem Anfang an gehen Aufstieg und Abfall eigentümlich ineinander über, so dass das eine vom anderen nicht leicht zu unterscheiden ist. Die Emanzipation des Heranwachsenden von der sozialen und geistigen Welt seiner Herkunft, seine abgebrochene Karriere als Sportler, seine rasante Laufbahn als Schriftsteller und politische Figur, schließlich der Weltruhm – dies alles führt auf rätselhaften Wegen in ebenjenen Selbstverlust, der im Alkoholismus, den Depressionen, den gescheiterten Klinikaufenthalten und Selbstmordversuchungen des letzten Teils seinen tiefsten Punkt erreicht. „Ohne Verwunderung stellte er fest“, so notiert der Erzähler, „dass er jetzt in der Hölle war.“ Die intime Innenansicht einer Weltverlassenheit, die auch für den Leser bis an die Schmerzgrenze geht, bleibt gebrochen durch die Distanz der dritten Person: Herr Enquist geht sterben.

          Lebenswille und Selbstzerstörung

          Nicht umsonst hat dieser Schriftsteller sich seinen Ruhm mit Romanen, Dramen und Filmskripten erschrieben, die zeitgeschichtlich symptomatische Lebensläufe großer Künstler behandeln – von den Psychodramen um Brecht und Ruth Berlau, Strindberg und Hamsun bis zur Lebenstragödie Selma Lagerlöfs, hinter deren nobelpreisgekrönter Erzählkunst Enquist das verzweifelte Bemühen sichtbar macht, die Trunksucht des Vaters umzudichten ins Familienidyll. In seiner Autobiographie nun beobachtet er mit derselben Schärfe die Lebenstraumata und den Kunstwillen eines Schriftstellers, der den Namen P. O. Enquist trägt. Er erzählt von Aufstieg und Fall, von Lebenswillen und Selbstzerstörung eines Mannes, der sich so gut zu kennen glaubt und der erleben muss, wie ihm ebendie Fähigkeit zur Selbstanalyse und die Begabung, deren Ergebnis wortgewandt zu formulieren, am Ende nur zu neuen Vorwänden für das Weitermachen werden, für das Weitertrinken, für das Sterben. Die tiefe Skepsis gegenüber der Reichweite einer doch als unumgänglich begriffenen Aufklärung, dieses Lebensthema Enquists: hier richtet sie sich auf die Selbstaufklärung, auf das Bekenntnis aus dem Geist protestantischer Wahrheitsliebe. So sind Enquists Confessiones getragen von Diskretion und zugleich, so sonderbar das klingt, Empathie für eine Figur, die Ich heißen könnte und doch konsequent nur „Enquist“ heißt. Allein im Zitat aus einem der während des Abstiegs zur Hölle geschriebenen Texte erscheint dann beiläufig die erste Person Singular.

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