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Lesen gegen die Pandemie : Hände waschen, hoch die Flaschen

Tag am Meer: Diese Ostseebesucher haben Corona offenbar vergessen Bild: dpa

Etwa so, wie es uns geht: Die Anthologie „Tage wie diese: In Zeiten des Abstands“ ist ein tröstliches Buch – und wird es bleiben, wenn die Pandemie vorbei ist.

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          Zum Beispiel die Schriftstellerin Hatice Akyün: Sie stürzt sich ins Kochen und stellt so ihren durch die Corona-Pandemie erschütterten inneren Kompass wieder ein. Beim Kochen könne sie ihre Gedanken wie Küchenschubladen sortieren, wobei sie gelernt habe, dass große politische Ereignisse komplizierte Rezepte erfordern: „Die italienische Küche zum Beispiel eignet sich nicht besonders für Weltkrisen. Die Rucola-Zitronen-Pasta ist schneller fertig als ich mit dem Nachdenken“, schreibt sie in ihrem Beitrag „Kochen gegen die Krise“, der Teil der von Alexander Broicher herausgegebenen Anthologie „Tage wie diese: In Zeiten des Abstands“ (fine Books Verlag), ist. Und die französische Küche? Sei ganz gut für mittlere Krisen. „Vielleicht sind Pulled-Gerichte gerade so beliebt, weil die Zubereitung Tage dauert.“

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kochen, so Hatice Akyün, wirke meditativ, man nehme sich im wahrsten Sinne des Wortes Zeit, etwas zu verarbeiten, auch wenn dies vielleicht naiv klingen möge. Aber das tut es nicht, im Gegenteil. Hatice Akyüns Text illustriert den zurückgenommenen, erzählenden, melancholischen, bisweilen tastenden Ton, auf den man in dieser Anthologie, deren Erlöse an in Not geratene Kulturschaffende gespendet werden, wieder und wieder trifft. Niemand hat hier ein Corona-Rezept parat, es gibt weder Zehn-Punkte-Pläne, die uns zurück in die vermeintliche Normalität führen sollen, noch Virologen-Bashing, Politikerschelte oder Globalisierungsfeindlichkeit.

          Die Geister von Corona

          Anstatt sich zu Krisenerklärern aufzuschwingen, verarbeiten 35 Autorinnen und Autoren – darunter Benedict Wells, Sibylle Berg, Jan Brandt und Bettina Wilpert – diese beängstigende und diffuse Corona-Zeit in berührenden Geschichten, essayistischen Betrachtungen, Erzählungen, alltäglichen Beobachtungen, und diese Herangehensweise hat etwas Tröstliches, weil sie die Verunsicherung des coronageplagten Lesers mitzudenken scheint. Anders formuliert: Man fühlt sich bei der Lektüre aufgehoben. Es ergeht einem ja genauso wie beispielsweise Moritz Rinke („Die Geister von Corona“), der längst nicht mehr weiß, wann Montag, Dienstag oder Mittwoch ist, ganz zu schweigen vom Datum. „Im ,Zauberberg' von Thomas Mann heißt es im Kapitel über ,Freiheit', dass Castorp diese Zeit im Rückblick ,zugleich unnatürlich kurz und unnatürlich lang erschien'.“

          Wie ein Gangster auf der Flucht

          Darüber, dass die Tage verschmelzen und einem den Überblick rauben, ist viel geschrieben worden, doch das ändert ja nichts daran, dass dieses Gefühl des Dahinplätscherns nach wie vor mächtig ist. Unterbrochen wird es bei Rinke durch eine abenteuerlich anmutende Aktion: Rinke, der für die Eltern eines Freundes Impfstoff gegen Pneumokokken besorgt hat, brettert wie ein Gangster auf der Flucht über die Autobahn zum verabredeten Übergabetreffpunkt an einer Raststätte und steigt mit Kühltasche aus dem Auto. „Der Freund, Asthmatiker, stand schon da. ,Komme mir zehn Schritte entgegen, lege es auf den Boden, dann steig wieder in dein Auto', sagte er. ,Wir haben uns verdammt lange nicht gesehen', sagte ich. ,Ja, stimmt, ich muss los. Ich weiß nicht, wie lange dein Kühlakku hält.'“ Sonderbare Zeiten verlangen dem Einzelnen sonderbare Aktionen ab, die, wie in Rinkes Fall, in die Freundschaftsbiographie einfließen und später einmal unter Lachen erzählt werden dürften.

          Mitgefühl im Alltag

          Natürlich sind nicht alle Texte gleichermaßen gelungen, das versteht sich von selbst, auch diese Anthologie wurde wie etliche andere Corona-Bücher mit der heißen Nadel gestrickt. Was „Tage wie diese“ von der Flut an Pandemie-Prosa allerdings unterscheidet, ist, dass viele Texte auch in zwei, drei oder sieben Monaten noch lesenswert sind. Die Frage nach dem richtigen Leben, nach verpassten und ergriffenen Chancen und danach, was Mitgefühl und Herzensoffenheit im Alltag bedeuten könnten, bleiben relevant, auch wenn es einen Corona-Impfstoff gibt. Der Mensch tendiert dazu, nach einer Phase im Ausnahmezustand rasch wieder in seinen alten Trott zurückzufallen. Diese Anthologie kann uns dabei helfen, nicht wieder zu Sklaven liebgewonnener Gewohnheiten zu werden.

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