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Øyvind Torseters neuer Comic : Fische im Wollpullover sind schlechte Zeugen

Eine Seefahrt will vorbereitet sein: Die Ausstattung gibt es hier. Bild: Øyvind Torseter/Gerstenberg Verlag

Øyvind Torseters neuer Comic ist eine moderne Entdeckergeschichte. Es sind die wunderbaren Zeichnungen und die ironisch-leichte Art zu erzählen, die „Hans sticht in See“ so besonders machen.

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          Hans ist vom Pech verfolgt: Nach ein paar allzu wagemutigen Schnittexperimenten hat er seinen Job als Friseur verloren, sein Wohnhaus soll abgerissen und sein Hab und Gut gepfändet werden. Und als er denkt, es könne schlimmer nicht kommen, sind in der Hafenkneipe auch noch die Chilinüsse aus. Trotzdem wartet ausgerechnet an diesem zwielichtigen Ort Trost: Eine charmante Barfrau spendiert Kaffee, und ein dubioser Millionär hat einen Job als Matrose zu vergeben. Hans wittert seine letzte Chance.

          „Hans sticht in See“, der neue Comic des norwegischen Illustrators und Autors Øyvind Torseter, erzählt auf den ersten Blick eine klassische Seefahrergeschichte. Hans, der etwas naive Protagonist, bricht auf, um in der Ferne sein Glück zu suchen. Glück in Form des größten Auges der Welt, für das ihm der Millionär eine Belohnung von 70.000 Kronen versprochen hat. Doch auf großer Fahrt warten einige Überraschungen: Der mit seiner Erfahrung protzende Superreiche stellt sich beim ersten Sturm als feiger Schaumschläger heraus. Und im Schiffsbauch entdeckt Hans eines Abends eine blinde Passagierin, die ihn fortan auf seinen Abenteuern begleiten wird. Trotz aller Wendungen gehen die Irrfahrten am Ende dann natürlich doch gut aus: Hans bekommt sein Geld und findet sogar die Liebe.

          Øyvind Torseter: „Hans sticht in See“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. 160 S., geb., 26,– Euro. Ab 6 J.

          Doch die Geschichte spielt in diesem Comic fast eine Nebenrolle. Es sind Torseters wunderbare Zeichnungen und seine ironisch-leichte Art zu erzählen, die „Hans sticht in See“ so besonders machen. Bei den Vorbereitungen zur Reise sind ausgerechnet Ringelpullis im Angebot, wenn auch nur aus synthetischer Wolle. Die Zitronen, eigentlich eingepackt, um dem Skorbut vorzubeugen, fallen der blinden Passagierin zum Opfer, die dringend mal wieder einen Gin Tonic trinken möchte. Und als der hippe, bärtige Verkäufer in der Abteilung „Gefährliche Seereise“ zu einem Expeditionstier rät, das die Reisenden in brenzligen Situationen beschützen soll, wählt Hans ausgerechnet die süßesten und flauschigsten Wesen aus, die im ganzen Laden zu finden sind.

          Dass diese in der entscheidenden Situation trotzdem zur Stelle sind, passt zu Torseters ganzer Geschichte, in der es keine starken Männer gibt, die erwartbare Heldentaten vollbringen, sondern alle Klischees genau in dem Moment unterlaufen werden, in denen man doch wieder mit ihnen gerechnet hatte. Oft lässt sich dabei auch eine sehr unaufdringliche Sozialkritik spüren. So ist die lapidare Mitteilung der Hausverwaltung, die Hans aus seiner Wohnung wirft, zwar überspitzt, doch manchem Mieter vielleicht nicht gänzlich unbekannt. Und auch die Frage, wem denn eigentlich all die Dinge gehören, die man auf Entdeckungsreisen so erbeutet, spielt im Comic eine Rolle.

          Nichts davon wirkt belehrend, sondern schwingt vielmehr nur im Hintergrund mit. Wie überhaupt viele der Anspielungen, die man verstehen kann, aber nicht muss: Eine Art Moby Dick versetzt die Meere in Angst und Schrecken und ein Zyklop mit herausnehmbaren Auge erinnert an Polyphem.

          Eine wahre Entdeckergeschichte

          Sprechende Tiere und Fabelwesen bevölkern die Welt, in die sich Hans und die blinde Passagierin aufmachen, und auch mit diesen Elementen spielt Torseter: „Glaub nicht alles, was ein Fisch mit Wollpullover sagt“, rät Hans seiner Begleiterin, als die sich vor fleischfressenden Monstern fürchtet. Kurz darauf landet er im Kochtopf des Zyklopen und beweist zweierlei: dass auch das Phantastische wahr sein kann und Vorsicht manchmal klüger ist als draufgängerisches Heldengetue.

          Diese verschiedenen Ebenen spiegeln sich auch in Torseters Zeichnungen wider. Oft werden mehrere Bilder collagenartig übereinandergelegt, bei denen die Szenen im Hintergrund genauso interessant sind wie die, die sie überlagern. So bemerkt man erst beim zweiten Lesen Hinweise, die einem vorher möglicherweise entgangen waren. Geht es darum, das Schiff kennenzulernen, zeichnet Torseter detailreiche Wimmelbilder. Tobt draußen auf dem Meer der Sturm, gerät auch der Zeichenstift ins Zittern.

          All das macht „Hans sticht in See“ zu einer wahren Entdeckergeschichte. Nicht nur weil Hans und die blinde Passagierin sich auf die Suche begeben, sondern weil sie die Leser dazu einladen, es ihnen gleichzutun.

          Øyvind Torseter: „Hans sticht in See“. Aus dem Norwegischen von Maike Dörries. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. 160 S., geb., 26,– Euro. Ab 6 J.

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