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Vitali Konstantinov: „Es steht geschrieben“. Von der Keilschrift zum Emoji. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. 80 S., geb., 25,– Euro. Ab 10 J. Bild: Gerstenberg Verlag

Comic-Sachbuch über Schriften : Am Anfang war die Warenliste

Ein Schweinsgalopp durch die Zeiten und Zivilisationen mit jeder Menge Bildwitz: In „Es steht geschrieben“, einem Comic-Sachbuch von Vitali Konstantinov, geht es um die Entwicklung der Schriften.

          Geheimschriften, Runen, Hieroglyphen: Kaum haben manche Kinder Lesen und Schreiben gelernt, können sie von der Welt der Schrift, die sich jenseits unseres lateinischen Alphabets und unserer deutschen Sprache auftut, gar nicht genug bekommen. Wieso gibt es Schriften, die jahrhundertelang gebräuchlich waren, aber heute nicht mehr entziffert werden können? Wer hat Schriftsysteme eingeführt oder erfunden, die heute noch gültig sind? Und welche haben sich nicht durchsetzen können? Wie kann es sein, dass Leute, die im ländlichen China weniger als tausendfünfhundert Schriftzeichen beherrschen, als Analphabeten gelten? Wo sonst außer in Skandinavien gibt es Runen? Wo gibt es spezielle Frauenschriften - und warum?

          In einem Comic-Sachbuch hat der Illustrator Vitali Konstantinov Wissenswertes und Kurioses über die zahllosen Schriftsysteme unserer Welt zusammengestellt: siebzig Seiten von enzyklopädischer Wucht, voller teils nur angedeuteter Geschichten, voller eindrucksvoller Gestalten und übervoll seltsamer Zeichen. Hier ist nicht einmal die Welt genug: Auch die Tengwar der Elben aus J.R.R. Tolkiens Phantasiewelt Mittelerde und die Schriftzeichen der Klingonen aus dem „Star Trek“-Universum werden vorgestellt. Freilich mit dem Hinweis, verglichen mit dem Reichtum an Schriftsystemen auf der Erde wirkten die aus den „unendlichen Weiten“ der fernen Galaxien doch „ziemlich eintönig“.

          Die Entwicklung und Verbreitung von Schrift ist eine Geschichte der Zivilisation, der Entstehung von Städten, der Notwendigkeit von Aufzeichnung, der Verwaltung: Konstantinov erzählt von 5500 Jahre alten Schrifttäfelchen aus Sumer, der Gegend zwischen Bagdad und dem Persischen Golf - Quittungen und Warenlisten. Auf eine Seite zwängt er Beispiele für die Schriftentwicklung aus bildlichen Zeichen zu Logogrammen und Silbenzeichen, die Anfertigung der Lehmtäfelchen, eine Szene aus Uruk, der vermutlich ersten Großstadt der Welt, eine erklärende Zeichnung zu den ältesten erhaltenen Gesetzestexten, dem babylonischen Kodex Hammurapi, und eine zum Gilgamesch-Epos.

          Akribie und Fülle

          Nach einem Schweinsgalopp über die Kontinente sind wir beim Handel als Entwicklungsmotor angekommen, bei den Phöniziern, bei ihren Kolonien im ganzen Mittelmeerraum und der Entwicklung eines einfachen Alphabets, um ihre Geschäfte führen zu können. In einem Stammbaum werden die anatolischen Alphabete Lykisch, Karisch und Sidetisch angeführt, syrische Schriften wie Estrangelo und Serto, das manichäische, das sogdische und das uigurische Alphabet - Unbekanntes in einer Menge und Dichte, dass selbst erwachsenen Lesern die Ohren klingeln mögen.

          Gewaltherrscher und Gelehrte stellt Vitali Konstantinov seinen Lesern vor, Schlaglichter wirft er auf Momente der Geschichte, in denen Eroberung oder wiedererlangte Unabhängigkeit, Reform oder religiöse Missionierung sich in Änderungen im Gebrauch von Sprache und Schrift niederschlagen: Wer sich von „Es steht geschrieben“, so der Titel des Werks, in seiner Wissenswucht nicht gleich erschlagen lässt, findet Ausgangspunkte für eigene kulturgeschichtliche Erkundungen en masse. Wer hingegen der vielen Zivilisations- und Zeitenwechsel mit all ihren größtenteils fremd wirkenden Zeichen müde wird, kann sich statt dem Sach- dem Comicaspekt des Buchs widmen und unzählige Bildwitze und spielerische Anmerkungen entdecken. Die Katze des sowjetischen Ägyptologen Knorosow, der als Erster die Zeichen der Maya als Silbenschrift erkannt hatte, greift die Forschung ihres Besitzers auf. Ein Angehöriger des Stammes der Mi’kmaq im heutigen Kanada kommentiert die Predigt eines Franziskanermönchs, der im 17. Jahrhundert eigens die Sprache der Ureinwohner gelernt hatte. Und immer wieder tauchen Vertreter des vom Unicode-Konsortium, der internationalen Organisation für einen weltweiten Zeichen-Codierungsstandard, schlicht U+1F4A9 genannten Emojis „Pile of Poo“ auf den Seiten auf, gern mit skeptischen Einwänden.

          Die Begeisterung, die sich in diesem Buch niederschlägt, mag auch biographische Wurzeln haben: Vitali Konstantinov, 1963 bei Odessa geboren, zum Studium nach Deutschland gekommen und heute in Marburg ansässig, hat die Welt der Schrift über das Kyrillische, später das Lateinische kennengelernt. Was er seinen jungen Lesern an Akribie und Fülle zumutet, sei der geduldigen Lektürebegleitung Erwachsener in Gespräch und gemeinsamem Erkunden empfohlen. Auch für sie lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Werk.

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