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Buchfragment „Rodrigo Raubein“ : Wohin die Reise gehen sollte, wusste Michael Ende nicht

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Knirps ist kein Bruder von Jim, Momo oder Bastian: Er ist frech und vorlaut, er ärgert seine Eltern, er hat nicht vor, die Welt zu retten, und niemand verlangt es von ihm. Kein Leser muss seinen Untergang fürchten und noch viel weniger den Untergang der Welt. Ende hat mit seinem Anfang einen überraschend heiteren Helden geschaffen, und das ist der Faden, den Freund weiterspinnt. Kapitel für Kapitel erweitert Freund das märchenhafte Personal. Es wird die selbstbewusste Prinzessin Flip geben. Ihren Vater, den traurigen König Kilian, der nicht mehr lachen kann. Den Schurken Rabanus Rochus und seinen Drachen Wak, mit dem sich ein Papagei mit Namen Sokrates anlegt. Von weitem winken hier Personen aus Endes Märchenkosmos: Der traurige König Kilian zum Beispiel ist mit dem Regieren so überfordert wie König Alfons, der Viertel-vor-Zwölfte.

Und doch ist alles ganz anders: Wieland Freund schickt seinen Knirps durch eine verspielte fröhliche Welt, in der ein Märchen einfach ein Märchen ist und keine gesellschaftskritische Parabel. Knirps wird lernen, was es heißt, Angst zu haben. Das ist gut für ihn, aber kein notwendiger Schritt, um etwas Größeres zu erreichen, ein Weltenretter wird er damit nicht.

In diesem gutgelaunten Ton sind auch die Illustrationen von Regina Kehn gehalten. Wenn Knirps und Flip gemeinsam durch den Wald laufen, scheint die Sonne ins Unterholz, und niemand würde daran zweifeln, dass die beiden aufgeweckten Kinder einen klugen Plan in die Tat umsetzen. Freund erzählt „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“ in schnellem Tempo und mit viel Sprachwitz, darin ähnelt es Endes Werken. Das Buch ist aber in einer Weise zuversichtlich, die Ende fremd gewesen wäre.

Welchen Schluss hätte Ende gefunden?

Oder vielleicht doch nicht? Er habe, hat Wieland Freund in einem Interview gesagt, nicht versucht, Ende zu imitieren. Das ist eine umso klügere Entscheidung, als Ende offensichtlich selbst versucht hat, sich mit Knirps und Raubein nicht zu imitieren. Für seinen ungewöhnlichen Ausbruchversuch gibt es kein deutlicheres Zeichen als den Vater von Knirps. Er, der Puppenspieler Papa Dick, ist das, was Ende nie werden wollte, die Schreckensversion einer Kunst, die einmal am Anfang von allem stand. Die Marionettenspieler auf den Plätzen von Sizilien hatten Ende zu Beginn der fünfziger Jahre zum Geschichtenerzählen gebracht. Die Augsburger Puppenkiste machte seinen Jim Knopf zu einem durchschlagenden Erfolg.

Mit Knirps kehrte Ende dieser Vergangenheit den Rücken zu, wohin die Reise gehen sollte, wusste er selbst noch nicht. Das Experiment Kinofilm hielt er, nachdem „Die Unendliche Geschichte“ 1984 auf die Leinwand gebracht worden war, für gescheitert. Dem Reiz von Computerspielen erlag er selbst, er verbrachte viele Stunden damit, ohne eine Antwort darauf zu haben, was sich aus ihnen für das Geschichtenerzählen lernen ließe.

Als Michael Ende also den Jungen Knirps und Rodrigo Raubein erfand, war vieles offen. Welchen Schluss er gefunden hätte, wissen wir immer noch nicht. Dass aber Wieland Freund den Jungen zum Helden eines schönen, heiteren und unterhaltsamen Märchens gemacht hat, kann nun jeder nachlesen.

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