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„Jules Ratte“ von Peter Hacks : Der Nager, der am Wissen knabbert

Peter Hacks: „Jules Ratte. Oder selber lernen macht schlau“. Illustriert von Klaus Ensikat. Eulenspiegel Kinderbuchverlag, Berlin 2015. 28 S., geb., 14,99 €. Ab 6 J. Bild: Eulenspiegel

Was macht eine Schülerin, deren Bücher von einem nimmersatten, grauen kleinen Albtraum weggefressen werden? Im kurzen, sehr vergnüglichen Lehrgedicht „Jules Ratte“ weiß Peter Hacks die Antwort.

          3 Min.

          Dichter sind keine Wahrsager. Manchmal aber sagen sie Wahrheiten, die sie gar nicht wissen können, weil die Dichtung sie weiß. Im Gegensatz zu den Wahrsagern, die ihre aus dem Nichts gefischten Behauptungen gerne als scheinbar konkrete und präzise Offenbarungen präsentieren, versteckt die Dichtung ihre verblüffenden Kenntnisse dessen, was das normale Bewusstsein nicht kennen kann (etwa der Zukunft), an versteckten Stellen, die man leicht überliest, im Halbschatten ihrer dunkelsten Formulierungen, fragwürdigsten Reime, rhythmischen Ausfälle, gleichsam um die Ecke dessen, was vordergründig jeweils von ihr mitgeteilt wird.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Kindergedicht „Jules Ratte“ von Peter Hacks zum Beispiel, das soeben mitsamt den ebenso kraftvollen wie feinen Illustrationen wiederveröffentlicht wurde, die Klaus Ensikat vor langer Zeit (wann? Dazu gleich!) schuf, um es zu bebildern, scheint bei oberflächlicher Lektüre das Verständnis von Kindern und Erwachsenen kaum herauszufordern: Eine Ratte frisst einem Schulmädchen die Bücher weg, nimmt dabei das darin enthaltene Wissen auf, wird dafür von dem Kind in eine Falle gelockt und dient von da an als Auskunftsgeberin, wenn die Lehrer etwas fragen. Die kleine Jule versinkt, weil ihre Ratte für sie denkt, in geistige Trägheit, und als das Tier sich schließlich davonmacht, verliert das Mädchen die Achtung des Lehrkörpers, und es muss wieder büffeln - in einer Bibliothek; die eigenen Bücher sind ja weg.

          Wissen, Verstehen, Erkennen

          Selbst wenn man sich bei jeder von Ensikats Tafeln jeweils angemessen lange aufhält, hat man das Büchlein in höchstens einer halben Stunde vorgelesen oder alleine genossen - die Verse sind klar, die Reime konventionell, die Rhythmen eingängig: „Drauf sprach die Jule zu dem Tiere: / Du Mutter der Verfressenheit, / Wer hilft mir nun, wenn ich studiere? / Wer rät mir bei der Schularbeit?“

          Die Benutzeroberfläche von „Jules Ratte“ könnte glatter also gar nicht sein. Aber ist das, was Ensikat bebildert hat, auch alles, was da steht? Was will die kleine Verserzählung, außer unterhalten? Ihre Moral liegt auf der Hand, sie entspricht einem erzieherischen Grundsatz, der wohl so alt ist wie die Wissensbewahrung und -vermittlung durch Zeichen, und der vor deren Missbrauch warnt: Verlass dich nicht zu sehr aufs Sekundäre, liebes Kind, die schlichteste Erfahrung ist mehr wert als nachgekautes Raffinement - etwa so, wie der Fernsehmoderator Peter Lustig am Ende seiner Kindersendungen das Publikum immer aufforderte, den Apparat abzuschalten und vor die Tür zu gehen.

          Bei genauerem Hinsehen aber erschließt sich, wie sehr „Jules Ratte“ das Vermögen der Dichtung ausnutzt, mit ihren Wahrheiten nicht herauszuplatzen, sondern sie durch Widersprüche zu vermitteln: Jule fängt, als die Ratte weg ist, ja gerade nicht damit an, im Sinne des Herrn Lustig Sachkunde im Freien zu betreiben, ihre Mathe-Aufgaben im Kopf nachzurechnen oder Experimente mit dem Chemiebaukasten zu veranstalten. Nein, sie geht in die Bibliothek und liest. Gegen das Wissen aus Büchern hat Hacks also nichts, er empfiehlt es sogar. Wer Schulkinder des Jahres 2015 kennt, weiß spätestens an dieser Stelle, wofür die Ratte steht, auf die man nicht bauen soll: fürs Internet natürlich, insbesondere für Google, ein Biest, das alle Bücher fressen will. Sogar die Computerbefehlsfolge „Copy and Paste“ kommt im Gedicht vor, wenn es über Jule heißt: „Und wenn sie nicht mal raten wollte / Und sich nur faul aufs Sofa rollte, / Dann trug die Ratte ganz allein / Mit tintigem Schwanz die Antwort ein.“ Sicher, wir nennen das Ding, mit dem man derlei macht, Maus und nicht Ratte, aber mit der Wahl des hässlicheren Tieres hat Hacks einfach eine Wertung vorgenommen, wie sich das für poetische Bilder gehört. Das Gedicht entstand allerdings nicht vor kurzem, sondern in den siebziger Jahren, als man zwar schon wusste, dass Ratten auch Viren übertragen, aber ganz andere Viren meinte als jene, die man sich mit einem Mausklick holt. Die Einsicht, dass die Verse von „Jules Ratte“ heute genauer aufs Schulkinderleben passen als zur Zeit ihrer Abfassung, rührt an das, was Dichtung, wie man so sagt, „zeitlos“ macht: nicht das Gegenteil von Aktualität, sondern das Potential, immer wieder anders aktuell zu werden.

          „Jules Ratte“ ist nichts Geringeres als ein geglückter Versuch, Kindern zu erklären, dass Wissen, Verstehen und Erkennen nicht einfach dreimal dasselbe sind, sondern drei verschiedene Namen für drei verschiedene Seiten der mächtigen Kraft, die bei neugierigen Kindern heller leuchtet als die stärkste Leselampe: Intelligenz.

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