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Finnische Kriminalromane : Das Eis kann jederzeit brechen

  • -Aktualisiert am

Auch das vermeintlich beschauliche Finnland kennt längst das reale Grauen diesseits der Fiktion: ein Selbstporträt des Amokläufers von Jokela Bild: dpa

Schwedische Krimiautoren sind eine Weltmacht, finnische noch nicht einmal eine Regionalmacht. Nun bringen die Finnen zur Buchmesse einen Stapel Krimis mit. Was für einem Land begegnen wir da?

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          Es muss kein Nachteil sein, dass Finnland von der Außenwelt noch zweihundertfünf Jahre nach der Abtrennung von Schweden in einem Atemzug mit dem Land des Drei-Kronen-Wappens genannt wird. Dem Buchhandel gilt der Norden als eine weite, von Island bis an die russische Grenze durch das Genre des Schwedenkrimis geeinte Nation. Für den Krimi-Export ist das gut. Doch Finnland zählt nicht mal zu den skandinavischen Ländern. Es ist anders, gebrochener, verwundbarer - und uns so wenig vertraut, dass man bei der Erstbegegnung mit einem finnischen Krimi kaum einen Ortshinweis kennt und keinen Namen behält. „Tiina“ und „Liina“ hält der Leser für orthographische Patzer.

          Die gute Nachricht: Krimis wie Marko Leinos Thriller „In der Falle“, der solide vom Drogengeschäft im Nordosten Europas erzählt und, wie es nun Brauch ist, mit einem „Präludium“ anläuft, erklären gern die finnische Welt. Zu ihr gehören straffällig gewordene Eishockeyspieler wie der Mann, der zu Beginn des Romans in einen Lieferwagen und von dort auf einen Folterstuhl gepackt wird. Finstere Russen, depressive Mütter, Säufer, entgleiste Schweden, schuftende Balten. Und Ermittler, die „autistisch den Löffel im Milchkaffee drehen“.

          In deren Büro ist es auffällig kalt. Drogencop Juha Viitasalo meint sogar zu spüren, „wie das Eis unter seinen Füßen bedrohlich knackte“. Er fröstelt auch, als er abends das Schattenspiel im Zimmer verfolgt und „einen hungrigen Eisbären in der Zimmerecke“ entdeckt. Ja, selbst das Arbeitsklima in Finnland ist kalt, seit es von den Unternehmensberatern auf Opferbereitschaft, Teamspirit und Zieloptimierung getrimmt wird. Kurz und ungut: „Die geistige Atmosphäre war bedrückend, und die natürlichen Begebenheiten taten das ihre, um die genetisch verwurzelte Neigung der Finnen zu Niedergeschlagenheit und selbstzerstörerischem Verhalten zu verstärken.“ Ohne Johanniskraut im Gepäck fährt man da besser nicht hin.

          Tote und lebendige Rollstuhlfahrer

          Vor dem Hintergrund der Euro-Krise, die Finnlands Wirtschaft abschmieren ließ, musste „In der Falle“ allerdings zu einem Thriller geraten, bei dem alle, bis zum Kommissar, in der Kreide eines anderen stehen. Zehn Lux heller ist das Land der Kitas, Bibliothekarinnen und Forstwirtschaftsstudenten, von dem Seppo Jokinens „Gefallene Engel“ berichtet. Die im Original bereits 2001 veröffentlichte Polizeigeschichte zählt zu einer erfolgreichen Reihe um Kommissar Sakari Koskinen, die sogar noch früher, kurz nach den ersten Maria-Kallio-Bänden Leena Lehtolainens, begann.

          Im Finnland der „Gefallenen Engel“ geht es so alltäglich zu, dass man die Raserei mit dem Moped und den übermütigen (hier komisch misslingenden, weil die Wassertiefe überschätzenden) Kopfsprung in den See als einzige Möglichkeit zur Abwechslung versteht. Das erklärt die gesellschaftliche Relevanz des Falls von Tampere: Koskinen bekommt es mit toten und lebendigen Rollstuhlfahrern zu tun. Einer von ihnen, ein IT-Consultant, traf seine Frau im Rehakurs, nachdem sie auf dem Radweg von einem Betrunkenen überfahren wurde.

          Die Hoffnung, ein Reisejournalist könne uns ausgemaltere Bilder vom heutigen Finnland servieren, zerschlägt sich leider bei Pekka Hiltunens „Das schwarze Rauschen“. Die Zentrale der beiden Mädchen, die einen Mörder mit Hackertalent verfolgen, ist im Bankenviertel von London verborgen wie weiland die Zentrale von Justus Jonas unter den kalifornischen Schrottbergen des Onkels.

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