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Neue Hörbücher von H.G. Wells : Radelnder Reporter der kommenden Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Massenpanik inklusive: Orson Welles bearbeitete „War of the Worlds“ im Jahr 1938 fürs Radio. Bild: Picture-Alliance

H.G. Wells’ Visionen haben an Brisanz nichts verloren: „Der Krieg der Welten“ und „Die Zeitmaschine“ liegen jetzt in zwei exzellenten Lesungen vor.

          „Der Krieg der Welten“ ist vermutlich das wirkungsmächtigste Werk der neueren Literaturgeschichte. In seiner Nachfolge haben Tausende von Romanen und Filmen außerirdische Invasoren auf die Erde losgelassen und Lesern wie Zuschauern mit dem Anblick sabbernder Aliens oder stürzender Städte Schauer über den in den Kino- oder Lesesessel geschmiegten Rücken zu jagen versucht. Umso erstaunlicher, dass das Pionierwerk der Science-Fiction die von ihm 1898 ausgelöste Einflusslawine unbeschadet überstanden hat und noch heute so spannend zu lesen oder zu hören ist, als wären seine Grundmotive nicht längst ins kollektive Unbewusste der Kulturindustrie abgesunken. Staunend lauscht man den exakten Beschreibungen der dreibeinigen Mars-Maschinen, die, lärmend und Dampf ausstoßend - schönste Steampunk-Ästhetik -, durch die idyllischen Landschaften Südenglands schreiten und mit ihrem „Hitzestrahl“ alles niedermachen, was sich in ihren Weg stellt.

          Die Marsianer dem Menschen überlegen

          Die Evolutionstheorie bestimmt die Konzeption von „Krieg der Welten“. Die Marsianer sind höher entwickelt als die Menschen; es sind Hirnwesen, die keine umständlichen Verdauungsorgane mehr haben, sondern sich durch Bluttransfusion ernähren. Aber der Mars ist ein erschöpfter Planet im „letzten Stadium der Bewohnbarkeit“. Wegen der ökologischen Krise wollen die Marsianer die Menschen als Nutztiere halten. Als der Roman erschien, erreichte das britische Imperium seine größte Machtentfaltung. H. G. Wells dreht die Perspektive ironisch um und lässt die Engländer zu Eingeborenen werden, die kolonisiert werden.

          Dass dieser Roman großartiger Hörbuchstoff ist, beweisen nicht nur die vielen Hörspiel-Adaptionen, am berühmtesten die Bearbeitung von Orson Welles von 1938, die viele Amerikaner in Panik versetzte, weil sie meinten, es mit einer Live-Reportage zu tun zu haben. Das beweist vor allem der ungekürzte, hier in der geschmeidigen Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff zu hörende Originaltext selbst. Wells schreibt mit pointierter Anschaulichkeit, gebannt folgt man der involvierten, aber keineswegs schreckensbleichen Lesung von Andreas Fröhlich, gerade wenn man bereits die Verfilmungen kennt, die wie die von Spielberg das Geschehen in unsere Gegenwart versetzen.

          Hysterischer Leidensgenosse im Keller

          Die markanten Szenen sind schon bei Wells zu finden, oft subtiler und hintergründiger: etwa die furios geschilderte Massenpanik, die postapokalyptischen Landschaften, die Details der vampirischen Apparaturen oder die Klaustrophobie im Keller, als ein hysterischer Leidensgenosse die Aufmerksamkeit der Marsianer zu erregen droht. Bei Wells ist diese Nervensäge nicht zufällig ein Geistlicher, der sich dank christlicher Lehre doch etwas besser auf den Weltuntergang verstehen sollte. Ein komischer Höhepunkt, den die Verfilmungen aussparen, ist der Dialog mit einem Artilleristen, der den Sieg der Marsianer nietzscheanisch als Triumph der Stärkeren gutheißt, aber von einer neuen Elite unerschrockener Menschen träumt, die sich in der Londoner Kanalisation auf die Rückeroberung der Erde vorbereiten. Dann spielt er aber doch lieber mit dem Erzähler Karten.

          Immer noch faszinierend ist die Pointe, dass die Invasoren, gegen die alle menschlichen Waffenarsenale nichts auszurichten vermögen, am Ende ausgerechnet von Bakterien und Viren, also den Ende des neunzehnten Jahrhunderts gerade erst erforschten Kleinstorganismen, vernichtet werden. Wie triftig dieses biologische Desaster entworfen ist, konnte Wells noch gar nicht wissen.

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