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Jugendroman von Sally Nicholls : Mutters Geruch löst Albträume aus

Sally Nicholls: „Wünsche sind für Versager“. Aus dem Englischen von Beate Schäfer. Hanser Verlag, München 2016. 224 S., br., 15,90 €. Ab 12 J. Bild: Hanser Verlag

Nichts leichter, als einem Kind jedes Vertrauen zu nehmen. In ihrem Jugendroman „Wünsche sind für Versager“ zeigt Sally Nicholls, wie schwer der Weg zurück ist. Und warum er nicht ungangbar ist.

          Ein Gewehr, das im Theater an der Wand hängt, geht irgendwann auch einmal los, wissen wir seit Tschechow. Und darum liest man mit Unbehagen, wenn Olivia, die Erzählerin in Sally Nicholls’ neuem Roman „Wünsche sind für Versager“, von einem Diebstahl berichtet, den sie in der Kochecke ihrer neuen Schule verübt: Sie klaut „das größte Messer, das ich auftreiben konnte“, und versteckt es zu Hause in der Kommodenschublade.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Olivia ist gerade mal elf Jahre alt, was man über ihrer Erzählung oft vergisst, sie berichtet von den Monaten, die sie bei ihrem Pflegevater Jim und dessen Familie irgendwo im ländlichen England verbringt, aber sie erzählt auch von all den Stationen, die sie bis dahin durchlaufen hat. Die kurzen Kapitel dieses Teils des Romans bilden eine Art Countdown, der mit „Zuhause Nummer 16“ beginnt und mit „Zuhause Nummer 1 - Mum“ endet, dort, wo die Geschichte des ungeliebten Kindes ihren Anfang genommen hat. Oder die der drei ungeliebten Geschwister, von denen es Olivia, die Älteste, am schwersten hat, weil sie gegenüber der aggressiven, alkoholkranken Mutter auch noch versucht, die jüngere Schwester Hayley und den Säugling Jamie zu schützen, so dass es mit ihrem eigenen Schutz nicht weit her ist. Als sich endlich das Jugendamt einschaltet, ist Jamie ganz schnell in einer Pflegefamilie verschwunden, und Olivia wird ihn nie wiedersehen. Sie hat noch die sanfte Hayley, die mit den wechselnden Bezugspersonen erheblich besser zurechtkommt als Olivia, und eines Tages werden auch die Schwestern getrennt: Hayley bleibt, Olivia wird weitergeschickt, und der Gedanke, dass keiner sie haben will, dass sie es nicht verdient hat, irgendwo aufgenommen zu werden, wird zur alles bestimmenden Grundlage ihrer Weltsicht.

          Vielleicht wird sie ja doch geliebt

          So weit, so trist und wahrscheinlich auch so alltäglich. Was das aber bedeutet, zeichnet Sally Nicholls mit großem Einfühlungsvermögen, effizient und dabei ungemein literarisch, wenn sie Olivia erzählen lässt und so unaufdringlich zeigt, wie die Sichtweise derer ist, die ihr helfen wollen, und warum Olivias Überzeugung mit jedem Streit, mit jedem Austesten der Erwachsenen neue Nahrung bekommt. Nicholls führt vor, wie die besten ebenso wie die schlechtesten Absichten der Pflegefamilien mitunter dasselbe bewirken, dass eine harte Haltung ebenso schädlich sein kann wie bequemes Gewährenlassen und vor allem: wie schwer es ist, einem Kind, das tief vom Gegenteil überzeugt ist, zu vermitteln, dass man es liebt.

          Denn was Olivia erlebt hat, holt sie ein, nicht nur das bei den diversen Pflege- oder Adoptiveltern Geschehene, sondern vor allem die Hölle in der Wohnung ihrer alkoholkranken Mutter. Das sind Erinnerungen, die ihr durch Kleinigkeiten ins Bewusstsein geraten können, etwa an dem Tag, als sie aus der Schule kommt und in Jims Wohnzimmer plötzlich Tabakrauch wahrnimmt: „Das machte mir furchtbare Angst. Zigaretten gehörten zum Geruch meiner Mum. Auf einmal war da eine Erinnerung, klar und deutlich. Wie sie manchmal die Arme nach mir ausgestreckt und gesagt hatte: ,Komm kuscheln, Liebling.‘ Dann dachte ich: Vielleicht hat sie mich doch lieb, und rannte zu ihr, damit sie mich in den Arm nahm, aber sie drückte mir die Zigarette auf dem Arm aus und lachte wie wahnsinnig.“ Das ist entsetzlich, und welche Folgen das für Olivia haben wird, enthüllt ihr Nachsatz: „Man sollte meinen, ich hätte irgendwann kapiert, wie das ablief, aber ich fiel immer wieder drauf rein.“

          Zwischen Fatalismus und Rezept

          Doch wer solche Erfahrungen macht und zugleich weiß, dass das Erlebte all dem widerspricht, wie die Welt geordnet sein sollte, verliert eben jeden Instinkt dafür, welchen Gesten und Worten man mit Zutrauen begegnen kann und welchen nicht. Die wechselnden Pflegefamilien tun ein Übriges, Olivias Vertrauen darauf, dass irgendein Heim von Dauer ist, zu untergraben. So dass bei jeder noch so freundlichen Ermahnung in Olivias Vorstellung der Satz mitschwingt: „Wenn nicht, dann werf ich dich raus.“

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