https://www.faz.net/-gr0-6kapw

Manson-Prozess : Hippies, Morde und ein Staatsanwalt

  • -Aktualisiert am

Von apokalyptischen Wahnvorstellungen verfolgt: der Mörder Charles Manson Bild: ASSOCIATED PRESS

Das erfolgreichste Buch, das jemals über einen wahren Kriminalfall geschrieben wurde, erscheint jetzt endlich auf Deutsch: Vincent Bugliosis packende Dokumentation über die brutalen Morde der Manson-Bande in Kalifornien hält das Grauen auf Distanz.

          4 Min.

          Vor ziemlich genau vierzig Jahren, am 24. Juli 1970, begann in Los Angeles der Prozess gegen Charles Manson und Mitglieder seiner „Family“, die angeklagt waren, sieben Menschen ermordet zu haben, darunter die 26-jährige Schauspielerin Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski. Am 9. August 1969 waren vier Manson-Anhänger, drei junge Frauen und ein Mann, gegen 22 Uhr auf das Grundstück 10050 Cielo Drive in den Hügeln über Beverly Hills eingedrungen, wo die Polanskis zur Miete wohnten. Roman Polanski war für Dreharbeiten in London, und seine Frau, die im achten Monat schwanger war und nicht allein sein wollte, hatte Gäste über Nacht: einen polnischen Jugendfreund ihres Mannes, Voytek Frykowski, dessen Freundin Abigail Folger, Erbin eines Kaffee-Imperiums, sowie Tates früheren Verlobten Jay Sebring, einen namhaften Herren-Friseur, zu dessen Kunden unter anderem Steve McQueen und Paul Newman zählten.

          Der Erste, der an diesem Abend starb, war ein 18-Jähriger, der sich nur zufällig auf dem Grundstück befand, weil er einen Bekannten besucht hatte, der auf dem Grundstück kleinere Hausmeisteraufgaben übernahm und dafür im kleinen Gästehaus im Garten wohnen durfte. Die Polizei fand ihn am nächsten Morgen in seinem Wagen sitzend, erschossen. Sharon Tate und ihre Freunde fand man im Haus und im Garten - sie waren auf das Grausamste getötet worden, erstochen, erdrosselt, hingemetzelt. Mit Blut hatte jemand das Wort „Pig“ an die Haustür geschrieben. Von den Tätern fehlte jede Spur. Zunächst geriet der junge Hausmeister unter Verdacht, alleine schon, weil er die Nacht als Einziger überlebt hatte (er hatte ahnungslos in seinem Gartenhaus Musik gehört).

          Ende der Blumenkinderära

          In der darauffolgenden Nacht wurde im Stadtteil Los Feliz ein Ehepaar umgebracht, Rosemary und Leno LaBianca. Obwohl die Handschrift der Mörder nahezu identisch mit den Morden vom Cielo Drive war - zahlreiche Stichwunden, unglaubliche Brutalität, kein Hinweis auf Raub, mit Blut geschriebene Druckbuchstaben -, sollten Monate vergehen, bis die Ermittlungen in beiden Fällen koordiniert wurden. Weitere Menschen starben, ohne dass die Polizei der Manson-Bande auf die Spur kam. Ganz Los Angeles lebte in jenen Monaten in Todesangst, es schien jeden jederzeit treffen zu können, die friedlich verträumte Ära der Blumenkinder war jäh und brutal zu Ende gegangen.

          Der Ort des Verbrechens: in dieser Ranch im Hinterland von Los Angels wurden die Schauspielerin Sharon Tate und vier weitere Personen Opfer der Manson-Bande

          Eher zufällig verhaftete man im Oktober die Mörder, die man zunächst allerdings nur für kleinkriminelle Spinner hielt. Wegen Brandstiftung und Diebstählen hatte die Hippie-Gruppe, die auf einer etwas abgelegenen Ranch lebte und sich „Family“ nannte, das Interesse der Polizei auf sich gezogen; bei einer Großrazzia wurden 24 Personen verhaftet, darunter auch Manson. Im Gefängnis konnte dann eine der Mörderinnen, die 21-jährige Susan Atkins, ihren Mund nicht halten und vertraute einer Zellengenossin an, dass sie und ihre Freunde die Tate-/LaBianca-Morde begangen hätten. Die Zellengenossin berichtete dies der Gefängnisleitung, Ermittlungen wurden aufgenommen. Am 8. Dezember wurde Mordanklage erhoben.

          Juristische Gründlichkeit

          Der leitende Staatsanwalt, Vincent Bugliosi, veröffentlichte 1974 ein Buch über die Manson-Morde: „Helter Skelter“. Es ist das erfolgreichste Buch, das jemals über einen wahren Kriminalfall geschrieben wurde, weltweit hat es sich bis heute sieben Millionen Mal verkauft, zweimal wurde es verfilmt. Dieses Jahr ist das Buch nun, etwas verspätet, auch erstmalig auf Deutsch erschienen, und zwar in einer glänzenden Übersetzung (Anke und Eberhard Kreutzer), die an keiner Stelle so reißerisch oder sensationslüstern ist, wie es die Aufmachung des Riva-Verlags befürchten lässt. Der Untertitel, im englischen Original schlicht „The True Story of the Manson Murders“ wird auf Deutsch blutrünstig zu „Der Mordrausch des Charles Manson. Eine Chronik des Grauens“. Die roten Spritzer auf dem schwarzen Untergrund sollen wohl Blut andeuten. Doch wer sich von der billigen Splatter-Optik nicht abschrecken lässt, wird eine packende, extrem fundierte und aufschlussreiche Dokumentation über die wohl berühmteste Mordserie des zwanzigsten Jahrhunderts zu lesen bekommen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Problemimmobilien : Kaputte Verhältnisse

          Hochhausruinen, überbelegte Altbauwohnungen, verwahrloste Siedlungen: In Deutschland gibt es zigtausend Problemimmobilien, besonders viele in Nordrhein-Westfalen. Dort nennt man viele Ursachen und immer wieder den Namen eines Unternehmens.

          Paris St. Germain : Tuchel und der ewige Ärger mit seinen Stars

          Nicht nur die Niederlage in Dortmund setzt Paris St. Germain zu. Auch die Eskapaden der besten Spieler um Neymar sorgen für Ärger. Nun taucht ein Video auf, das Trainer Thomas Tuchel ganz und gar nicht erfreut.

          Keine Stadt wie andere : Hamburg wählt sich selbst

          An diesem Sonntag wird die Hamburger Bürgerschaft gewählt. Die Stadt diskutiert, was sie ist, was sie bleiben und was sie werden will. Eine Geschichte über den Hafen, den Hundekot – und die Ungeduld.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.