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Paschens Weihnachtsroman : Ein Fest für Doktor Gänsehaupt

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Es könnte so friedlich sein, das Fest mit der Familie Bild: dpa

Psychoanalytische Séance am heiligen Abend: In Maruan Paschens Roman „Weihnachten“ erzählt ein Mann einem schweigsamen Therapeuten vom Weihnachtsfest seiner gar nicht so heilen Familie.

          Zu einer Zeit, als Gastarbeiter noch Gastarbeiter hießen, legte sich die Zunft der Literaturkritiker auf einen triftigen Untersuchungsgegenstand fest. Unter Migrantenliteratur verstand man die literarischen Texte, die, von Migranten erster oder zweiter Generation geschrieben, wahlweise Heimweh, Fremdheit oder soziale Ausschlüsse verhandelten. Mit den Jahren schärfte sich der Analyseanspruch. Aus Migrantenliteratur wurden „postmigrantische Perspektiven“. Inzwischen wird kaum noch vom Migrationshintergrund des Autors auf Motiv oder Erzählweise seines Romans geschlossen. Eine Erwartung an diese Form deutschsprachiger Literatur hält sich jedoch hartnäckig: Man liest bevorzugt Identität heraus. Nicht selten, so scheint es, haben hier die Protagonisten Identitäts- oder Integritätskonflike, Ambiguitäten müssen ausgehalten, stabile Protagonisten-Persönlichkeiten erst entwickelt werden.

          Erfrischend anders ist das in Maruan Paschens nun erschienenem zweiten Roman „Weihnachten“, der als psychoanalytische Séance angelegt ist. Der Protagonist, er trägt den gleichen Namen wie der Autor, berichtet seinem schweigsamen Therapeuten Dr. Gänsehaupt vom Weihnachtsfest der Familie, den „Paschens“. Eine autobiographische Weihnachtsgeschichte? Nein, die Figuren in diesem Roman haben keine stabilen Identitäten, keine realen Bezüge, sie wollen nicht gedeutet werden.

          Jedes Kapitel eine Familiengeschichte

          Die Paschens, das sind Maruans Mutter und ihre vier Brüder, Tarzan, Art, Otto und Berti. Einmal im Jahr treffen sie sich zum gemeinsamen Weihnachtsfest, wobei Fondue und Tischgespräche dem Öffnen der Geschenke vorgezogen werden. Man spricht über die Vergangenheit der jetzigen und die der vorherigen Generation. Jedes dieser 25 Kapitel des Buchs enthält eine Familiengeschichte, ein Bild, ein Ritual, ein Objekt, an dem sich die nostalgische Erinnerung des Erzählers entzündet. Angeordnet sind sie spontan, disparat und dringlich.

          Oft haben die Episoden szenischen Charakter: Da ist das Rindfleisch, das stets im Uhrzeigersinn in die Runde gegeben wird, da der dampfende Rumtopf, der schweigend getrunken wird, kleine alljährliche Gesten mit familienstiftendem Sinn. Da sind die Fotografien der Vorfahren in Wehrmachtsuniform und die familiäre Unfähigkeit, darüber zu sprechen. Da ist die Erinnerung an Maruans Vater, einen im Westjordanland lebenden Unbekannten, konserviert und sorgsam weitererzählt von den Verwandten. Da ist die zerstörte Butterschale und die Verzweiflung über den mütterlichen Schmerz angesichts ihrer Scherben.

          Maruan Paschen: Weihnachten.

          Maruan Paschen gelingt es, an Objekten der Erinnerung ein ganzes Zeitpanorama seiner Jugend und somit der achtziger und neunziger Jahre zu entfalten, eine Zeit, „in der die Farbe Grün zu einer politischen Farbe wurde, in der der VW Käfer zum VW Golf wurde“ und „in der die Suppen mit Eigelb gebunden wurden, anstatt mit Mehl“. Der Roman ist die Beschreibung der weihnachtlichen Zusammenkunft einer Familie, die genauso wenig normal ist wie jede andere, genauso wenig heil, und in der jeder seinen eigenen Abgrund mit sich herumträgt. Die Erzählung mäandert, ist nicht kondensiert, sondern wirkt locker und nonchalant aus der Hand geschrieben. Dagegen steht die Schwere der Erinnerungssplitter, die schmerzen und isolieren, immer wieder schweigt einer den Teller an, während andere durcheinanderreden.

          Paschens Roman ist eine Bestandsaufnahme dessen, was in die Waagschale gehörte, wenn man Identität wirklich erfassen wollte. Und weil diese Schale als so groß, die Erinnerungen als so mannigfach geschildert werden, ist es eben kein Buch über die Identität als abstrakte Größe, sondern darüber, dass diese immer relational ist: Protagonist Maruan ist Sohn und Einzelkind. Vaterlos zwar, aber wird hier nicht deutlich, dass vier erinnerungserzählende und mitunter auch erinnerungserfindende Onkel einen fehlenden Vater hinreichend ersetzen können? Paschens Figuren sind fluide und wechselhaft, sie schmiegen sich ihrem Gesprächspartner an, fügen sich ein und sind doch immer ein bisschen allein. Man möchte glauben, dass hinter einer solchen Figurenkonzeption eine echte und menschliche Weltanschauung steht.

          Manchmal fügen sich Paschens Charaktere in eine ihnen angebotene Rolle nur aus experimentellem Interesse ein. Für einige Minuten findet sich Maruan wieder als ein „in Deutschland lebenden Araber“. Auf einem Flug nach Tripolis wird über das Bordmikrofon ein Arzt verlangt. Im Affekt meldet sich Maruan, der, obschon kein Arzt, sich darüber freut, den auf Arabisch gesprochenen Notruf zu verstehen: „Ich wollte sagen: Ja, hier, hier ist einer, der diese Sprache versteht. Hier ist einer, der in Deutschland lebt und diese Wörter versteht.“ Und auch heißt es da: „Ich war ein in Deutschland lebender Araber, aber nur für ein paar Minuten. Ich gebe zu, das sieht so aus, als gäbe es gar kein System, nach welchem man ein in Deutschland lebender Araber ist. Und ich gebe auch zu, dass das stimmt.“ Hier entfaltet der Roman einen ernsteren Ton. Denn nicht jede Rolle kann abgestreift werden wie eine Schlangenhaut, manchmal kommt sie in Form eines Weihnachtsgeschenks zurück.

          Weihnachten ist die Urszene der Identitätsverhandlung. Die Sorge vor dem alljährlichen Heimkommen ist die Sorge vor dem Vermittlungsproblem zwischen früherem und spätem Ich. Maruan Paschen, der in einem Interview gesagt hat, dass er es schätzt, wenn Literatur nicht zwingend etwas verändern, etwas heilen muss, hat einen Roman darüber geschrieben.

          Maruan Paschen: Weihnachten. 196 Seiten, Matthes & Seitz Berlin, 20 Euro

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