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Michael Ende, Wieland Freund: „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“. Roman. Mit Bildern von Regina Kehn. Thienemann Verlag, Stuttgart 2018. 208 S., geb., 17,– Euro. Ab 6 J. Bild: Thienemann

Buchfragment „Rodrigo Raubein“ : Wohin die Reise gehen sollte, wusste Michael Ende nicht

  • -Aktualisiert am

Bloß kein Selbstimitat: Aus dem knappen Fragment von „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“ wird Jahrzehnte nach dem Tod des Autors Michael Ende ein gutgelaunter Roman.

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          Als Michael Ende 1995 starb, hinterließ er den Anfang eines neuen Kinderbuchs. Die ersten drei Kapitel hatte er abgeschlossen. Das Manuskript war bereits ins Reine übertragen worden, mit Schreibmaschine. Es gab die Hauptperson mit Namen Knirps. Sein erstes Abenteuer in der Schauderburg hat er bereits erlebt. Sein Gegenspieler heißt Rodrigo Raubein, er ist ein Raubritter und Bösewicht, dem Ende jedoch, wie immer in seinen Geschichten, eine andere, unerwartete Seite abgewinnt. Knirps und Raubein treffen aufeinander. Der eine wünscht sich, was der andere fürchtet. Da reißt die Geschichte ab.

          Die Existenz des Manuskripts war kein Geheimnis, drei Jahre nach Endes Tod wurde es bereits veröffentlicht in dem Sammelband „Der Niemandsgarten“, zusammen mit weiteren nachgelassenen Schriften. Zwanzig Jahre lang aber blieb die Frage, wie die Geschichte weitergehen könnte, ein Gedankenexperiment, so dass Knirps und Raubein schon dazu verdammt schienen, wie Flugzeuge in Warteschleife über uns zu kreisen, auf ewig dieselben Bahnen ziehend. Damit ist nun Schluss: Der Thienemann-Esslinger Verlag hat Landeerlaubnis gegeben und zum Piloten wurde Wieland Freund ernannt, Journalist und Kinderbuchautor, zuletzt erhielt er den Rattenfänger-Literaturpreis der Stadt Hameln. Zu den drei Kapiteln von Ende hat Freund weitere dreizehn hinzugefügt und damit aus dem Fragment ein Buch gemacht. Kann das gutgehen?

          Ohne zu viel von der Geschichte zu verraten, muss man sich dafür Knirps näher ansehen, die Hauptperson, wie sie bereits Michael Ende entworfen hat. Über den Jungen erfahren wir, dass er der einzige Sohn von zwei Marionettenspielern ist, mit Namen Papa und Mama Dick. Sie rumpeln mit einem von Eseln gezogenen Wagen über Land, wobei ihr Stern bereits gesunken ist. Papa Dicks Puppentheater langweilt Kinder und Erwachsene, und Knirps wünscht sich nichts mehr, als der verstaubten Welt seiner Eltern zu entfliehen. Er sehnt sich nach Abenteuern, auch wenn er nur eine ungenaue Vorstellung davon hat. Noch Ende schreibt in seinem nachgelassenen Text: „Knirps wusste überhaupt nicht, was Angst ist, und deswegen brauchte er auch nichts zu überwinden.“ Die Furchtlosigkeit, so lesen wir weiter, solle jedoch nicht mit Mut verwechselt werden: „Denn mutig ist jemand, der Angst hat und seine Angst überwindet.“ Knirps wird abhauen, bei der ersten Gelegenheit, die sich bietet, als bei einem Unwetter im Schauderwald der Puppentheaterwagen gegen einen Stein fährt und umkippt. Von da an ist der Junge auf sich selbst gestellt, und er entschließt sich, Knappe des gefürchteten Raubritters Rodrigo Raubein zu werden.

