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J. K. Rowling, Lisbeth Zwerger: „Die Märchen von Beedle dem Barden“. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Carlsen Verlag, Hamburg 2018. 160 S., geb., 30,– Euro. Ab 10 J. Bild: Carlsen

Zwerger illustriert Rowling : Was hüpft mir da ein Topf hinterher?

Wer in der Welt von J.K. Rowling „Die Märchen von Beedle dem Barden“ nicht kennt, gibt sich als vielleicht zauberkundig, aber doch nicht ganz zugehörig zur magischen Aristokratie zu erkennen. Erst Lisbeth Zwerger zeigt, was in ihnen steckt.

          Ein Zauberer vererbt seinem Sohn ein Töpfchen und einen einzelnen Pantoffel, garniert mit dem seltsamen Spruch: „In der kühnen Hoffnung, dass du ihn nie brauchen wirst, mein Sohn.“ Was es damit auf sich hat, erschließt sich rasch. Der Zauberer war weit und breit für seine Hilfsbereitschaft bekannt, während sein Sohn sich nun von Stund an weigert, irgendeine an ihn herangetragene Not zu lindern. Das Töpfchen aber entpuppt sich als metallene Mahnung: Es klagt lauthals, trägt die Warzen zur Schau, die der junge Zauberer einem kleinen Mädchen nicht weghexen wollte, und schreit wie der Esel, der den Armen weggelaufen war und den der Magier nicht zurückholen wollte. Zu allem Überfluss aber hat das Töpfchen einen Fuß ausgebildet, auf dem es nun umherhüpft – immer auf der Spur des hartherzigen Zauberers. Bis der schließlich den geerbten Pantoffel holt und ihn über das Füßchen zieht und dann den Topf beruhigt, indem er alle Wünsche der Bevölkerung erfüllt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Der Zauberer und der hüpfende Topf“ ist eines von fünf Märchen, denen eine volkstümliche Überlieferung seit knapp sechshundert Jahren zugeschrieben wird – sie stammen, so heißt es, von einem Zauberer namens „Beedle der Barde“ und seien in der Welt der Magier bis heute in etwa so verbreitet wie in der nichtmagischen Welt die Märchen der Brüder Grimm. Tatsächlich stammen sie von Joanne K. Rowling und sind daher als literarische Fiktion Teil des „Harry Potter“-Universums. Und das nicht als einfaches Accessoire, sondern als Unterscheidungsmerkmal zwischen Zauberern und Muggeln – wer sie nicht kennt, gibt sich damit als vielleicht zauberkundig, aber doch nicht ganz zugehörig zur magischen Aristokratie zu erkennen, er hat den falschen Stallgeruch. Zweitens aber dient „Das Märchen von den drei Brüdern“, der abschließende Text dieser Sammlung, als Schlüssel für die Bekämpfung des bösen Lord Voldemort.

          Dabei ist interessanterweise nicht einmal sicher, dass es die in dem Märchen beschriebenen magischen Gegenstände tatsächlich gibt. Entscheidend ist aber, dass Voldemort fest daran glaubt, während ein Großteil der anderen Zauberer in den Texten, die von Beedle überliefert sind, das sieht, als was sie sich ausgeben: Märchen.

          Geschmeidig und widerständig zugleich

          Damit bettet J. K. Rowling diese Märchen in einen Kontext ein, der aus der nichtmagischen Welt vertraut ist, schließlich gibt es auch bei uns mitunter Forscher, die nach einer historischen Überlieferung, einer Art wahrem Kern von Märchen wie „Schneewittchen“ oder „Dornröschen“ suchen (was Hans Traxler in seinem zeitlos schönen Band „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ persiflierte). Auch in anderer Hinsicht zitiert Rowlings Märchenbuch den Diskurs unserer Welt: Beigegeben sind den Texten jeweils Erläuterungen, die von Albus Dumbledore stammen, dem Direktor der Zaubererschule Hogwarts. Dumbledore legt die Texte nicht nur aus, sondern beschreibt auch, wie sie sich im Lauf der Zeit durch Nacherzählen verändert haben, speziell durch allzu tugendsame Autoren, die junge Leser (und Hörer) vor schier allem bewahren wollen, was sie in den Augen jener Vermittler verstören könnte, also Gewalt und Schrecken – man kennt das zur Genüge von den diversen Bearbeitern der Märchen der Brüder Grimm bis auf den heutigen Tag.

          Man wird dem Buch, das gerade in neuer Ausstattung bei Carlsen erschienen ist, literarische Raffinesse auf keinen Fall absprechen. Und doch ist es vielleicht gerade dies, das Raffinierte, manchmal Gekünstelte, das einen eigentlichen Märchenton vermissen lässt. So sind es in dieser Neuausgabe nun ausgerechnet die Illustrationen der zu Recht vielfach prämierten Lisbeth Zwerger, die für das Märchenhafte sorgen. Ihre Bilder sind geschmeidig und widerständig zugleich, ob sie einzelne Figuren oder Gegenstände abbildet oder große Panoramen aufspannt, und wenn sie die Naturgesetze außer Kraft setzt und – ausgehend von einem Halbsatz bei Rowling – den geflohenen Esel durch die Luft zurückholt, dann wird dort Magie nicht behauptet, sondern mit leichter Hand ausgeübt.

          Ein Kunstwerk aus eigenem Recht

          Dies gilt besonders für die düstere Geschichte um die drei Brüder, die dem leibhaftigen Tod begegnen und von ihm beschenkt werden, was zwei von ihnen ins Unglück stürzt und dem dritten, dem klügsten von ihnen, ein langes glückliches Leben beschert, bis er sich dann selbst dem Tod stellt. Zwergers Bilder lassen die Tragik und das Glück gleichermaßen deutlich werden, aber die Tragik ist ebenso wenig absolut wie das Glück, so dass das schönste Panorama des Bandes die leergefegte Landschaft ist, in deren Mitte der beinahe durchsichtige Tod steht und wartet – natürlich, weiß er, der letzte Bruder wird ihm nicht entgehen, aber für den Moment strahlt seine Haltung sogar etwas Ratlosigkeit aus, als sei ihm derlei noch nie begegnet. Wahrscheinlich stimmt das sogar.

          Zwergers Bilder ergänzen den Text nicht nur, sie legen ihn mit größter Freiheit aus und adeln ihn, indem sie ihn zum Anlass für ein Kunstwerk aus eigenem Recht nehmen. Viele werden „Die Märchen von Beedle dem Barden“ in anderen Ausgaben besitzen. Diese Ausgabe bietet die Chance, sie völlig neu zu rezipieren.

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