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Vertrauenskrise im Internet : Wer schaut dir über die Schulter?

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Ort der Eulen: „Look Who’s Watching“ bietet neben fundierten Darstellungen eine originelle Typologie des Internets. Bild: Picture-Alliance

Der Erfolg des Internets beruht letztlich auf etwas ziemlich Unwahrscheinlichem: unserem Vertrauen. Das gerade veröffentlichte Sachbuch „Look who´s watching“ erklärt seine Brüche und Brücken.

          6 Min.

          Vertrauen schwindet. Das betrifft Politik und Medien, auch das Internet. Seltsame Vögel sind daran schuld, zum Beispiel die Uhus des Überwachungsstaats. Sechzig Prozent der Internetnutzer betrachten sie als Gefährdung ihres Datenschutzes. Oder die Waldohreulen von  Apple, Facebook und Google. Ihre Geschäftsmodelle verwerten die Daten von Milliarden Menschen. Sie wollen uns glücklich machen, sagen sie. Der Kaninchenkauz bewohnt das Dark Web, in dem Kriminelle Daten klauen, Kinder missbrauchen, mit Drogen und Waffen handeln, andere betrügen wollen oder Mordaufträge vermitteln. Schleiereulen sind dagegen ganz gewöhnliche Internetnutzer. Sie spähen aus persönlichen Gründen andere Menschen aus. Sie sind ihre Fans oder Feinde. Aus Neid oder Heimtücke machen sie anderen Menschen das Leben zur Hölle.

          Fen Osler Hampson und Eric Jardine, renommierte Forscher am kanadischen Think Tank CIGI, leiten ihr Buch mit dieser Beutegreifertypologie ein. Es gibt viele Gründe dafür, über das sinkende Vertrauen in das Internet besorgt zu sein. Sie gehen ihnen nach und werten dafür mehrere weltweite Umfragen aus, deren Daten zwischen 2014 und 2016 erhoben worden sind.

          Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung nutzt heute das Internet. Das sind über drei Milliarden Menschen. In Gestalt seiner nächsten Entwicklungsstufe, dem Internet der Dinge, schwellen unsere persönlichen Daten zu mächtigen Datenströmen, was das Risiko ihres Missbrauchs beträchtlich erhöht. Das Management der Daten und ihre Auswertung müssen sicher gehandhabt werden.

          Die Vorsicht wächst

          Tatsächlich beruht der Erfolg des Internets auf etwas ziemlich Unwahrscheinlichem: dem fast blinden Vertrauen gegenüber wildfremden Menschen und unsichtbaren technischen Instanzen, die den Verkehr des Netzes regeln. Jede Buchung, jeder Kauf, jeder Besuch einer Webseite, jede Mail verdankt sich dieser Vertrauensbereitschaft. Sie ist nicht unendlich. Im Juli 2015 erfuhr das Ashley Madison, eine Vermittlungsplattform für Seitensprünge. Die Daten von 37 Millionen Kunden wurden gehackt, viele Menschen bloßgestellt. Bis Ende des gleichen Jahres sank infolge des entzogenen Vertrauens der Traffic von Ashley Madison um über 82 Prozent.

          Eine Methode, das Vertrauen zu pflegen, besteht darin, Käufer und Verkäufer zu bewerten. Wer schlecht abschneidet, hat schlechte Karten. Ein weiterer Einbruch der Vertrauensbereitschaft trat nach den Enthüllungen Edward Snowdens ein. Plötzlich wurden die Leute vorsichtiger. Zwar steckten nicht alle ihre Smartphones ins Tiefkühlfach, aber viele klebten die Webcams an ihren Laptops ab und deaktivierten die Mikrophone. Was man mit wem teilt, wird sorgfältiger geprüft. Risikobewusstsein nährt Vorsicht.

          Ökosystem des Vertrauens

          Die Autoren bezeichnen das Internet als ein Ökosystem des Vertrauens. Das Vertrauen verdankt sich dem Zusammenwirken von Richtigkeit, Verlässlichkeit, technischer Sicherheit, Datenschutz und persönlicher Sicherheit. Hinzukommt die Verlässlichkeit von Netzwerken, die ihre Regulierung auf verschiedene Stakeholder verteilt, auf Bürger, Aktivisten, Unternehmen und Staaten.

