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Mawil zeichnet Lucky Luke : Männer, die auf Rädern reiten

Seite 37: Erinnert uns stark an die Tischtennis-Duelle in Mawils „Kinderland“. Bild: Lucky Comics, 2019. All Rights Reserved – by Mawil

„Lucky Luke sattelt um“: Der Berliner Comiczeichner Mawil hat den Helden des Wilden Westens aufs Rad gesetzt. Heraus kam eine Gagmaschine auf vollen Touren.

          Schaut doch! Ohne Hände! Lucky Luke bleibt im Sattel, obwohl ihn die Indianer gefesselt haben. Kein Kunststück für den Cowboy, möchte man meinen. Aber nicht Jolly Jumper, der Schimmel mit der lilienweißen Personalakte, der seine lustigen Sprünge nur auf Kommando macht, trägt den Helden. Die Rothäute haben Luke auch keinen ungezähmten Veteranen der uramerikanischen Kavallerie untergeschoben. Gar kein Pferd, Sinnbild einer naturalistisch aufgefassten Schöpfung, in der Naturkraft und Naturschönheit zusammenfallen sollen, stellt Lukes Gleichgewichtssinn auf die ultimative Probe, sondern eine unförmige Erfindung, die auf den ersten Blick in ihre Einzelteile auseinanderfällt, die bloße Karikatur eines Reittiers.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          An diesem Unwesen, gebastelt, nicht geboren, ist alles Ersatz: Es hat Stangen statt Knochen und Räder statt Beinen. Und es ist noch nicht einmal vollständig. Die Muskeln muss der Reiter selbst mitbringen. Einen „Esel aus Draht“ hat einer der Banditen das Ding genannt, das sie Lucky Luke abjagen wollen. Die Beschreibung als Monster, als unnatürliches Tier, sollte den Indianern Angst machen. Bandit ist hier ein generisches Maskulinum, bezeichnet eine Rolle, die in jedem ordentlichen Wild-West-Film zu besetzen ist. Smith und Wesson werden durch ihre Namen als generische Revolverhelden ausgewiesen, Schurken aus dem Musterkoffer. Für Smith ist auf den Fahndungsplakaten ein viermal höheres Kopfgeld ausgelobt als für Wesson. Man sieht sofort, dass Smith der Kopf der Operation ist, auch wenn der runde Kopf mit der violetten Melone auf den Plakaten kaum ins Bild hineinragt. Für den Marktwert kommt es auf die Körpergröße nicht an und auch nicht auf das ungrammatische Geschlecht.

          „Komisches Paar!“ Lucky Lukes Kommentar nach der ersten Begegnung beschwor nicht etwa eine ursprüngliche patriarchalische Geschlechterordnung; er ist kein Geschöpf des amerikanischen Filmregisseurs John Ford, sondern eine Erfindung des belgischen Comiczeichners Morris. Anzug trägt Smith mit derselben Selbstverständlichkeit wie Hillary Clinton. Häuptling Sohn-der-großen-Bärin lässt sich von der Rede über die Gefahren des Drahtesels keinen Schreck einjagen. Er weiß, dass er mit den Bleichgesichtern in eine Welt des Fortschritts eingetreten ist. Lucky Luke soll sich als Entwickungshelfer seine Freilassung verdienen.

          Als lernwilliger Erziehungsdiktator überschätzt der Häuptling den zivilisatorischen Vorsprung des Lehrmeisters, den er in seine Dienste nimmt. Luke hat selbst noch gar nicht lange im Sattel des Ersatzpferdes gesessen. Als ihm bei der Probefahrt die Hände gebunden sind, steuert er erst einmal mit voller Geschwindigkeit unfreiwillig auf Sohn-der-großen-Bärin zu, der mit unerschütterlicher Ruhe seiner Mutter alle Ehre macht. Der Esel saust instinktsicher in ein Zelt, der Reiter kehrt mit einer Tiermaske auf dem Kopf zurück und hat weiter beschleunigt. Nun verliert der Oberindianer doch noch seine tadellose Haltung, als er die Unterindianer zur Räson rufen muss, die sich plötzlich so ängstlich aufführen wie die Barbaren im Bilderbuch für die Missionsschule.

          Nein, was sie sehen, ist kein Geist, sondern Lucky Luke, keine Zauberei, sondern eine Gagmaschine auf vollen Touren, die gattungsgemäß die nächstliegenden Requisiten mitnimmt, um das Tempo in die Höhe zu schrauben. Lucky Luke – wir sind keine Indianer, wir kennen ihn – lernt blitzschnell, scheinbar bloß durch das beschleunigte Rollen im Kreis, so dass er wie ein Naturtalent aussieht. Im freihändigen Fahren triumphiert eine Körperbeherrschung, die sich das störrische Gestell mühelos unterwirft und es zum Instrument einer Bemächtigung des Terrains im Fluge macht. Noch bevor Luke sich mit einem Trick aus der Einschnürung befreien kann, macht er den Eindruck, dass ihn nichts und niemand zu Fall bringen wird: eine Freiheitsstatue in Bewegung, statt Standbild Fahrtbild. Staunend möchten wir ausrufen: Er ist entfesselt!

          Der Berliner Comiczeichner Mawil, bürgerlich Markus Witzel, ist als passionierter Radfahrer bekannt. Eine der Sonntagsseiten, die er im Wettstreit mit Kollegen für den „Tagesspiegel“ lieferte, gestaltete er sogar als Such- beziehungsweise „Vermissten-Anzeige“: Steckbrief eines Unschuldigen mit allen besonderen Kennzeichen, vom verbogenen kleinen Zahnkranz über die Rahmennummer im Tretlager bis zur goldenen Klingel. So genau wie der Zeitungsleser dieses Ensemble liebevoll konservierter Details musste Lucky Luke die Teile des Prototyps betrachten, die in der Wüste aus der vor den Banditen geretteten Kiste gepurzelt waren. Er hatte im Wilden Westen schließlich schon alles gesehen, aber kein Fahrrad.

          Als Mawil den Auftrag des Egmont-Verlags annahm, als erster Deutscher ein Lucky-Luke-Album zu schreiben und zu zeichnen, das am 2. Mai als dritter Band in der „Hommage“-Reihe erscheinen wird, bedeutete das einen Genrewechsel: einen Wechsel vom autobiographischen Comic ins Genre und noch dazu ins Genre der Genreparodie, wo alles auf Anhieb wiedererkennbar und so gesehen unpersönlich sein muss. Mawil schmuggelte das Persönliche in die Geschichte, wie in der Geschichte der geheimnisvolle Inhalt einer Kiste mit der Eisenbahn von der Ostküste an die Westküste gebracht werden soll: Er hatte immer schon einen ganzen Comic nur über das Radfahren machen wollen.

          Wer das bei Reprodukt lieferbare Lebenswerk von Mawil kennt, welches in der Hauptsache um ein männliches Wesen kreist, das sich dauernd etwas einfallen lassen muss, weil alltäglichste Erscheinungen, mit Frauen angefangen, es ins Schwitzen und zum Schrumpfen bringen, manchmal auf Hasengröße, wird in dem Fahrradbauer Albert Overman ein Selbstporträt erkennen. „Lucky Luke sattelt um“: Der Titel des Albums ist unübertrefflich bündig, wie das ganze Werk. Mawils Strich ist scheinbar nachlässig, wie hingeworfen, verzichtet auf die beflissene Feinmalerei der Morris-Epigonen. Meisterlich heißt freihändig.

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