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„Wir retten Leben, sagt mein Vater“ : Im Wartesaal

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Bis das Leben so richtig los geht, kann es lange dauern. In Do van Ransts rasantem Jugendbuch „Wir retten Leben, sagt mein Vater“ nimmt ein Mädchen die Sache lieber selbst in die Hand.

          Es gibt sicher schönere Orte zum Großwerden als ausgerechnet ein Häuschen dicht am Straßenrand, das man nicht einmal ganz bewohnen darf. Denn die Familie, die der junge belgische Jugendbuchautor Do van Ranst porträtiert, drängt sich in einem kleinen Teil des Gebäudes zusammen, der Rest dient als Pufferzone für Autofahrer, die die Kurve nicht kriegen. Sieben haben das Haus schon erwischt, doch nur die Nummer eins blieb hängen: der wenig geliebte Vater der fünfzehn Jahre alten Ich-Erzählerin.

          Lakonisch und mit viel Humor erzählt Do van Ranst eine tragikomische Geschichte vom Erwachsenwerden. Dafür benötigt er kaum mehr als 140 Seiten, die in sehr kurze Kapitel unterteilt sind. Durch diese knappe, passagenhafte Form erscheint die Story wie skizziert. In überwiegend dialogischer Form und in kurzen Gesprächen, die einzelne Szenen oft nur anreißen oder in sie hineinblenden, zoomt man sich also durch die Handlung. Und die wirkt zwar ungewöhnlich und auch ein bißchen hingehuscht, ein atmosphärisch klar konturiertes Bild stellt sich trotzdem ein. Das liegt nicht zuletzt am Schauplatz dieser Geschichte: Das Kurvenhäuschen erscheint als Wartesaal, und alle sitzen hier mit ihren unerfüllten Sehnsüchten fest. Die Mutter, die den Vater nicht mehr liebt, die Großmutter, die seit dem Tod ihres Mannes verstummt ist, der schweigsame Vater, von dem man am wenigsten erfährt, die Tochter, die auf den Mädchen-Märchenprinzen wartet, der sie erlösen und entjungfern soll.

          Träume, die ins Leere reichen

          Die abstrusen und heiteren Details, die diese Erzählung begleiten, bestimmen den Ton und prägen den Stil, der mit seinen opulenten und skurrilen Ideen fast schon in den magischen Realismus reicht. Und Do van Ranst verspielt sich keineswegs. Ihm gelingt es auch, große Gefühle darzustellen, ohne ins Kitschige abzurutschen. Die Liebesbeziehung der lesbischen Sue zu der Ich-Erzählerin wird zwar recht großmäulig angelegt, doch hinter der ruppigen Teenagerkommunikation läßt sich Sues schmerzliche Sehnsucht deutlich spüren.

          Hinter der ganzen seltsamen Bagage steht als wundersame Kulisse die halbe Brücke, zu der man kommt, wenn man um das Kurvenhäuschen herumfährt. Der verstorbene Großvater soll an ihrem Bau beteiligt gewesen sein, doch das Vorhaben wurde abgebrochen - angeblich hat sich der Großvater aus Gram über diese Entscheidung genau an dieser Stelle das Leben genommen. Ob diese Geschichte um die halbe Brücke eine der vielen Familienlügen ist, bleibt offen. Doch dieses seltsame Bauwerk ist ein glücklich gewähltes Symbol für die Ansammlung von Träumen, die allesamt ins Leere reichen.

          „Wir retten Leben, sagt mein Vater“ ist ein schneller, klug konstruierter und warmherzig in Worte gepackter Jugendroman. Der lakonische Ton, der ungewöhnliche Humor, der dialogische Stil, die Unbekümmertheit, mit der die erotischen Versuche beschrieben sind - all dies macht die Einsamkeit und das Begehren, von denen jeder auf eigene Weise umgetrieben ist, mit Leichtigkeit erfahrbar.

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