https://www.faz.net/-gr0-9wmlf

Peter Handkes neuer Roman : Von einem, der auszog, um Rache zu nehmen

Peter Handke in seinem Garten in Chaville bei Paris Bild: AFP

Wenn die Widerworte leiser werden: Peter Handkes metafiktionale Maigeschichte „Das zweite Schwert“ macht aus Fremden lauter gute Menschen.

          4 Min.

          Ein Mann betrachtet sich im Spiegel. „Das Gesicht eines Rächers“, findet er, was zu seinem Vorhaben passt, das auszuführen er gerade sein Haus verlässt. Zugleich beobachtet er, wie diese Einschätzung „vollkommen lautlos aus mir“ kam, in einem jener tagelangen, stummen Selbstgespräche, in denen der Mann seit Jahren geübt ist. Dieses aber ist anders. Denn mit dem Gespräch erscheint „ein menschliches Wesen, welches dabei war, nach vielen Jahren des Zögerns, des Aufschiebens, in den Zwischenzeiten auch des Vergessens, aus dem Haus zu gehen und die längst fällige Rache zu exekutieren“ – es „erscheint“ also ein Wesen, das dem Erzähler zu eigen ist, aber nicht völlig kongruent, so dominant in diesem Moment wie es zuvor verborgen gewesen ist. Und dieses Spannungsverhältnis prägt Peter Handkes schmalen Roman „Das zweite Schwert“, der dieser Tage erscheint, vom ersten Absatz an.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Anlass für den plötzlich so übermächtigen Rachewunsch liefert ein lang zurückliegender Zeitungsartikel, der für den Erzähler gleichwohl immer präsent geblieben ist. In dem Text, der sich mit dem Erzähler beschäftigt, hatte die Journalistin auch kurz seine Mutter erwähnt, die mit den Nationalsozialisten sympathisiert habe. Belegt worden sei das, so der Erzähler, mit einem gefälschten Foto der beim Einmarsch der Faschisten jubelnden Mutter. Jedenfalls nehme er die „öffentliche“ und „ohne Anrempelworte daherkommende Schriftsprache, verkürzt gesagt, der Zeitungen“ als „Gewaltakte“ wahr, die „wehrlosen Opfern nie wiedergutzumachendes Unrecht zufügte“.

          Irrfahrt durch die Île de France

          Das klingt durchaus nach Peter Handke, der auch sonst mit dem Erzähler des Romans einiges Biographische teilt, darunter den Wohnort in der Nähe von Paris. Von dort bricht nun der Erzähler auf, um Rache zu nehmen, denn jene Journalistin wohnt ebenfalls in der Region Île de France. Der Weg führt ihn zu Fuß zur Tram, die hier zur Untergrundbahn wird, mit Bus und Taxi zum ehemaligen Kloster Port Royal des Champs und schließlich nach einer wahren Irrfahrt mit einem Ersatzbus zu einer Bahnhofsgaststätte, in der er den Abend ausklingen lässt.

          Was es mit der schönen Gattungsbezeichnung der „Maigeschichte“ auf sich hat, erschließt sich rasch von der Oberfläche her und von der, davon nicht zu trennenden, heilsgeschichtlichen Grundierung. Handkes Erzähler entwirft eine mitunter beinahe anmutige Frühlingslandschaft, ohne die Spuren des Menschen zu vertuschen, im Gegenteil, er vergleicht die erinnerte, weniger berührte Gestalt eines Seitentals mit dem Ergebnis des Trambahnbaus an dieser Stelle und macht seinen Frieden. Er hat ein waches Ohr und Auge für die Vögel bis hin zur Deutung ihrer Rufe oder registriert ein Schmetterlingspaar, das einander schwebend umkreist. Tatsächlich ist der Roman wie durchwebt mit Bildern von Paaren und kontrastierend von überraschenden Einzelgängern – ein ganzer Absatz ist Sportlern gewidmet, vom Basketballer bis zum Boulespieler, die ihr Werk allein ausüben.

          Nicht spitzfindig werden

          Kein Zufall, natürlich nicht, und dieser Riss bildet sich auch in der Sprache des Erzählers ab. Immer wieder tastet er sich vor und nimmt das eben Gesagte zurück, oder aber eine zweite Stimme fällt ein, sagt „Unsinn“ oder beginnt eine Widerlegung mit „Andererseits“, mahnt dann wiederum „Nur nicht spitzfindig werden!“, gefolgt von „Das ist keine Spitzfindigkeit!“, so dass man mitunter seitenweise einem Dialog zu lauschen meint.

          Weitere Themen

          „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“ Video-Seite öffnen

          Schriftsteller Waltern Kirn : „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“

          Walter Kirn wurde mit seinem Roman „Up in the Air“ (2001), der mit George Clooney verfilmt wurde, als Schriftsteller bekannt. Der Amerikaner kommentiert die amerikanische Gegenwart vor allem auf Twitter, zeitweilig auch als Kolumnist bei „Harper’s“. Zuletzt erschien sein Buch „Blut will reden“ im C. H. Beck Verlag.

          Der Real-Utopiker

          Zum Achtzigsten von Uwe Timm : Der Real-Utopiker

          Unbegabter zum Zynismus kann man kaum sein, menschenfreundlicher wohl auch nicht: Zum achtzigsten Geburtstag des Schriftstellers Uwe Timm versammelt ein Band Essays, einer Würdigungen und einer Texte zum Werk.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.