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Kritik der Linken : Der Mann, den sie die rote Ratte nannten

Aus Versehen konservativ geworden: Journalist und Autor Jan Fleischhauer Bild:

Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nimmt sogar in Kauf, ein paar Freunde zu verlieren: Mit Witz wollte der Spiegel-Redakteur Jan Fleischhauer gegen die kulturelle Dominanz der Linken schreiberisch ankämpfen. Er landete im „juste milieu“ und seinen Lebenslangweiligkeiten.

          4 Min.

          Es hat sich viel angestaut im Leben des „Spiegel“-Redakteurs Jan Fleischhauer. In seiner Kindheit, in seiner Jugend, in seiner Zeit beim „Spiegel“: Immerzu musste er leiden wie ein Hund. Und ganz offensichtlich musste das jetzt alles mal raus, in einer Abrechnung, einer Polemik gegen all das, was ihn wider Willen so furchtbar geprägt hat. Jan Fleischhauer nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nimmt sogar in Kauf, ein paar Freunde zu verlieren.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sein Mut ist unerhört. Denn endlich bekennt er sich dazu, „aus Versehen“ ein Konservativer geworden zu sein. Und nicht nur das. Er hat sogar gelernt, mit seinem Konservativsein „offensiv umzugehen“, traut sich, „Vorurteile direkt anzusprechen“. Zum Beispiel, wenn bei ihm zu Hause ein Ehepaar zu Gast ist, das den Filmemacher Michael Moore verteidigt: „Ich glaube nicht, dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steht, und ja, wir haben gerne in Amerika gelebt“, wagt er da zu sagen und ist „erschrocken“, aber auch ein klein wenig „stolz“ auf sich, als das Paar bald darauf geht.

          Jan Fleischhauer, Jahrgang 1962, wuchs in einer Familie des linken Hamburger Bürgertums auf. Das ist sein Schicksal. Es ist sehr langweilig, die Verletzungen, die er davongetragen hat, sitzen deshalb aber nicht weniger tief: Schlimm war, dass es bei den Fleischhauers Biohaferflocken statt Industriemüsli gab, Coca-Cola nur bei Erbrechen, niemals McDonald's. Schlimm war der „Tag der Befreiung“ seiner Mutter, der „auf den 33. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie“ fiel und den fünfzehnjährigen Jan „als eine Art Kollateralschaden“ erwischte: Gerade aus der Schule gekommen, hielt seine Mutter ihm seine dreckige Wäsche entgegen, die er ab heute doch bitte selber waschen solle. Als die Mutter später begann, „Emma“ zu lesen, hatte der Sohn gar nichts mehr zu lachen.

          „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde” erschienen im Rowohlt-Verlag, 351 Seiten, 16,90 Euro
          „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde” erschienen im Rowohlt-Verlag, 351 Seiten, 16,90 Euro : Bild: rowohlt

          Konservativ wird man vielleicht aus versehen, komisch eher nicht

          Und man selber lacht leider auch nicht. Nicht ein einziges Mal. Das ist die wahrscheinlich traurigste Nachricht über das Buch „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“, dass der Autor sich die ganze Zeit so sehr bemüht, komisch zu sein, es aber überhaupt nicht funktioniert. Da hilft auch der Vorschusslorbeer des „Weltwoche“-Chefredakteurs Roger Köppel nichts, der ihm auf dem Buchumschlag „so viel Witz“ attestiert. Fleischhauers Witze sind meistens durch Statistiken abgesichert und klingen so: „Nach der Sterbetafel von 1974 liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen in Deutschland bei 74,5 Jahren, sie leben damit sechs Jahre länger als ihre Unterdrücker, nicht gerade ein Hinweis auf ein entbehrungsreiches Sklavendasein.“ Bedenkt man, dass eine der Hauptbeschwerden, mit denen der Autor gegen die Linken zu Felde zieht, darin besteht, dass sie keinen Humor haben und dass er für die Erörterung eben dieser Frage mit Martin Mosebach, dem „para-katholischen Eleganzphänomen“, wie Sloterdijk ihn gerade so schön beschrieben hat, extra essen geht, kann man nur hoffen, dass er noch zu üben bereit ist. Konservativ wird man vielleicht aus Versehen, komisch eher nicht.

          Fleischhauers Grundvorwurf an die Linken ist das, was er die „Erfindung des Opfers“ nennt. Das Opfer, sagt er, stehe am Anfang aller linken Politik, als dessen Anwalt diese sich aufspiele. Da es heute so viele Möglichkeiten gebe, zum Opfer der Gesellschaft zu werden; da es reiche, eine Frau, alleinerziehend oder „im falschen Teil Deutschlands“ geboren zu sein, um als Diskriminierungsfall zu gelten, spalte sich die Gesellschaft immer weiter in konkurrierende Opferclans auf, die sich alle Gehör verschaffen wollen: politisch, privat, in Talkshows oder - jetzt kommt's! - in „semi-privaten Aufbereitungen des eigenen Schicksals in Buchform“.

          Wer aber sind diese „Linken“?

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