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Memoiren des Ludwig Emil Grimm : Die Grillen des wilden Bruders

Ludwig Emil Grimm, der unbekanntere, zeichnende Bruder, stellte sich um 1830 den Auszug von Jacob und Wilhelm von Kassel nach Göttingen als regelrechten Triumph vor Bild: Die andere Bibliothek

Als Zeichner wurde er schon wiederentdeckt, als Schriftsteller steht es noch an: Die Lebenserinnerungen des jüngeren Grimm-Bruders Ludwig Emil gibt es nun als opulenten Band, in dem sich Text und Bild ergänzen.

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          Am späten Abend des 28. Juli 1830 stieg zu Ehren des Geburtstags von Kurfürst Wilhelm II. rund um Kassel Feuerwerk auf. Doch der Jubilar hielt sich damals gar nicht in der Hauptstadt seiner Landgrafschaft auf, sondern weilte in privatdiplomatischer Mission in Wien, wo er vom österreichischen Außenminister Metternich die Erhebung seiner langjährigen Geliebten Emilie Ortlöpp zur Reichsfürstin erbitten wollte, nachdem er sie selbst schon zur Gräfin gemacht hatte. Das war ihm wichtiger als die Feiern, die seine Untertanen ihm ausrichteten, und einer von ihnen, der damals vierzigjährige Ludwig Emil Grimm, saß hoch über der Stadt am Fuße des Herkules-Standbildes und machte sich so seine Gedanken über die Lage des Landes und der ganzen Welt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          „Merkwürdig war es da oben in der stillen, warmen Nacht. Eine solche unglaubliche Menge von Fledermäusen, Nachteulen, Käuzchen und Schuhus, Käfern und Schmetterlingen habe ich in meinem Leben nicht gesehn. Das Teufelszeug flog einem beinahe auf den Kopf. Wir blieben bis tief in die Nacht sitzen, in der Nacht, wo so vieles vorging, wo sie in Paris auf Leben und Tod kämpften, wo der König weggejagt wurde, wo durch die Krankheit des Kurfürsten Hessen eine andere Gestalt bekam, wo es auf der ganzen Welt auf einmal anfing zu gären. Was nun daraus Gutes oder Böses entsteht, wird die Zukunft lehren.“

          Ludwig Emil Grimm prägte als Illustrator unsere Vorstellung der Märchenfiguren, hier in einer Ausgabe von 1819.
          Ludwig Emil Grimm prägte als Illustrator unsere Vorstellung der Märchenfiguren, hier in einer Ausgabe von 1819. : Bild: dapd

          Ein schwärmerisch veranlagter Künstler

          Dieser Blick Ludwig Emil Grimms vom Herkules hinab weit über Kassel hinaus ist ein Sonderfall in den Erinnerungen des 1790 geborenen Malers. Die große Politik war seine Sache nicht, obwohl seine beiden berühmten älteren Brüder Jacob und Wilhelm durchaus mit ihr in Berührung und Konflikt kamen - in ihrem Heimatland Hessen-Kassel unter dem konservativen Wilhelm II. ohnehin und nach dem Wechsel als Gelehrte ins liberaler scheinende Kurfürstentum Hannover dann später noch einmal; beide gehörten zu den „Göttinger Sieben“, die 1837 von der dortigen Universität relegiert wurden. Aber Ludwig Emil war ein schwärmerisch veranlagter Künstler, der auch von der Politik das Wahre, Schöne, Gute erwartete, und deshalb war seine nächtliche Impression zum Zeitpunkt der Juli-Revolution von 1830 eher Stoßseufzer als Reflexion. Aber was für ein wunderbar erzählter Stoßseufzer! Grimm schwirrte der Kopf, und er kleidete das ins Bild des nimmermüden Nachtgetiers. Ja, dieser Maler konnte schreiben.

          Das war allerdings lange Zeit unbekannt, und selbst als vor einem Vierteljahrhundert die Wiederentdeckung des bildenden Künstlers Ludwig Emil Grimm einsetzte, wurde der Schriftsteller weiterhin nicht beachtet. Zu lang war der Schatten von Jacob und Wilhelm Grimm, an deren Märchensammlungen der Bruder aber doch beteiligt war, weil er für sie seit 1819 Illustrationen geschaffen hatte. Unser Bild von Figuren wie Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Dornröschen oder Rotkäppchen geht zu ganz erheblichen Teilen auf diese Radierungen nach seinen Zeichnungen zurück, und damit wurde Grimm zum Dritten im Bunde der Märchenbrüder und auch zu einem wirkungsmächtigen Protagonisten der Romantik. Was scherte diesen visionären Revisionisten die Zukunft? Sie konnte ihm künstlerisch keine Anregung bieten.

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