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Zweimal „Rotkäppchen“ : Wölfe in der Klemme

Bild: Moritz

Zum Schmunzeln, zum Gruseln: In zwei Bilderbüchern suchen Mario Ramos und Adolfo Serra neue Wege zum Rotkäppchen.

          2 Min.

          Gegensätzlicheres als das, was Mario Ramos und Adolfo Serra in ihren neuen Bilderbüchern jeweils mit dem altbekannten Rotkäppchen-Märchen anstellen, ist gar nicht vorstellbar. Nehmen wir Ramos. Der 1958 geborene Illustrator hat dem im französischen Sprachraum durch Charles Perraults Märchensammlung populären Stoff die Zähne gezogen: Der Bösewicht des Geschehens steht schon auf dem Titelblatt so da, wie der Titel verspricht: „Der Wolf im Nachthemd“. Ramos erzählt die Geschichte von einem bestimmten Moment an einfach anders, als es Perrault oder die Brüder Grimm taten. Als der Wolf das Haus der Großmutter betritt, ist die im Märchen bettlägrige alte Dame gerade ausgegangen. Ihr rosafarbenes Nachthemd hat sie zurückgelassen, weshalb die übliche Maskerade des Wolfs auch ohne vorherige Mahlzeit vollzogen werden kann. Doch dann macht das Raubtier einen Fehler: Es denkt nach.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nicht, dass es moralische Anwandlungen hätte. Seine Sympathie für Menschen beschränkt sich auf deren jeweilige Position in der Speisenabfolge, und da kommt dem Wolf das zarte Rotkäppchen als Hors d’oeuvre gerade recht. Nein, der Bösestewicht (“Le plus malin“ heißt das Bilderbuch im Original) will noch schnell seine Spuren vor dem Haus verwischen, ehe sein junges Opfer eintrifft. Da wirft ein Windstoß die Tür zu, der Wolf steht in den lächerlichen Omaklamotten im Freien und wird fortan von den anderen Bewohnern und Besuchern des Waldes (alles berühmte Märchenfiguren) mit der Großmutter verwechselt, was dem haarigen Macho ziemlich auf die Nerven geht.

          Wie es wohl weitergeht?

          Gut, das ist eine einigermaßen omaverachtende Geschichte. Aber man lacht ja über den Wolf, und Omas mit solchen Nachthemden gibt es bestimmt schon lange nicht mehr. Also ist das nicht das Problem. Eher liegt es darin, dass Ramos sich die Erzählung etwas leichtmacht. Am Anfang treffen Wolf und Rotkäppchen aufeinander und trennen sich im besten Benehmen, nachdem er sie sogar noch nett vor bösen Haien gewarnt hat. Warum also sollte sich der Wolf später überhaupt Mühe mit dem Spurenverwischen geben?

          Aber seien wir nicht zu genau. Erfreuen wir uns lieber an den bewusst naiven doppelseitigen Zeichnungen, in denen Ramos die verzweifelten Bemühungen des Wolfs festhält, das lächerliche Textil wieder loszuwerden. Oder an dessen wechselndem Mienenspiel im Laufe des Buchs. Oder an dem lapidaren Ende, von dem aus die Vorleser aufgerufen sind, weiterzuerzählen, denn für Kinder ist der Schlussgag nicht markant genug. Ja, es gibt eine schöne Moral, aber kein eindeutiges Ende. Wobei auf dem letzten Bild auch noch die Brille wiederauftaucht, die ein im Märchen nicht unwichtiger Akteur schon suchte: ein wunderbarer Verweis auf das, was kommen könnte.

          Immerhin gemeinsam ein glückliches Ende

          Ramos also hat ein Buch für diejenigen gemacht, die das Märchen gut kennen. Das ist das Einzige, was sein Bilderbuch mit Adolfo Serras „Rotkäppchen“ gemein hat. Ansonsten ist dort alles anders: Serra hat keinen Erzähltext, sondern nur Bilder. Er beschränkt seine Palette auf Schwarz, Rot und etwas Gelb, während Ramos kunterbunt zeichnet. Wo der Belgier auf kindgerechte Optik setzt, wählt der 1980 geborene spanische Illustrator einen symbolistischen Zugang, der sein Buch vor allem zum Augenschmaus für erfahrene Betrachter macht. Das schließt Kindervergnügen aber keineswegs aus, denn man lernt aus Serras „Rotkäppchen“, was mit Bildern alles gemacht werden kann. Wie etwa der langgestreckte struppige Wolfskörper zur Topographie des Geschehens wird (auf der Nasenspitze sitzt Großmutters Haus, das Rückenfell wird zum Wald, der buschige Schwanz zur Rauchfahne), das ist grafisch großartig gelöst, und wenn auf der besten Doppelseite dieses Buchs, das auch nur aus doppelseitigen Bildern besteht, der Schatten des Rotkäppchens wie ein Hai (vielleicht hatte der Wolf von Ramos ja doch recht) auf die Wand des Schlafzimmers fällt und erst durch die dort hängenden Bilder zum Wolf ergänzt wird, dann vermittelt die Darstellung wirklich Grausen.

          Und das ist der zentrale Unterschied: Ramos ist zum Lachen, Serra ist zum Gruseln. Welchem Buch man den Vorzug gibt, hängt mit dem Blick auf die Welt zusammen. Wollen wir sie schöngefärbt oder realistisch? Immerhin gehen beide Bücher gut aus. So viel Nähe zum Original muss schon sein.

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