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Zwei Bilderbücher von Nadia Budde : Es hat doch jeder was zu jammern, aber niemand einen Grund

Bild: Jacoby & Stuart

Wieder Borstiges von Nadia Budde: In zwei Büchern singt die Berliner Illustratorin der Eigenliebe und den Eigentümlichkeiten von Kulturfolgern ein Lied.

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          Diese weit aufgerissenen Kulleraugen, das Struppige, der ungleichmäßige Strich eines ausgefransten Filzstifts, der die mit Farbflächen kolorierten Figuren schwarz konturiert: Wer einmal eines der Bilderbücher von Nadia Budde in der Hand hatte, wird jedes weitere gleich erkennen. Und er wird es schnellstmöglich ebenfalls zur Hand nehmen, in Vorfreude auf den zugleich zarten und ruppigen Witz, der die Werke der Berliner Künstlerin ausmacht. Jetzt sind gleich zwei neue Bücher Buddes erschienen, das eine, „Und außerdem sind Borsten schön!“, ein klassisches Bilderbuch mit 32 Seiten, das andere die 140 Seiten starke Sammlung der Beobachtungen, Assoziationen und Spielereien, die Nadia Budde von Februar 2011 an in einer Kolumne der „Berliner Zeitung“ zu „Großstadttieren“ veröffentlicht hat.

          Nadia Budde ist eine Sammlerin, ihre Bücher sind nicht selten Reihenschaltungen von Spinnereien, von Abweichungen wie in ihrem Debüt, „Eins zwei drei Tier“, das im Jahr 2000 gleich mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden ist, von Alliterationen wie in „Trauriger Tiger toastet Tomaten“ aus dem Jahr 2006, von seltsamen Weltallwesen wie in „Unheimliche Begegnungen auf Quittenquart“, 2010 erschienen. In „Großstadttiere“ hat die Bilderbuchkünstlerin Kulturfolger versammelt, vom Waschbären bis zur Pharaoameise, die der menschlichen Bewegung „raus aufs Land“ entgegen vor „der Monotonie der modernen Landwirtschaft, dem Dünger, den Pestiziden, den begradigten Flussläufen und den Jägern“ in unsere Städte geflohen sind. Und sich den Lebensbedingungen dort nach ihren Möglichkeiten anpassen: schönstes Material für die Gedankenspiele der Autorin.

          Die Mühe der Möwen

          Dass es vor Altkleidercontainern mitunter ähnlich aussieht wie bei von Waschbären durchwühlten Mülltonnen, lässt ja eigentlich nur einen Schluss zu: Die Tiere kleiden sich ein. Dass Altschuhcontainer indes verschont werden, zieht Budde konsequent zur Bestätigung dieses Verdachts heran: Wenigstens bei Schuhen haben sie Geschmack. Oder kommen doch nicht ganz aus ihrer Tierhaut.

          Aus tierischer Sicht und mit Buddes Lakonie lässt sich das Phänomen der Verstädterung so beschreiben: „Manche Tiere bleiben einfach da, wo sie immer schon waren, und wachen eines Morgens als Großstadttier auf.“ Die Möwe gibt sich auch fern von allen größeren Gewässern größte Mühe, uns glauben zu machen, das Meer sei gar nicht weit: „Laut umkreischt sie die städtischen Mülldeponien, so dass man meinen könnte, ein Strand sei in der Nähe.“ Dem armen Marder, bestimmt nur seines Namens wegen so unbeliebt, sollten wir eigentlich entgegenkommen, indem wir einfach die Motorhauben unserer Autos auflassen und das Fahrrad nehmen. In London, ihrer heimlichen Hauptstadt, sollen Füchse bereits in Downing Street No. 11 zur Untermiete gewohnt haben. Wohingegen man in Moskau noch froh sein kann, wenn es das Wolfsrudel vor dem Supermarkt einzig auf die Einkäufe abgesehen hat. In Zürich schließlich hat sich eine ganze Reihe Exoten auf Dauerurlaub eingefunden: Tapezierspinnen, Alpensegler und Asiatische Marienkäfer zum Beispiel, an denen sich ganz bestimmt ein Phänomen ebenfalls beobachten lässt, auf das die aufmerksame Illustratorin weiter vorne im Buch bereits zu sprechen gekommen ist: der „Turm auf dem Kopf“, der tatsächlich manches Urlaubsfoto ziert.

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