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Wolfgang Korns Kindersachbuch „Das Alte Ägypten“ : König Narmers Schminkpalette

Bild: Gerstenberg

Wolfgang Korns Buch über das alte Ägypten wirkt wie ein modernes Museum: hell, aufgeräumt und nicht ohne Strenge. Da fehlt nichts für einen ersten ernsthaften Überblick über das Reich am Nil.

          3 Min.

          Ist es nun der oder die Sphinx? Und der Ort, an dem die überdimensionale Löwenfigur mit Menschenkopf zu bestaunen ist, heißt er nun Giseh oder Giza? Man kann sich fragen, ob solche Diskussionen in einem Band am Platze ist, der Jugendlichen auf knapp 60 Seiten drei Jahrtausende altägyptischer Geschichte vorstellen will. Doch dann stellt man sich die Verwirrung eines Schülers vor, der im Internet bei einem Ägyptologen „Giza“ liest, während der Erdkundelehrer auf „Giseh“ besteht, weil das so im Schulatlas steht. Dass beides statthaft ist, wird er oder sie erleichtert zur Kenntnis nehmen und damit unvermittelt um ein Stück altertumskundlichen Grundwissens reicher sein: Schreibweisen, und Zeichen allgemein, können variieren - oft in interessantem Bezug zum Kontext - und trotzdem verständlich sein.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist nur ein Beispiel für die gar nicht so vielen, aber dafür inhaltlich um so sorgfältiger bestückten Informationskästen, durch die sich Wolfgang Korns „Das Alte Ägypten“ aus der Masse der Jugendsachbücher gerade zu diesem Thema heraushebt. Die Kästen sind aber nicht der einzige, gar nicht einmal der auf den ersten Blick eindrücklichste Vorzug des Bandes. Das ist eher das luftige Layout. Erwachsene Ägypten-Kenner mögen sich ärgern, dass etwa die Schminkpalette des Narmer nur briefmarkengroß abgebildet ist. Doch das Buch ist kein Bildband. Zudem schneidet Korn neben ägyptologischen auch wissenschaftshistorische und landeskundliche Themen an, die ebenfalls optisch begleitet sein wollen. Die Disziplin, die Autor und Buchgestalter sich bei der Auswahl und gerade auch dem Format der Bilder auferlegt haben, vermeidet jenes überladene Stilchaos so vieler anderer Wissensbücher. Genauso bieten die wunderbaren mit den wesentlichen Farben und Formen der Dinge und Figuren spielenden Illustrationen von Claudia Lieb den denkbar größten Kontrast zu dem quietschbunten Einerlei anderswo.

          Die Annexion war kein Untergang

          Schnörkellose Konzentration ist auch das Gestaltungsprinzip des Haupttextes. Er ist knapp gehalten, liest sich aber viel lockerer, als es bei Texten solch hohen Informationsgehaltes normalerweise möglich ist. Er widmet sich auf jeweils einer Doppelseite einem bestimmten Thema. Und hier gibt es nicht nur Pflichtsujets wie das Tal der Könige, Hatschepsut und Thutmosis III, Echnaton oder Kleopatra, sondern auch eine eigene Doppelseite über die Siedlungsarchäologie auf Elephantine, einem aktuellen Thema ägyptologischer Forschung.

          Die gelegentlichen Ungenauigkeiten oder Missverständlichkeiten sind daneben eher Petitessen. Sie sind meist der Kürze geschuldet, zum Beispiel die Bemerkung über die Kontakte zwischen Ägypten und Kreta zur Zeit der 5. Dynastie. Da erweckt die Erwähnung der Minoer den Eindruck einer Gleichzeitigkeit von Altem Reich und der Kultur, welche die Paläste von Knossos oder Phaistos hervorbrachten. Doch die befand sich damals erst in ihrer frühesten Phase, der Vorpalastzeit. Gelinde gesagt unüblich ist auch, die Ptolemäer zur Spätzeit zu rechnen. Und aus dem Wort vom „Untergang Ägyptens“ im Zusammenhang mit der Annexion durch die Römer spricht ein Bedürfnis nach totalen historischen Zäsuren, das gerade für Altägypten problematisch ist.

          Es gibt Schöneres als einen Mumienschädel

          Eine andere Schwierigkeit sind die jahrgenauen Datierungen, etwa der Regierungszeiten der Pharaonen. Auch wenn die leidige Chronologiefrage am Schluss des Buches angesprochen wird, so suggerieren die vielen Zahlen im Text doch eine Genauigkeit, die es nicht gibt. Gewiss, Angaben wie „frühes 25. Jahrhundert vor Christus“, mit denen man statt dessen hätte operieren können, hätten die Mühe der Textgestaltung gelegentlich erhöht. Doch zur Präsentation von Wissen gehört zuweilen auch die seiner Grenzen und Unsicherheiten - und sie wäre in diesem Fall auch schon Jugendlichen zuzumuten gewesen. Ein letzter Makel schließlich ist, dass auch dieses Buch nicht ganz von der Unsitte lassen konnte, ausgewickelte Mumien abzubilden. Dabei sind die verschrumpelten Köpfe selbst der größten Pharaonen nun wirklich ohne jeden Erkenntniswert, von Gesichtspunkten der Pietät und Ästhetik ganz zu schweigen.

          Wie gerade diesen Buch zeigt, hat das alte Ägypten nicht nur den Bildungshungrigen, sondern auch den einfach nur Neugierigen wirklich genug Wichtigeres und vor allem Schöneres zu bieten. Man denke nur an das Antlitz, mit dem zu Giza vermutlich der Pharao Cheops von jenem monumentalen Löwenleib auf uns herabblickt. Übrigens ist es tatsächlich „der Sphinx“.

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