          Die Zuversichtlichkeit wäre Ende fremd gewesen

          Mit dieser Unerschrockenheit aber ist Knirps von Anfang an gerade kein typisches Michael-Ende-Kind. Endes berühmte Geschichten teilen einen Versuchsaufbau, sie alle beginnen damit, dass auf viel zu schmale Schultern eine übergroße Bürde gelegt wird. Jim Knopf muss seine Heimat verlassen, in die Drachenstadt eindringen und die Kinder aus der Schule von Frau Mahlzahn befreien. Momo nimmt den Kampf gegen die grauen Herren auf, die eine ganze Stadt tyrannisieren. Bastian Balthasar Bux erhält in „Die unendliche Geschichte“ die Aufgabe, Phantásien zu retten. Immer scheinen die Helden zunächst zu klein, der Auftrag ist zu groß, sie versinken darin, wie Momo in dem überdimensionierten Herrenjackett, in das sie Michael Ende in seinen Buchillustrationen von 1973 steckte. Im Verlauf der Geschichten jedoch werden die Kinder deswegen gewinnen, weil sie über Mittel verfügen, die den Erwachsenen verlorengegangen sind. Eben für diesen Clou wurde der Autor zu Lebzeiten geliebt und gehasst. Die einen verehrten Ende als Utopisten und Antimaterialisten, die anderen verspotteten ihn als Eskapisten.

          Knirps ist kein Bruder von Jim, Momo oder Bastian: Er ist frech und vorlaut, er ärgert seine Eltern, er hat nicht vor, die Welt zu retten, und niemand verlangt es von ihm. Kein Leser muss seinen Untergang fürchten und noch viel weniger den Untergang der Welt. Ende hat mit seinem Anfang einen überraschend heiteren Helden geschaffen, und das ist der Faden, den Freund weiterspinnt. Kapitel für Kapitel erweitert Freund das märchenhafte Personal. Es wird die selbstbewusste Prinzessin Flip geben. Ihren Vater, den traurigen König Kilian, der nicht mehr lachen kann. Den Schurken Rabanus Rochus und seinen Drachen Wak, mit dem sich ein Papagei mit Namen Sokrates anlegt. Von weitem winken hier Personen aus Endes Märchenkosmos: Der traurige König Kilian zum Beispiel ist mit dem Regieren so überfordert wie König Alfons, der Viertel-vor-Zwölfte.

          Und doch ist alles ganz anders: Wieland Freund schickt seinen Knirps durch eine verspielte fröhliche Welt, in der ein Märchen einfach ein Märchen ist und keine gesellschaftskritische Parabel. Knirps wird lernen, was es heißt, Angst zu haben. Das ist gut für ihn, aber kein notwendiger Schritt, um etwas Größeres zu erreichen, ein Weltenretter wird er damit nicht.

          In diesem gutgelaunten Ton sind auch die Illustrationen von Regina Kehn gehalten. Wenn Knirps und Flip gemeinsam durch den Wald laufen, scheint die Sonne ins Unterholz, und niemand würde daran zweifeln, dass die beiden aufgeweckten Kinder einen klugen Plan in die Tat umsetzen. Freund erzählt „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“ in schnellem Tempo und mit viel Sprachwitz, darin ähnelt es Endes Werken. Das Buch ist aber in einer Weise zuversichtlich, die Ende fremd gewesen wäre.

          Welchen Schluss hätte Ende gefunden?

          Oder vielleicht doch nicht? Er habe, hat Wieland Freund in einem Interview gesagt, nicht versucht, Ende zu imitieren. Das ist eine umso klügere Entscheidung, als Ende offensichtlich selbst versucht hat, sich mit Knirps und Raubein nicht zu imitieren. Für seinen ungewöhnlichen Ausbruchversuch gibt es kein deutlicheres Zeichen als den Vater von Knirps. Er, der Puppenspieler Papa Dick, ist das, was Ende nie werden wollte, die Schreckensversion einer Kunst, die einmal am Anfang von allem stand. Die Marionettenspieler auf den Plätzen von Sizilien hatten Ende zu Beginn der fünfziger Jahre zum Geschichtenerzählen gebracht. Die Augsburger Puppenkiste machte seinen Jim Knopf zu einem durchschlagenden Erfolg.

          Mit Knirps kehrte Ende dieser Vergangenheit den Rücken zu, wohin die Reise gehen sollte, wusste er selbst noch nicht. Das Experiment Kinofilm hielt er, nachdem „Die Unendliche Geschichte“ 1984 auf die Leinwand gebracht worden war, für gescheitert. Dem Reiz von Computerspielen erlag er selbst, er verbrachte viele Stunden damit, ohne eine Antwort darauf zu haben, was sich aus ihnen für das Geschichtenerzählen lernen ließe.

          Als Michael Ende also den Jungen Knirps und Rodrigo Raubein erfand, war vieles offen. Welchen Schluss er gefunden hätte, wissen wir immer noch nicht. Dass aber Wieland Freund den Jungen zum Helden eines schönen, heiteren und unterhaltsamen Märchens gemacht hat, kann nun jeder nachlesen.

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