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Lausemädchen-Podcast : Du bist die Beste, Ollarikchen

Ollarikchen 1951 im Eingang der Bäckerei ihres Großvaters in der Bad Soodener Weinreihe Bild: privat

Erinnerungen eines Lausemädchens: Was die Enkeltochter eines Bäckermeisters Anfang der fünfziger Jahre erlebte und was ihre Familie mit ihr, erweckt Katharina Thalbach in einem Podcast zum Leben.

          3 Min.

          Für alle anderen war sie die Bäckerlina, für den Bäcker, ihren Großvater, war sie Ollarikchen: „Du bist die Beste, Ollarikchen“, sagte er gern und streichelte der Enkelin über den dunklen Bubikopf. Ihre Mutter rief sie mit vollem Namen, Ulrike, wann immer sie etwas ausgefressen hatte. Und die Mutter wird den Namen oft gerufen haben, denn was Ulrike Richter aus ihrer Kindheit im nordhessischen Bad Sooden in den frühen fünfziger Jahren zu erzählen hat, muss damals bei den Erwachsenen regelmäßig für Kopfschütteln gesorgt haben, den Großvater einmal ausgenommen. Heute sorgt es - vorgelesen von Katharina Thalbach – für Vergnügen.

          „Ollarikchen – Die Wilde von der Weinreihe“ heißt der Podcast mit ein- bis vierminütigen Episoden, und sein Zustandekommen steht den Geschichten an Originalität kaum nach: Sally McGrane, eine in Berlin lebende amerikanische Journalistin und Autorin, hatte sich zum Schreiben in die Kleinstadt zurückgezogen und zu hören bekommen, was die Mutter eines Freundes zu erzählen hat. Die Anekdoten wurden aufgenommen, abgetippt, leicht in Form gebracht – und als Buch, erzählt McGrane, von Literaturagenten und Verlagen als schwer verkäuflich abgelehnt. Dann kam der Corona-Lockdown, eine Zeit, in der auf einmal möglich war, für ein hausgemachtes Projekt dieser Dimension eine Größe wie Katharina Thalbach zu begeistern.

          in ihrer Stimme schwingt der längst erwachsene Blick auf die Abenteuer von einst wie die Unmittelbarkeit des Erinnerns: Katharina Thalbach.
          in ihrer Stimme schwingt der längst erwachsene Blick auf die Abenteuer von einst wie die Unmittelbarkeit des Erinnerns: Katharina Thalbach. : Bild: dpa

          Die Schauspielerin und Regisseurin hatte gerade die Vollbremsung ihrer neuen Produktion für die Komödie am Kurfürstendamm erlebt – und jetzt, über ihren Agenten angesprochen, Zeit, den Episoden ihre Stimme zu leihen. Vom Sessel zu Hause aus, aufgenommen mit dem Smartphone. Eine passendere Sprecherin als Katharina Thalbach, deren Stimme Treuherzigkeit und Hintersinn vereinen kann wie keine zweite, hätte man sich für Ollarikchen nicht wünschen können. Und kaum schönere Geschichten als die des gewieften Lausemädchens, das in ihrem Großvater gutmütigen Rückhalt, in der Großmutter eine gestrenge Widersacherin, im älteren Bruder ergebenes Publikum und in der kleinen Schwester Renate oft genug ein Opfer ihres Freiheitsdrangs findet.

          Ihr Erfindungsreichtum ist beachtlich

          Von der Hebamme hatte Ollarikchen, bevor sie bei Renates Geburt aus dem Zimmer geschoben wurde, noch gesagt bekommen, der Klapperstorch werde die Mutter jetzt ins Bein zwicken. Schnell stellte sich heraus, dass hier jemand gelogen hatte, und die Hebamme bekam einen Tritt vors Schienbein. Nachdem sie den Kinderwagen mit der schreienden Schwester einmal oben auf der Weinreihe einfach losgelassen hatte und „irgendwelche Leute“ ihn der Mutter mit dem erstaunten Bericht zurückbrachten, er sei „von ganz alleine“ gekommen, wurde Ollarikchen von dieser Pflicht entbunden. Als sie vom unteren Stockbett aus mit ebenso gezielten wie vorsichtigen Tritten die kleine Schwester über ihr zu Fall brachte, musste sie sich endlich nicht mehr mit ihr oben und unten abwechseln – und konnte ihre Vorräte auf dem Schrank nun immer erreichen. Nötig war dies, wenn sie wieder einmal zur Strafe ohne Abendessen ins Bett musste.

