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Neue Hörbücher von H.G. Wells : Radelnder Reporter der kommenden Katastrophe

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Herbert George Wells
Herbert George Wells : Bild: dpa

Ein Leitmotiv im Werk von Wells ist das Fahrrad, das modernste Vehikel der viktorianischen Ära. Er widmete ihm sogar einen eigenen Roman („The Wheels of Chance“), der bis heute leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Immer wieder hat sich der Schriftsteller in den Sattel geschwungen und die Schauplätze rund um Woking erkundet, die er in Schutt und Asche zu legen gedachte - ein radelnder Reporter der kommenden Katastrophe. Streckenweise findet auch im Roman die Flucht per Zweirad statt; ein Fahrradgeschäft wird geplündert. Wer diese Motivik kennt, kann über die hinzuerfundene Szene in Spielbergs Verfilmung lächeln, in der ein Marsianer einen Keller durchstöbert und ratlos ein Fahrrad betrachtet.

Auch die Zeitmaschine - Wells’ Debütroman ist zum 150. Geburtstag des Autors ebenfalls in einer fabelhaften Hörbuchfassung erschienen - erinnert mit Sattel und Gestänge an ein skurriles Fahrrad, mit dem der Reisende auf der Zeitachse unterwegs ist. Jules Verne hat Wells Nachlässigkeit in Fragen der naturwissenschaftlich-technischen Stimmigkeit vorgeworfen; dafür ist Wells den Albträumen der literarischen Moderne deutlich näher als der Franzose. In „Die Zeitmaschine“ ereignet sich jener literaturgeschichtliche Moment, in dem die Utopie in die Dystopie kippt. Im Jahr 802701 stößt der Zeitreisende auf eine späte Zivilisation, die zunächst manche optimistische Vorstellung zu erfüllen scheint: In anmutigen, blumenreichen Landschaften leben zartgliedrige Menschen; es herrscht anstrengungsloser Wohlstand, die Luft ist voller Melodien und fröhlichem Geplapper. Wären da nicht die brunnenartigen Schächte, vor denen die Menschlein der Zukunft zurückschauern. Dumpfes Wummern dringt von dort herauf. Von Neugier getrieben, riskiert der Zeitreisende den Abstieg. Und trifft auf bleiche, lichtscheue Wesen, die menschlichen Spinnen gleichen. Sie leben in einem weitverzweigten Stollensystem; in den unterirdischen Fabriken wird die Arbeit getan, von der auch die Oberweltler leben.

Bei Wells hat sich das Klassensystem Englands im Zeichen der Degenerationstheorien biologisiert. Das Industrieproletariat, das in seinen Arbeits- und Wohnverhältnissen kaum Tageslicht bekommt, hat sich zu den Morlocks entwickelt; die verfeinerte, dem Müßiggang frönende Oberschicht dagegen zu den androgynen Eloi, den naiven Blumenmenschen. Die Herrschaftsverhältnisse haben sich jedoch umgekehrt. Zwar leisten die Morlocks die Arbeit für die Eloi; aber diese werden von ihnen gehalten wie Schlachtvieh. Die Kultur des friedlichen Müßiggangs zeigt ihre Kehrseite: eine Gesellschaft der Angst. Auch der Reisende wird von Panik vor den Morlocks ergriffen, die seine Zeitmaschine entwendet haben.

Beklemmend und brisant

Knapp gelingt ihm die Flucht. In der Aufregung stellt er aber die Zeitmaschine falsch ein und gerät in eine noch viel fernere, abscheulichere Zukunft. Die Sonne steht als aufgeblähter roter Ball am trüben Himmel, von Menschen keine Spur, stattdessen schwingen monströse Riesenkrabben ihre Scheren. Diese Szenen des Weltendes sind von dunkler poetischer Kraft. Der Zeitreisende tritt schleunigst die Rückreise in die Gegenwart an. Gebannt lauschen dann die Freunde seinen Ausführungen; ebenso gebannt folgt man der suggestiven und mitreißenden Lesung von Götz Otto. Er hat den kühlen Ton des Wissenschaftlers, dessen Verstand auf Hochtouren arbeitet, um für die ungeheuerlichsten Erlebnisse rationale Erklärungen zu finden. Hörspielhafte Hintergrundkulissen - unterweltliches Wummern, grunzende, kreischende Morlocks - verleihen der Lesung bisweilen die Atmosphäre von Action-Hörkino.

Wells’ Visionen sind beklemmend und brisant geblieben, gerade weil sie sich nicht im technischen Detail verlieren. Dafür nehmen sie gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick, die jedem Fortschrittsoptimismus hohnsprechen. Es sind Jahrhundertwerke, die man kennen sollte - diese Hörbücher bieten die beste Gelegenheit dazu.

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