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Kritik an MeToo : Gegen den Hashtag-Feminismus

Salma Hayek bei einer Solidaritäts-Veranstaltung für die MeToo-Bewegung während des Filmfestivals in Cannes Bild: dpa

Mehr Forderungen an die Frauen: Svenja Flaßpöhler entdeckt in der MeToo-Debatte patriarchale Denkmuster und beschwört eine neue Weiblichkeit.

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          Großangelegte Bewegungen haben die Eigenschaft, Maximen zu generalisieren und Komplexität aufzulösen. MeToo ist ein gutes Beispiel dafür. Zu den vielen Kritikern, die sich seit vergangenem Herbst an der Debatte abarbeiten und damit bisweilen auch für neue, intelligente Perspektiven gesorgt haben, gehört die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Ihre These, die von ihr als Hashtag-Feminismus bezeichnete Initiative wiederhole patriarchale Denkmuster, führt sie jetzt in einem schmalen Büchlein mit einem leider pinken Umschlag und einen nach Sexualratgeber klingenden Titel aus. Neben der Kritik an der „Aufmerksamkeitsökonomie“ der Bewegung enthält es aber auch Vorschläge, wie man es besser machen könnte.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Von der Vorstellung systematischer Unterdrückung will Flaßpöhler nichts wissen. Nicht in jedem Unternehmen, schreibt sie, sitze ein Weinstein, und dass die großen Skandalfälle in die Zeit vor der Jahrtausendwende zurückgingen, zeige, dass sexuelle Übergriffe nicht das Hauptproblem der heutigen Gesellschaft seien. Stattdessen müsse stärker differenziert werden, in welchen Situationen Frauen Handlungsoptionen blieben – und wo sie womöglich selbst an der Festigung männlicher Macht beteiligt seien. Nur wenn Frauen ihre eigene, weibliche Potenz fänden, könnten sie Autonomie einfordern. Und dass Selbstbestimmung nie ohne Widerstand zu haben war, ließe sich nun einmal geschichtlich belegen.

          Die Grenze zwischen plumper Anmache und dem Übergriff

          Flaßpöhler, Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“, versucht es sich nicht zu einfach zu machen. Sie erkennt an, dass Machtgefüge Spielräume der freien Entscheidung einschränken. Dennoch sieht sie den Handlungsbedarf bei den Frauen: Wer sich belästigt fühle, müsse nicht zuallererst mit körperlicher Gewalt rechnen, und vor diejenigen, die zu jung, unerfahren oder in prekärer Lage seien, könne man sich schützend stellen. Stattdessen werde „alles vom Staat und nichts von den Frauen“ erwartet.

          #metoo : Person of the Year 2017

          Damit sorgt die Autorin selbst für eine verkürzte Darstellung. Ihre Annahme, eine Welt ohne Verführung, die immer auch an Macht gekoppelt ist, sähe trist aus, erinnert an den Aufruf der Schauspielerin Catherine Deneuve und anderer Französinnen gegen die vermeintliche Abschaffung sexueller Freiheiten. Nicht alle MeToo-Verfechterinnen sehnen sich nach einer „reinen“ Welt, in der jede Annäherung geregelt ist. Und es soll auch schon Verführung ohne sexistische Sprüche gegeben haben. Hier fehlt die Differenzierung zwischen dem gezielten Einsatz eines übergriffigen Tons, um Frauen einzuschüchtern, und einer plumpen Anmache.

          „What is it like to be...“

          Für die Betrachtung eines gesellschaftlichen Systems, das lange von stereotypen Rollenbildern geprägt war, und der Zwänge und Grenzen der Sozialisierung lässt Flaßpöhler wenig Raum. Ihre Argumentation kreist um den Standpunkt einer Frau, die lebt und denkt wie sie, intellektuell und materiell abgesichert. Einer ihrer zentralen Kritikpunkte, das nachträgliche Anprangern von Fehlverhalten, trifft das Kernproblem der Debatte. Während der sogenannte Hashtag-Feminismus seine Forderungen allerdings an die männlichen Verursacher richtet, muss sie sich vorwerfen lassen, neue Forderungen für Frauen aufzustellen.

          Der dekonstruktive Feminismus Judith Butlers hat nach Ansicht der Autorin seinen Anteil an der passiven und negativen Energie dieses neuen Feminismus. Mit der Aufforderung, die natürliche Zweiteilung der Geschlechter zu hinterfragen, sei das „Subjekt Frau“ verlorengegangen – und ohne Subjekt keine Potenz. Hier setzt Flaßpöhler mit ihrem eigenen Vorschlag an: Das persönliche Erfahren der Geschlechtlichkeit müsse zu einer neuen Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau führen, frei nach dem Prinzip „What is it like to be...“

          Zum großen Projekt der Frauen, sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, gehöre also ein neuer Zugang zur Weiblichkeit: „Sie begehrt und verführt, befreit sich aus der Objektposition, ist souveränes Subjekt auch der Schaulust. Anstatt die männliche Sexualität zu entwerten, wertet sie die eigene auf.“ Das hört sich großartig an, vernachlässigt aber die Gelegenheiten, bei denen Frauen aufgrund ihres Berufes oder ihrer sozialen Stellung zu Objekten degradiert werden, ohne sich überhaupt geäußert zu haben. Dass Frauen wie Salma Hayek Opfer von MeToo wurden, zeigt, dass ein selbstbewusstes Auftreten allein nicht immer hilft. Zur Auseinandersetzung über Geschlechterrollen, über kulturhistorisch geprägte Verhaltensmuster von Männern und Frauen gehört auch diese Erkenntnis.

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