          Die Richtigkeit – etwa der persönlichen elektronischen Adresse – kann zuschanden kommen, wenn die Zahl der verfügbaren IP-Adressen knapp wird und ein amerikanischer Microsoft-Kunde plötzlich Netflix nur noch auf Portugiesisch empfängt. Auch verlässliche Netzwerke kennen Störungen. Nach den Enthüllungen Edward Snowdens änderten viele Internetnutzer ihr Online-Verhalten, das betraf besonders Brasilien, China, Deutschland, Indien und die Vereinigten Staaten.

          Die Sehnsucht nach Sicherheit wird manchmal durch Komfortbedürfnisse konterkariert. Wer gerne etwas mehr dafür bezahlt, dass seine Fluglinie ein drahtloses Netzwerk an Bord bereitstellt, will vielleicht nicht wissen, dass ein Hacker unter den Passagieren den Piloten die Steuerung des Flugzeugs abnehmen kann.

          Erfolgsgeschichten

          Die Autoren erzählen vom 14jährigen Taylor Wilson, der in der elterlichen Garage auf Basis von im Netz recherchierten Informationen einen Fusionsreaktor baute. Er kombinierte nur, was im Netz verfügbar war. Sie erzählen die Geschichte von Palmer Luckey, der für seine Onlinespiele mit Virtuellen Realitäts-Headsets experimentierte, für die Produktion eines von ihm entworfenen neuen Headsets via Kickstarter 250.000 Dollar einsammeln wollte, tatsächlich 2,5 Millionen Dollar erhielt und zwei Jahre später sein Unternehmen Oculus VR für fast zwei Milliarden Dollar an Facebook verkaufte.

          Neben dem Crowdsourcing erfreut sich das Crowdworking wachsender Beliebtheit, bei dem im Netz die Arbeiten auf eine weltweit verteilte Zahl freier Mitarbeiter verteilt. Kein Wunder, was die Ipsos-Umfrage von 2016 ergab: 83 Prozent der weltweit Befragten erklärten einen kostengünstigen Zugang zum Internet zu einem Grundrecht.

          Zweierlei Maßstäbe

          Facebook verändert immer mal wieder die Standardeinstellungen für die private Sphäre der Kunden. Maßgeblich sind die ungebremsten Datenströme. Anders sieht es aus in der Lebensführung des Gründers Mark Zuckerberg, der in Palo Alto vier Häuser in seiner Nachbarschaft kaufte, um die Privatsphäre seines Wohnumfelds besser zu schützen. Googles Eric Schmidt fand es nicht lustig, als Reporter seine Privatsphäre auskundschafteten, und ließ sie auf eine schwarze Liste setzen. Immerhin gibt es inzwischen Angebote, die von der wachsenden Sorge um den eigenen Datenschutz profitieren, wie die Suchmaschine DuckDuckGo. Innerhalb von knapp einem Jahr nach Snowden verdreifachte sie die Suchzahlen auf ihrer Plattform. Noch eindrücklicher sieht die Nutzung des Tor-Browsers aus: Sie stieg von knapp 50 Millionen auf fast 330 Millionen Nutzer.

          Fen Osler Hampson und Eric Jardine: „Look who´s watching“. Surveillance Treachery and Trust Online. CIGI Waterloo, Canada 2016, 366 Seiten. 32 $

          Das Vertrauen in die großen Unternehmen als verlässliche Hüter der eigenen Daten sinkt rapide. Amazon, Apple, Google und Facebook und Vorreiter der sharing economy wie AirBnB und Uber streben nach weltweiten Monopolen. Sie stoßen an Rändern der Digitalen Gesellschaft auf Akteure wie den Chaos Computer Club und Vordenker einer Digitalen Zivilgesellschaft, die in einer besser regulierten Welt des Netzes Nutzen mehren und Schaden vorbeugen können. Offenheit, Verbindung, Teilen und Zugang ließen sich in dieser Logik als Merkmale digitaler Bürgerrechte beschreiben. Sie tragen anders und vermutlich besser bei zu einer Resilienz als das Monopolstreben und der Datenhunger der großen Plattformen.

          So weltumspannend ist es gar nicht

          Die deutsche und europäische Diskussion über Datenschutz operiert mit der Leitidee der Datensparsamkeit. Angesichts der Prognosen von schon bald über 12 Milliarden elektronisch vernetzer Geräte klingt das etwas verschroben. Das Leitbild der Datensparsamkeit verstellt den Blick auf zivilgesellschaftliche Erkenntnisgewinne durch die großen Datenströme. Warum sollte es nicht möglich sein, in diese Datenströme Schnittstellen einzubauen, über die lokal und regional anonymisierte Daten für Auswertungen durch die scientific community bereit gestellt werden?

