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Bilderbuch von Yaroslava Black : Rumspuken? Das würde Oma nicht

Abschied von der Großmutter: Ein Nachbar soll den Sarg vernageln, bevor es zum Friedhof geht. Bild: Ulrike Jänichen / Verlag Urachhaus

Drei Tage mit der Toten: Im Bilderbuch „Baba Anna – Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog“ erzählt Yaroslava Black von der Sorge um die Seelen in den Karpaten.

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          Es müssen Jahre seit der Beerdigung vergangen sein, als die verstorbene Großmutter der Erzählerin im Traum erscheint. Die Enkelin nimmt sich ein Herz und fragt eine der großen, der ganz großen Fragen, die mit dem Tod zusammenhängen: „War es schwer, zu sterben?“

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn es in Bilderbüchern für Kinder um den Tod geht, sind häufig Tiere im Spiel. Es werden Bilder gesucht, um dem Rätselhaften, Unbekannten, auch Unheimlichen des Sterbens eine Anmutung zu geben. Notfalls machen sich die kindlichen Helden der Geschichten selbst ein Bild davon, was es heißt, mit dem Tod umzugehen, zu trauern, zu bestatten. Tote selbst sind kaum zu sehen.

          In „Baba Anna – Wie meine ukrainische Großmutter auf dem Brombeerblatt flog“ dauert es drei Tage, bis der Sarg schließlich zugenagelt und die Gestorbene beerdigt wird. Was in diesen drei Tagen geschieht, davon erzählt Yaroslava Black, im Vorland der Karpaten geboren, in diesem Bilderbuch: von den Trauerriten ihres Herkunftslandes, von den Bildern, die sich die Menschen hier seit Jahrhunderten vom Sterben machen, von den Annahmen, die ihnen zugrunde liegen, von den Handlungen, mit denen sie sich dem so unfassbaren wie natürlichen Tod gegenüber orientieren.

          Damit die Seele in die Heimat zurückkehrt

          Die Uhren werden angehalten, die Spiegel verhängt, die alten Nachbarinnen versammeln sich mit Kerzen zum geflüsterten Gebet am Bett, auf dem die Tote ihrem letzten Wunsch gemäß in ihren schönsten Kleidern liegt, ein Priester spritzt mit einem Myrtenbündel Weihwasser auf die Großmutter und alle, die nicht rechtzeitig auf Abstand gehen: Nicht alles, was die Autorin aus ihrer ukrainischen Heimat erzählt, wirkt unvertraut.

          Der kalte Weizen-Mohn-Nuss-Honig-Brei für die Tote, die Weizenkörner, die auf den Boden gestreut und zur Decke geworfen werden, das dreimalige Heben und Senken des Sargs beim Überqueren der Schwelle wie auch der Umstand, dass er möglichst über sieben Schwellen getragen werden sollte, wirken hierzulande indes nicht nur aus der Zeit gefallen, sondern geradezu fremd. „Oben in den Bergen“, sagt der Vater der Erzählerin, werde am dritten Tag sogar im Sterbezimmer wie vor dem Haus musiziert: „Die Melodie wird immer schneller und lauter, und die Leute stampfen nach Leibeskräften, dass das ganze Haus wackelt!“

          Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: „Baba Anna“. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2022. 46 S., geb., 19,90 €. Ab 5 J.
          Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: „Baba Anna“. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2022. 46 S., geb., 19,90 €. Ab 5 J. : Bild: Urachhaus Verlag

          Und warum? Der Seele wegen. Weil sie in ihre Heimat zurückkehrt. Damit sie gut über die Schwelle ins Geisterland kommt. Damit die Seele nicht etwa im unverhängten Spiegel stecken bleibt und herumspukt. Das, weiß die Erzählerin allerdings schon als kleines Kind, würde Großmutter niemals tun. Schließlich will sie doch den Großvater wiedertreffen. Schließlich hat sie sich doch extra für ihn schön machen lassen und darauf bestanden, dass sie mit Gebiss beerdigt wird.

          In kleinen Szenen aus den drei Tagen der Totenwache vermittelt Yaroslava Black beiläufig, welchen Halt es auch den Trauernden geben kann, genau zu wissen, wie ganz im Sinne der Gestorbenen zu handeln ist. Die fast kantigen und doch zarten Buntstiftzeichnungen Ulrike Jänichens halten die Balance aus Intimität und Ferne. Es liegt etwas Besonnenes in den Schilderungen, aber auch eine Leichtigkeit, die nicht allein der kindlichen Perspektive geschuldet ist, nicht nur den Ausflügen in die Erinnerung an Erlebnisse mit der Großmutter – sei es ein gemeinsames Rätselspiel, Großmutters späte Lust auf Orangen, die dem Mädchen zu einem großen Auftritt auf dem Markt verhalf, oder eine aufgeschnappte Bemerkung des Großvaters, die die Alte beim Bügeln so prusten ließ, dass ihre Enkelin von dem Sprenkelwasser ganz nass wird, das Baba Anna für die Wäsche in den Mund genommen hatte.

          Die letzten beiden Doppelseiten lassen die kindlichen Erlebnisse um den Tod der Großmutter hinter sich. Zu sterben sei gewesen, wie die Kleider abzulegen, sagt sie im Traum entschwebend der Erzählerin: „Man wird leicht wie ein Blatt und kann dann fliegen.“ Als die Erzählerin ihr hinterherruft, sie möge bleiben, es gebe noch so viele Fragen, gibt sie die tröstlichste aller Antworten.

          Yaroslava Black, Ulrike Jänichen: „Baba Anna“. Urachhaus Verlag, Stuttgart 2022. 46 S., geb., 19,90 €. Ab 5 J.

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