          Einmal entlässt sie mit der Freundin die beiden Hühnerscharen der Großmütter auf den Friedhof hinter der Häuserreihe, woraufhin die alten Frauen wochenlang streiten, wem welches Huhn gehört. Den Kurgästen verkauft sie selbstgepflückte Blumensträuße mit der halb aufgeschnappten Geschichte, sie seien verarmter Adel. Mit dem Locher aus Vaters Büro traktiert sie das verhasste Nachthemd, ein Geschenk der nicht minder verhassten Tante. Mit Damenbinden aus Mutters Nachttisch in Großmutters Schuhen stolziert sie über die Weinreihe: Der Erfindungsreichtum des Mädchens ist beachtlich, und man muss sich schon ein gehöriges Maß erzieherischer Strenge auferlegt haben, um nicht zumindest klammheimlich an diesen Abenteuern Spaß zu haben. Wie der Großvater.

          Frisch erzählt, hinreißend vorgelesen

          Überhaupt der Großvater: Wenn Ollarikchen aus der Bäckerei im Erdgeschoss des Wohnhauses von drei Generationen erzählt, riecht und schmeckt und fühlt man die Leckereien, die hier entstehen, förmlich. Der Lebensmittelladen der Nachbarn, der Milchladen mit den beiden Kühen im Schaufenster, die mit den Köpfen wackeln konnten: Episode für Episode entsteht vor den Hörern das Bild einer Kindheit in einer Epoche, in denen Nachbarn noch Spitznamen hatten, die aber tunlichst niemand aussprechen durfte, in der sich Kinder Tiere in die Hosentaschen steckten und sie dort vergaßen, in der sie bei ihren Abenteuern nahezu unbehelligt bleiben konnten und grundsätzlich niemand etwas dabei fand.

          Für die Jüngsten hat der Musiker Axel Scheele die Geschichten zur Auflockerung mit Klängen und Geräuschen unterlegt. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, so frisch, wie die Anekdoten erzählt und aufgeschrieben sind – und so hinreißend, wie Katharina Thalbach sie vorliest: In ihrer Stimme schwingt die Distanz der Jahrzehnte ebenso mit wie das Selbstbewusstsein des Erlebten, der längst erwachsene Blick auf die Abenteuer von einst wie die Unmittelbarkeit des Erinnerns.

          Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge, zu finden auf der Website „www.ollarikchen.de“, aber auch bei Spotify oder iTunes. Für eine der beiden großen Hörergruppen, Vor- und Grundschulkinder und ihre Eltern, eine Selbstverständlichkeit, für andere, manche Hörer etwa im Alter der Protagonistin, ein echter Angang. Ollarikchen jedenfalls, heute Anfang siebzig, hat sich darauf eingelassen. Dass sie sich damit angefreundet hätte, wäre vielleicht zu viel gesagt: „Sally, ich brauche einen neuen Podcast“, hat sie der Initiatorin unlängst erst geschrieben, als sie eine neue Folge nicht gleich abrufen konnte, „meiner geht nicht“.

          Sally McGrane: „Ollarikchen – Die Wilde von der Weinreihe“. Gesprochen von Katharina Thalbach, Musik von Axel Scheele. Jeden Donnerstag erscheint eine neue Folge unter: www.ollarikchen.de.

          Die Weinreihe in Bad Sooden auf einer alten Postkarte
          Die Weinreihe in Bad Sooden auf einer alten Postkarte : Bild: Stadtarchiv Bad Sooden-Allendorf

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