          Politische Zensur im Netz konterkariert in vielen Ländern den Nutzen des Netzes. Zwar steckt nicht in jedem Internetsurfer das kleine Genie, das in der Garage einen Fusionsreaktor baut, aber das Beispiel illustriert die Skalierbarkeit ähnlicher Beispiele, die sich unbegrenzt frei verfügbarer Information verdanken.

          Tatsächlich ist das Netz nicht so weltumspannend, wie viele es gerne hätten. Es gibt regionale Abschottungen. Verhandlungsszenarien kreisen um Harmonisierung, Standardisierung, wechselseitige Anerkennung, Reziprozität und kooperative Lösungen.

          Das Dark Web

          Im Dark Web tummeln sich viele Gestalten. Zugang zu ihnen bahnt der Tor-Browser, der kriminellen Zwecken, unter repressiven Regimes aber auch politischen Zielen dient. Achtzig Prozent des Traffics im Dark Web führt zu Seiten mit Kinderpornographie.

          Im Jahr 2016 sagen 54 Prozent der weltweit Befragten, dass sie den Besuch zweifelhafter Webseiten und die Nutzung von schlecht beleumundeten Apps unterlassen. 59 Prozent ändern regelmäßig ihre Passwörter, 45 Prozent öffnen keine Mails von Unbekannten. 61 Prozent nutzen kommerzielle Antivirus-Programme.

          Ein weiterer Player mit ambivalenter Reputation ist die Anonymous-Gruppe. Sie nutzt ihre Ressourcen für sehr unterschiedliche Zwecke, mal für politische Ziele, mal auch für die Bloßstellung eines Polizeiapparats, der jahrelang Ermittlungen wegen des Missbrauchs eines Kindes unterbleiben ließ. Das Aktionsmuster von Anonymous macht Leerstellen in Legislative und der Judikative sichtbar. Sie wollen gar nicht Strafermittler und Richter durch ihre Aktionen ersetzen. Sie helfen ihnen auf die Sprünge.

          Cyberkrieg

          Im Internet geht der Kalte Krieg ungebremst weiter. Hackerangriffe auf öffentliche Daten und Infrastruktur-Einrichtungen haben inzwischen auch die Bundesregierung dazu veranlasst, Vorkehrungen für den Katastrophenschutz zu intensivieren. Die Autoren beschreiben für die Finanzmärkte das Szenario eines Hackerangriffs auf die Datenbestände und Sicherungssysteme einer Großbank. Die Folgen könnten selbst die Lehman-Pleite übertreffen.

          Auch hier gibt es neben den Bösen da draußen, die sich als Söldner verdingen, Hacker, die ihren Ehrgeiz darein setzen, Schwachstellen der IT-Systeme zu identifizieren und zu beheben. Die Hacker-Ethik könnte auch politisch fruchtbarer werden als es das Schicksal der Piraten-Partei gezeigt hat. Ihr Vertrauen auf Systeme war zu hybrid, ihr Misstrauen gegen Personen machte den möglichen Impuls zunichte, der von ihnen hätte ausgehen können.

          Vertrauen ist machbar

          Bleibt – last not least – die Frage danach, wie die digitalen Habenichtse Anschluss finden. Das Buch berichtet von einem Modellprojekt in Afghanistan. Fab Labs errichtete kleine digitale Werkstätten auf dem Lande. Allerdings räumen die Autoren auch ein, dass der Anschluss der letzten zwanzig Prozent nur langsam zustande kommen werde.

          Als ein Irrweg könnte sich in dem Kontext die Facebook-Initiative erweisen, unter der Adresse internet.org Facebook als Netzersatz in Ländern des Südens zu etablieren. Der Versuch erinnert an frühere ökonomische und politische Abhängigkeiten, die unter dieser Adresse Wiederauferstehung feiern könnten.

          Tatsächlich spricht viel dafür, verstärkt in ein Internet des Vertrauens zu investieren, seine Offenheit zu garantieren und die Regulierung des Netzes einer größeren Zahl mitwirkender Akteure als bisher zu übertragen. „Look Who´s Watching“ ist ein sehr verdienstvolles Buch, das den Weg dahin und mögliche Abwege kundig beschreibt.

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