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Oliver Sacks’ Autobiographie : Ein besonders rasantes Leben

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Bindung, Zugehörigkeit und Zuversicht

Seine größte Liebe als Junge, Teenager und weit darüber hinaus galt Motorrädern. Fast immer, wenn sie in seiner Autobiographie auftauchen - und sie tauchen oft auf, schwere Maschinen mit starken Motoren -, greift er zu Tier-metaphern. Sei es, dass er sie sattelt „wie ein Pferd“ oder aber sich selbst im Zusammenhang mit ihnen als Wolf beschreibt: „Bei Tag war ich der geniale, weißbekittelte Dr. Oliver Sacks, aber bei Einbruch der Nacht pflegte ich meinen weißen Kittel gegen meine Motorrad-Lederkluft einzutauschen und mich, anonym, wie ein Wolf, aus dem Krankenhaus zu stehlen . . .“ - und dann fährt er manchmal Tausende von Kilometern an einem Wochenende, frei wie ein wildes schnelles Tier, um sich am Montagmorgen wieder in der Klinik einzufinden, den weißen Kittel anzuziehen und wieder Dr. Sacks zu sein.

Er hat eine Gabe: Für Oliver Sacks sind seine Patienten nicht einfach krank, sondern faszinierende Abweichungen von der sogenannten Norm.
Er hat eine Gabe: Für Oliver Sacks sind seine Patienten nicht einfach krank, sondern faszinierende Abweichungen von der sogenannten Norm. : Bild: dpa

Als kleiner Junge wurde er während des Krieges eine Zeitlang in ein Internat geschickt. In dieser Zeit vermisste er seine Eltern und sein Zuhause so sehr, dass er mutmaßt, diese einigermaßen frühe Trennung könne der Grund dafür sein, dass er für den Rest seines Lebens Probleme mit den „drei B“ haben sollte: „bonding, belonging and believing“ (Bindung, Zugehörigkeit und Zuversicht). Erschwerend kam wohl noch hinzu, wie seine Mutter reagierte, als sie verstand, dass ihr Sohn sich für Männer interessiert. „Ich wünschte, du wärest nie geboren“, waren ihre Worte. So habe ihn, schreibt er, wann immer er sich verliebte (was insgesamt nur vier Mal geschah), immer auch ein Gefühl von Schande und Scham befallen.

Eine Vorliebe für Kopffüßer

Mit 27 Jahren verließ Sacks England, ging nach Kanada, Kalifornien, schließlich New York, wo er seit 1964 lebt. Eigentlich wollte er sich mit wissenschaftlichen Forschungen einen Namen machen, aber weil er ständig wichtige Dinge im Labor versemmelte oder seine gesamten Notizen verlor, verlegte er sich irgendwann auf die Arbeit mit Patienten. Und weil er so gut wie nie ein Privatleben hatte (einmal, schreibt er, habe er 35 Jahre am Stück keinen Sex gehabt), sondern sich rund um die Uhr um seine Patienten kümmern konnte, gelangen ihm eben solche bahnbrechenden Glücksmomente wie die, die er in „Awakenings“ beschrieb.

Abgesehen von seiner Arbeit, der mit Patienten und der als Schriftsteller, brennt Sacks unter anderem für Mozart, Farne, Fotografieren, Tintenfische, allgemein Kopffüßer, Gravitationswellen, Vulkane und das zwölfbändige „Oxford English Dictionary“, das er tatsächlich ganz gelesen hat. In einem rührenden Absatz beschreibt er sich selbst als sozial ungeschickt, unbegabt für Smalltalk, schüchtern, unfähig, Gesichter wiederzuerkennen, schwerhörig und desinteressiert an aktuellen Themen, seien die nun politisch, sozial oder sexuell. So gut wie nie spreche er mit Menschen auf der Straße.

„Ich hatte Austausch mit der Welt“

Doch als es vor ein paar Jahren eine Mondfinsternis gab, lief er mit einem Teleskop herum und war so aufgeregt, dass er jedem Passanten, der an ihm vorbeikam, sein Instrument in die Hand drückte, um alle teilhaben zu lassen an diesem außerordentlichen Ereignis und Glück. Er unterbrach sogar eine Frau und einen Parkwächter beim Streiten. Beide sahen sie zum Mond, murmelten „Wow“, gaben ihm das Teleskop zurück und nahmen ihren Streit wieder auf. Man meint, in dieser Passage das Kopfschütteln mitlesen zu können, mit der Sacks sie vermutlich geschrieben hat. Dass es Menschen gibt, die keinen Sinn haben für all die sagenhaften Wunder, die diese Welt für uns bereithält, es scheint nicht in seinen Kopf zu wollen.

Noch ein Wunder: Mit Ende siebzig hat Oliver Sacks sich nach einer Ewigkeit wieder verliebt - und es zum ersten Mal gewagt, eine Beziehung einzugehen. Seither lebt er mit dem Schriftsteller Billy Hayes zusammen, was er als „großes, unerwartetes Geschenk“ beschreibt - „nach einem ganzen Leben auf Distanz“.

Seinen Artikel in der „New York Times“ ließ er so enden: „Ich habe geliebt und bin geliebt worden; mir wurde viel gegeben und ich habe etwas zurückgegeben; ich habe gelesen, bin gereist, habe gedacht und geschrieben. Ich hatte Austausch mit der Welt, den besonderen Austausch zwischen Schriftstellern und Lesern.

Vor allem war ich ein fühlendes Wesen, ein denkendes Tier auf diesem schönen Planeten, und das an sich war schon ein enormes Privileg und Abenteuer.“

Es ist die Vergangenheitsform, die daran so unglaublich verkehrt scheinen will.

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