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Neue Hör-Edition : Der erste Medienstar unserer Literatur

Hunderte sind gekommen, um ihn zu hören: Thomas Mann 1949 in Weimar, wo er seine Frankfurter Goethe-Rede wiederholte. Bild: DLA Marbach

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Thomas Mann auf Lese- und Vortragsreise. Viele seiner Auftritte sind akustisch erhalten. Jetzt gibt es eine neue Edition mit Originaltönen des Autors, die seinem Genie aber nicht gerecht wird.

          4 Min.

          Hätte man in die vollmundig als „große Originalton-Edition“ angepriesene Audio-Kassette mit Lesungen, Reden und Interviews von Thomas Mann auch nur einen Teil jener Sorgfalt und Energie gesteckt, die gegenwärtig der „Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe“ seiner Werke bei S. Fischer zuteilwird - es wäre über ein Hörfest zu berichten, das seinesgleichen suchte. Aber was der Münchner Hörverlag, dessen Renommee sich nicht zuletzt der Klassikerpflege verdankt, jetzt auf siebzehn CDs vorlegt, ist überwiegend die bloße Wiederverwertung längst veröffentlichter, zudem immer noch lieferbarer Aufnahmen in neuer, wenngleich hübscher Verpackung. Es ist mithin entschieden zu wenig.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit dem Beiheft fängt es an. Nahezu alle Texte sind völlig unverändert, also auch unaktualisiert aus einer vor genau zehn Jahren erschienenen ersten Edition der „Hörwerke“ übernommen, die nach wie vor im Handel ist. Gleiches gilt für die Jahrhundert-Erzählung „Tonio Kröger“, die Thomas Mann 1955, wenige Monate vor seinem Tod, als einziges seiner Werke in voller Länge für den damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk eingelesen hat.

          Glückhaft überlieferte Originaltöne

          Es gilt für die bei diversen Gelegenheiten vorgetragenen Passagen aus dem Fragmentroman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, für das Kapitel „Das bunte Kleid“ aus der „Joseph“-Tetralogie, mehrere Szenen aus dem Romanspätling „Der Erwählte“ von 1951 und für die Auswahl der mit alttestamentarischem Zorn wie polemischer Hellsicht auf Schallplatte gesprochenen BBC-Reden „Deutsche Hörer!“, die zwischen 1940 und 1945 durch Aufklärung aufrütteln wollten - ja, es gilt selbst für die Einführung in „Leben und Werk“, die der Hessische Rundfunk bereits im Jahr 2001 mit dem Germanisten Hermann Kurzke produziert hat.

          Das Feature und die glückhaft überlieferten Originaltöne gibt es jenseits der „Hörwerke“ natürlich auch noch in Einzelausgaben. Und seit 2010 ebenfalls auf einer CD erhältlich ist ein Juwel des deutschen Nachkriegsradios: jenes „Wunschkonzert“, bei dem Thomas Mann 1954 eine Funkstunde lang über seine musikalischen Leidenschaften sprach und seine Lieblingsstücke zu Gehör brachte - vom „Lohengrin“-Vorspiel, 1947 dirigiert von Hans Knappertsbusch, bis zur III. Leonoren-Ouvertüre in der Einspielung der Wiener Philharmoniker unter Bruno Walter 1936.

          Keine glückliche Auswahl

          Natürlich findet sich auch dieses Juwel in der neuen Edition, aber selbst dies geht nicht ohne gelinde Peinlichkeit ab. Denn um seine Passion für Claude Debussys „Nachmittag eines Fauns“ und für Beethovens „Fidelio“ zu beglaubigen, las Thomas Mann einst im Stuttgarter Studio Sequenzen aus Hans Castorps „Zauberberg“-Schwelgen in der „Fülle des Wohllauts“ und aus Adrian Leverkühns zur Hymne sich steigernder Leonoren-Hommage aus dem neunten Kapitel des „Doktor Faustus“. Als sei es der Wiederverwertung nicht genug, finden sich genau diese Passagen unter der Rubrik „Auszüge aus anderen Romanen“ ein zweites Mal - im CD-Verbund mit dem „Joseph“-Kapitel und dem Lese-Potpourri aus dem „Erwählten“.

          Seine Reisen führten Thomas Mann auch in die Vereinigten Staaten: Der Schriftsteller mit Frau (l.) und Tochter  1937 auf einem Schiff in New York.

          Lediglich vier der siebzehn CDs bieten Unveröffentlichtes aus dem Züricher Thomas-Mann-Archiv. Ganz glücklich ist auch diese Auswahl nicht. Gewiss, es ist ein großer Gewinn, dass wir erstmals den Vortrag „Nietzsches Philosophie im Lichte unserer Erfahrung“ hören können, den der zunächst nur besuchsweise aus dem amerikanischen Exil nach Europa zurückgekehrte Dichter 1947 vor dem PEN-Club hielt: Die erheblichen Kürzungen, die er gegenüber der parallel publizierten Druckfassung vornahm, verraten sein dramaturgisches Gespür für den rhetorischen Effekt. Vor allem aber ist es die improvisierte, gut vier Minuten währende Einleitung, die ungemein berührt, ist sie doch eine äußerlich verstandesklare und lakonisch liebenswürdige, insgeheim (und spürbar) aber von Erschütterung bebende Eloge auf das Ende des Weltenbrands und das Überstehen, das Überleben des Krieges.

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