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Yi Meng Wu: „Yaotaos Zeichen“. Verlag Kunstanstifter, Mannheim 2017. 104 S., geb., 24,– Euro. Ab 6 J. Bild: Kunstanstifter

Yi Meng Wus „Yaotaos Zeichen“ : Selbstfindung auf den Flügeln der Schrift

  • -Aktualisiert am

Mehrfach gespiegelte Auswandererschicksale auf der Klaviatur der Illusionen zwischen Lebenswelten, Kriegen, Meeren und Mentalitäten: In Yi Meng Wus Bilderbuch entdeckt die Enkelin die Geschichte von Yaotao und Laurence.

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          Das kleine Mädchen Lucie aus Lyon findet im Speicher ihrer Großeltern einen Koffer. Als sie ihn öffnet, fliegen ihr chinesische Schriftzeichen entgegen. Es ist der Tanz dieser Zeichen, der die Geschichte vorantreibt. Das Zeichen „Shui“ (Wasser) erzählt Lucie von der Überfahrt aus dem bürgerkriegsgeplagten China und von der Glückssuche ihres chinesischen Urgroßvaters Yaotao.

          Die chinastämmige Künstlerin Yi Meng Wu, die in Essen, Paris und Berlin studierte, schildert mehrfach gespiegelte Auswandererschicksale auf der Klaviatur der Illusionen zwischen Lebenswelten, Kriegen, Meeren und Mentalitäten. Türkisfarbene Querschnitte des Ozeans evozieren kulturelle Distanz und das Unterbewusstsein der Träume. Reiseziel des fiktiven Pekinger Helden Yaotao 1930 war das „Institut franco-chinois“ in Lyon als Elitenschmiede für ein neues China. Im ostwestlichen Kooperationsprojekt wurden Chinesen auf das Studium in Frankreich vorbereitet. Zwischen 1921 und 1946 kamen 473 Studenten aus China nach Lyon, wobei einige Rückkehrer bekannte Wissenschaftler oder Politiker wurden. Im Archiv „Fonds chinois“ der Stadtbibliothek Lyon, das sich aus der Bibliothek und persönlichen Akten des Instituts zusammensetzt, recherchierte die Autorin die Lebensspuren, die sie ihrem Buch zugrunde legt.

          Das Schriftzeichen „Erde“ geleitet Lucie nach Lyon. Im Institut, das in der Festung Saint-Irénée eingerichtet worden ist, wird der Medizinstudent Yaotao in Artefakte wie Essbesteck oder Boule eingeführt – und in die Wortungetüme des „Larousse Médical“. Die Bekanntschaft mit der Schneiderin Laurence bringt ihn nicht nur sprachlich weiter: das Zeichen „Jia“ für Familie verrät, dass Laurence Lucies Uroma ist. Es folgen Heirat und Umzug, die Geburt des Sohnes mit dem sprechenden Doppelnamen François-Hua, der Studienabschluss und schließlich die Anstellung im Krankenhaus.

          Jetzt muss Laurence alles lernen

          Labyrinthische Passagen („Traboules“) der Hinterhöfe Lyons symbolisieren Exil und Selbstverlorensein. Die Autorin spielt mit Typographien und Kaligraphien, Schriftbildern und Bilderschriften, Scherenschnitten und Fotomontagen wie einer Aufnahme der Uferpromonade „Bund“ als Kolonialseite Schanghais, der sie ein vormodernes Sampan-Hausboot gegenüberstellt. Wu arbeitet mit flinken Cuts und fließendem Wechsel zwischen Vergangenheit und Jetztzeit, wenn sich Lucie beim Bild der am Neujahrsfest des Instituts tanzenden Urgroßeltern auf dem Dachboden mitdreht. Starre Institutssäulen umspielende rote Laternen fangen das „Mal du pays“ ein.

          Als seine Mutter Yaotao wegen des kranken Vaters nach Peking zurückzitiert, beginnt nun umgekehrt Laurence’ Emigration und Akkulturation. Die Doppelseite „1936 Peking“ kontrastiert das Ankunftspanorama von Lyon 1930 und „Douce France“ mit Chinas geschäftigem, oft als „renao“ (heiß und laut) gepriesenem Straßentreiben. Lyons Traboules stehen Stillleben und Sittengemälde des Wohnhofs „Siheyuan“ gegenüber. Laurence lernt Verbeugungen, das Schneidern traditioneller Kleider oder die Zubereitung von Jiaozi-Maultaschen.

          Bis ein Freund Yaotaos Koffer bringt

          Doch die Idylle trügt: Van Gogh-artige Krähen, die japanische Bomber assoziieren, und an Chinas monochrome Malerei erinnernde Schlachtenbilder künden von Unheil. Yaotao wird als Arzt zur nordchinesischen Front abberufen, von wo er nicht wiederkehrt. Traurig abgewendete Gesichter bezeugen stilisiertes Grauen.

          Laurence’ Trostgedanke, dass der Himmel überall ist und Yaotao immer bei ihr sein wird, geht bei der Rückreise mit ihrem Kind mit der Erkenntnis nicht nur der Universalität des Geistes, sondern auch des Ungeistes einher. Gleise der Hoffnung, die aus Peking führen, münden in das von den Nationalsozialisten besetzte Frankreich. Scherenschnitte, die zuvor den Chic der Couturiers illustrierten, zeigen nun Schnittmuster der Mobilisierung und des Militärs.

          Laurence flüchtet zu den Eltern in der Ardèche. Nach Kriegsende kehrt sie nach Lyon zurück, heiratet und arbeitet wieder. China ist fern, bis ein Freund Yaotaos Koffer bringt. Das Emigrantenmärchen endet mit dem emblematischen Ginkgo, den Yaotao vor der Abreise nach China im Lyoner Garten pflanzte. Ihn schmücken Schriftzeichen seines Lebens, die sich aus dem von Lucie geöffneten Koffer auf die Äste verflüchtigten und wie Lampions leuchten. Das Zeichen „Westen“ ist mit dem Ginkgo verwachsen.

          Im zirkularen Erzählfluss pflückt Yaotaos Sohn François-Hua das Schriftzeichen für „Leben“ vom Baum und überreicht es der Enkelin.

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