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Rebecca Green:„Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet.“ Aus dem Amerikanischen von Anna Cramer-Klett. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 40 S., geb., 18,– €. Ab 4 J. Bild: Diogenes Verlag

Bilderbuch von Rebecca Green : Schwebespaghetti mit Matschklößchen

Wer sich mit einem Geist einlässt, hat einen Freund für immer. In ihrem Bilderbuch „Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“ zeigt Rebecca Green, wie es geht.

          2 Min.

          Gezählt scheinen die Tage von Otfried Preußlers „kleinem Gespenst“ oder „Hui Buh“. Der freundliche Geist ist ausgetrieben, und die Halbwelt befindet sich im Nirgendwo zwischen Ruhelosigkeit und Rachsucht. Nach all dem, was zuletzt so an Spukgestalten über die Bildschirme von Fernsehern, Kinoleinwänden und Computern flimmerte, mag einem die Idee, sich mit einem Gespenst anzufreunden, doch etwas weit hergeholt erscheinen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die amerikanische Illustratorin Rebecca Green hat aber genau darüber ein Buch gezeichnet und geschrieben, eine Anleitung für Mutige: „Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet“. Sie scheint viel Freude daran zu haben, sich mit den ungewöhnlichen Dingen des Lebens und all seiner Zwischenwelten zu beschäftigen. Aktuell lebt sie mit ihrem Mann in Japan und erzählt auf ihrer Internetseite „myblankpaper.com“, dass sie sich mit einer Springspinne angefreundet hat, die in ihrer Wohnung lebt und von ihr auf den Namen Buchanan getauft wurde.

          Für Geister- und Gespensterliebhaber ist Japan genau der richtige Ort. Die Regionen von Okinawa bis Hokkaido sind so reich bevölkert mit Fabelwesen, das man aus dem Gruseln kaum mehr herauskommt. Nur befreunden möchte man sich mit den wenigsten Gestalten, gute Geister sind schwer zu finden. In Japan zählt das Zashiki Warashi („Zimmerkind“) dazu. In der großen Fabelwesen-Gruppe der Yokai gehören sie zu den Hausgeistern und beschützen die Gebäude, an die sie gebunden sind, und die Menschen, die darin leben. Sie wohnen gern in alten japanischen Häusern und treten meist in der Gestalt von kleinen Mädchen im Kimono auf. Ab und an spielen sie ihren Mitbewohnern Streiche, aber ansonsten sorgen sie für Glück und Wohlstand. Nur verärgern sollte man sie nicht. Wer seinen Hausgeist erzürnt, so heißt es in den Geschichten, wird bald von allen guten Geistern verlassen und verurteilt seine Familie zum Untergang.

          Nicht in die Waschmaschine!

          In solchen Fällen wäre es ratsam, das passende Buch zur Hand zu haben. Es muss nicht gleich ein Kompendium der schwarzen Magie sein: Green vermittelt in ihrem Buch die Grundlagen der Freundschaft mit dem Übersinnlichen. Den großen Vorteil eines Gespensterkumpels nennt Green gleich zu Beginn: Diese Freundschaft endet nicht. Man möchte anfügen: Das gibt es, wenn man es richtig anstellt, auch unter Lebenden.

          In Greens Buch wird der freundliche Geist wiederbelebt, wie wir ihn aus Kindertagen kennen. Wer sich unsicher ist, ob er es mit einem Geist zu tun hat, nutzt das mitgelieferte Phantombild: „Kleiner Mund, aber gefräßig, sehr gute Augen: sieht im Dunkeln, ein gesundes Gespenst hat rosa Bäckchen, welliges ,Unterteil‘ zur Fortbewegung.“ Im Folgenden gliedert sich der Ratgeber in die Unter-Rubriken „erlaubt und verboten“ (nicht anfassen!), „Ernährung“ (Rezept für Schwebespaghetti mit Matschklößchen oder ein Donnerwettersüppchen), „Aktivitäten“ (Waldspaziergänge, Tanzen, Witze und Gruselgeschichten), „Schlafenszeit“ (Vollbad vor dem Zubettgehen), „Verstecke“ (Sockenschublade), „Warnhinweise“ (nicht in die Waschmaschine), „Miteinander“ und schließlich: „alt werden“.

          Angstfreie Annäherung an das Fremde

          In ihren klaren und reduzierten Zeichnungen begnügt sich Green mit Grau- und Brauntönen, während sie mit Rot Akzente setzt. Manchmal wirkt das Buch sehr amerikanisch: dass man mit seinem Gespenst an Halloween „von Haus zu Haus“ ziehen kann oder es mit zur Arbeit nimmt – man könnte sich universellere Aktivitäten denken. Wobei die Vorstellung, von einem zu Streichen aufgelegten Zashiki Warashi zur Arbeit begleitet zu werden, natürlich verlockend ist.

          Mit ihrem im besten Sinne einfachen, weil zugänglichen und dem Leben über den Tod zugewandten Buch streift Green nicht nur Themen wie die eigene Vergänglichkeit – „Du hast nicht nur ein Leben lang einen besten Freund, sondern für alle Zeiten“, sprich über den Tod hinaus. Es geht auch um die aufgeschlossene und angstfreie Annäherung an das Fremde, mit all seinen Gewohnheiten. Im echten Leben gibt es diese Art von Anleitungen für all die notwendigen Annäherungen, die das Menschsein ausmachen, leider nicht. Man lernt es, indem man es tut.

          Rebecca Green: „Wie man sich mit einem Gespenst anfreundet.“ Aus dem Amerikanischen von Anna Cramer-Klett. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 40 S., geb., 18,– €. Ab 4 J.

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