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Oliver Maria Schmitt : Der lange Weg zur Pointe

2009 suchte Oliver Maria Schmitt als türkischer Dichter und Denker Ertugrul Osmanoglu den Welterfolg Bild: Marcus Kaufhold

Der „Titanic“-Satiriker Oliver Maria Schmitt will mit einer Mischung aus Hape Kerkelings und Charlotte Roches Erfolgsbüchern den Weltmarkt erobern. „Der beste Roman aller Zeiten“ wird aber erst lustig, wenn es fast schon zu spät ist.

          „Ich bin dann mal in der Nasszelle“ hieß das in Wirklichkeit natürlich gar nicht existierende Romanmanuskript, das Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur des endgültigen Satiremagazins „Titanic“ und seither Schriftsteller, auf der letzten Buchmesse als „absolutes Knüllerangebot“ an den Verlag bringen wollte. Jedenfalls dachte er sich das so aus: Er verkleidete sich, dem Buchmesseschwerpunkt Türkei gemäß, als Türke, nahm Feridun Zaimoglu liebevoll auf den Arm, indem er sich Ertugrul Osmanoglu nannte, und hatte schon allein deshalb einen Knaller zu bieten, weil sein Buch die Fusion aus Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ und Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ war, ein schonungsloses, ein offenes, ein leidenschaftliches Buch, dessen Welterfolg programmiert sein musste, allein des Rezepts wegen, nur dass dieses Buch in Frankfurt keiner haben wollte, es ungeheuerlich war, wie man dort mit einem unbescholtenen türkischen Autor umsprang, weswegen Ertugrul Osmanoglu das Messegelände bald wieder verließ, um nach Istanbul aufzubrechen.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das war sehr lustig. Eine durchgedrehte kleine Beinahe-Real-Satire über die „Kontaktbörse“, die die Buchmesse ist, wo „Themen abgefrühstückt“ werden und Verleger nur hinter vorgehaltener Hand preisgeben, dass die Türkei „keine Sau interessiere“, woran nicht mal „Orhan Pumuckel“ etwas ändern könne. Jetzt hat Oliver Maria Schmitt den „Besten Roman aller Zeiten“ geschrieben. Beziehungsweise hat er einen Schriftsteller erfunden, der einmal den „Besten Roman aller Zeiten“, kurz „Braz“, geschrieben hat, an einem trostlosen Ort, denn wirklich schreiben könne man nur an trostlosen Orten, nämlich in genau der Wohnung, in der die RAF einst Hanns-Martin Schleyer festhielt, dem „Volksgefängnis“, welches dieser Schriftsteller, Dr. Hollenbach, den man schon aus Oliver Maria Schmitts erstem Buch „Anarchoshnitzel“ kennen kann, anmietete, um in der „Cut-up-Technik“ aus lauter Bestsellern einen neuen zusammenzustellen: Von Ransmayrs „Letzter Welt“ übernahm er die „poetische Powersprache“, die Landschaftsbeschreibungen und den ironischen Ton von Thomas Mann, ein paar Dialoge aus Kehlmanns „Vermessung der Welt“, ein bisschen was aus der Bibel und von Paulo Coelho und so weiter.

          Es rockt nicht

          Dem mittlerweile hochverschuldeten Schriftsteller stellt Schmitt einen Erzähler und Schuldenberater zur Seite, der gerade ein Diplom als „Coach, Mediator und Entschleuniger“ absolviert hat; das tragische Komikerduo begegnet sich im Frankfurter Bahnhofsviertel, macht einen Abstecher zur tablettensüchtigen Übermutter des Autors und wird schließlich von Albanern in die albanische Hochebene verschleppt, wo ein Kulturmafioso in den Bunkern Enver Hodschas lauter Erfolgsschriftsteller inhaftiert hat und sie zum Schreiben zwingt, um die Erzeugnisse anschließend ertragreich wieder nach Deutschland zu exportieren.

          Das ist auch ziemlich durchgedreht, aber richtig lustig eben nicht, weil man, bevor es endlich nach Albanien geht, erst mal langweilig durchs Milieu schlurfen muss (Frankfurter Bahnhofsviertel!), weil Pointen ins Leere laufen (Hanns-Martin Schleyer) und mit der Persiflage auf die Coaching-Rhetorik des Coachs („Ich muss meine Work-Life-Balance neu justieren“) so viele offene Türen eingerannt werden, dass der Roman eins ganz sicher nicht tut: Er knallt nicht. Er „rockt“ auch nicht, obwohl in diesem Roman - einer der Lieblingssätze des Erzählers - ständig „ein Handy rockt“. Die Idee mit dem Bestseller-Sampling hat man dann auch schon verstanden, als im albanischen Bunker alles von vorne losgeht und der unter Schreibdruck sich befindende Schriftsteller, von Kafkas „Verwandlung“ bis schon wieder zu Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, erfolgsgarantierte Romananfänge variiert. Das nervt. „Sex ist dem Jakobsweg sein Genitiv. Eine Vermessung“ heißt ein Buch von Harald Schmidt, und über den hat man auch schon länger nicht mehr gelacht.

          In der Groteske des albanischen Ehrenkodexes fühlt man sich bei Oliver Maria Schmitt deshalb viel wohler als in der abgegrasten Buchbranchensatire. Da ist der Autor auf der Hochebene. Da kann er die Stereotypie vom zigarettenschmuggelnden, autoklauenden und in unvergleichlicher Poesie fluchenden Albaner so irre werden lassen, dass, statt bloßer Pointenjagd, die noch mal verzerrte Fratze des Klischees in ihrer ganzen Beklopptheit hinter jedem Hodscha-Bunker lauert, weshalb der „Beste Roman aller Zeiten“ überall da gut ist, wo es nicht um den „belletristisch-industriellen Komplex“ geht und Ulrich Wickert gar nicht erst nicht vorkommt.

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