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Manifest der Parkland-Schüler : „Wir sind es leid, Angst zu haben“

  • -Aktualisiert am

Protestplakate beim „March of our lives“ gegen Waffen an amerikanischen Schulen: „Nie wieder!“ Bild: AFP

Nach dem Massaker an der Highschool in Parkland formierte sich in Amerika ein Protest, den die beiden Geschwister David und Lauren Hogg anführten. In „#Never again“ berichten sie von ihrem Kampf gegen die Waffenlobby.

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          Es sei der Moment gewesen, in dem der Tod für sie zum ersten Mal greifbar geworden sei. „Und es war nicht nur der Tod – es war Mord, Massenmord.“ Während ein ehemaliger Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, bereits wahllos mit einem halbautomatischen Gewehr tötete, packten Lauren Hogg und ihre Mitschüler noch ihre Sachen zusammen. Als mitten im Medienunterricht der Alarm losgegangen sei, habe das zunächst niemand so recht ernst genommen. Weil schon am Morgen ein Probealarm durchgeführt worden war, gingen die meisten der Neuntklässler von einem Scherz aus.

          „Als Nächstes kamen Videos mit Leuten, die schwer verletzt am Boden lagen, die verbluteten, und niemand hätte sagen können, um wen es sich handelte, weil alles verwackelt war und ihnen die Haare ins Gesicht gefallen waren.“ In ihrem Versteck zusammengekauert, erfährt Hogg per Handynachricht, dass ihre Freundin Alyssa tot ist. Nachdem Sondereinsatzkräfte die Schule evakuiert haben, schaltet die Vierzehnjährige zu Hause den Fernseher an und sieht die Gesichter der Toten und Vermissten. Unter den siebzehn Verstorbenen sind drei weitere ihrer Freundinnen.

          Dass ein Teenager solche Dinge erleben, solche Zeilen zu Papier bringen muss, ist schwer erträglich. Dabei ist die eigentliche Frage des Amoklaufs von Parkland, ob „muss“ überhaupt das richtige Wort ist. Die Antwort des Buches, das Lauren Hogg innerhalb weniger Monate mit ihrem älteren Bruder David geschrieben hat, der ebenso während des Amoklaufs in der Schule war, lautet: So etwas musste nie und darf nie wieder passieren. „Wir sind alle nach Columbine geboren“, schreibt David, Jahrgang 2000, „wir sind mit Sandy Hook und Terroranschlägen und Code-Red-Amokübungen aufgewachsen. Wir sind zur Angst erzogen worden. Und wir sind es leid, Angst zu haben.“

          „Will ich Kinderleben schützen oder wiedergewählt werden?“

          Columbine, Sandy Hook, Virginia Tech und seit dem 14. Februar 2018 auch Parkland – das sind nur einige der Namen in Auseinandersetzungen, die das Land seit Jahrzehnten polarisieren. Wie konnte der neunzehnjährige Amokläufer so leicht an ein halbautomatisches AR-15-Gewehr gelangen? Was hat ein schwerbewaffneter Jugendlicher mit der „wohlregulierten Miliz“ zu tun, die der zweite amerikanische Verfassungszusatz, auf den die Verteidiger liberaler Waffengesetze sich oft berufen, im Jahr 1791 als „notwendig für die Sicherheit eines freien Staates“ erklärte? Die Hoggs wollen jene Politiker zur Rede stellen, die sich durch Spenden der Waffenlobby, allen voran des Schusswaffenverbandes NRA, hätten kaufen lassen: „Es läuft alles mehr oder weniger hierauf hinaus: ‚Will ich Kinderleben schützen oder wiedergewählt werden?‘“

          Es ist die Anklage einer Bewegung, die sich weigert, in höflicher Sprachlosigkeit zu trauern. „Ich will nicht die fünf Phasen durchlaufen, an deren Ende die Akzeptanz steht“, erklärt David Hogg, der mit seinen Mitschülern eine aufsehenerregende Kampagne für stärkere Waffenregulierung gegründet hat. Als Kinder des Internetzeitalters wissen sie, welche Macht ein Hashtag entfalten kann, und sie scheuen sich auch nicht, NRA-freundlichen Politikern wie Marco Rubio, Floridas Senator, provokant ins Gewissen zu reden. Beim „March for Our Lives“ am Washingtoner Kapitol mobilisierten sie mehr als 200.000 Demonstranten. Viele trugen Preisschilder, auf denen die Aufschrift „$1,05“ zu lesen war: der Spendenbetrag, den Rubio von der NRA erhalten haben soll, geteilt durch die Zahl der Schüler im Bundesstaat. So viel sei dem Senator jedes ihrer Leben wert. Der Gegenvorwurf lautete, sie seien nur respektlose Kinder. „In Wahrheit“, schreibt David Hogg, „mögen die Leute das Kind, das am Ende laut ausspricht, dass der Kaiser nackt ist.“

          Ein Problem, das alle betrifft

          Die Forderungen der Hoggs sind indes gar nicht so radikal, wie die Verwahrungen ihrer Gegner vermuten lassen. In ihrer „10-Punkte-Strategie“ plädieren sie etwa für mehr Finanzmittel zur Erforschung von Waffengewalt und umfassendere Backgroundchecks. Immer wieder betonen sie, dass dies kein partisan issue sei, sondern ein Problem, das alle betreffe.

          Dass sich in dem vorliegenden Buch gelegentlich eine Pointe doppelt oder eine Formulierung nicht ganz ausgereift ist, verzeiht, wer sich verdeutlicht, dass die Autoren von der Schulbank weg zu Wortführern einer internationalen politischen Bewegung wurden. Man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie ihre Stimme erheben. Am Ende ihres Buches stehen die Namen der 204 Amokopfer seit dem Columbine-Massaker im Jahr 1999. „Es wird unsere Lebensaufgabe sein“, schließen die Autoren emphatisch, „dass diese Liste für alle Zeiten geschlossen wird.“

          #NeverAgain

          David und Lauren Hogg: „#Never Again“. Das Manifest einer Rebellion. Aus dem Amerikanischen von Leena Flegler und Henriette Zeltner. Btb Verlag, München 2018. 160 S., br., 8,– €.

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