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Ursula Poznanskis „Elanus“ : Ich sehe was, was du nicht willst

Ursula Poznanski: „Elanus“. Roman. Loewe Verlag, Bindlach 2016. 416 S., br., 14,95 €. Ab 14 J. Bild: Loewe Verlag

Kann ich diesen Bildern trauen? In Ursula Poznanskis Jugendroman „Elanus“ kämpft ein Jugendlicher mit einer Überwachungsdrohne.

          3 Min.

          Blöder Bahnhof, blöde Stadt, das Abholen klappt auch nicht, und überhaupt ist alles so grau hier! „Alles andere hätte nicht ins Bild gepasst“, so kommentiert das der Jugendliche Jona, als er sich umsieht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Man überliest so etwas leicht, zumal in einer Anfangsszene, die erst mal der Orientierung über Schauplatz und Personal einer Geschichte dienen soll, aber tatsächlich geht es in Ursula Poznanskis Roman „Elanus“ genau darum: um das Bild, das sich Jona von dem macht, was ihn umgibt und was ihm begegnet, um die Vermittlung also von Welt und Vorstellung, und dass dieser Prozess für Jona eine Herausforderung darstellt, wird rasch klar. Nicht etwa weil der Junge dumm wäre, im Gegenteil: Darauf, dass er hochbegabt ist, bildet er sich eine Menge ein, und er ist nicht in der Lage, mit seinem Wissen hinter dem Berg zu halten - oder mit seiner Ungeduld, wenn andere nicht ganz so schnell sind wie er. Wie der Prophet Jona steht der Siebzehnjährige allein einer ganzen Stadt gegenüber, und so wie die biblische Figur sich eins weiß mit ihrem Gott, dass die Bevölkerung von Ninive zur Hölle fahren soll, so ist auch der Jungstudent völlig sicher darin, dass sein außergewöhnliches Hirn ihn über die gewöhnlichen Angehörigen der Eliteuni erhebt.

          Was hat Jona damit zu tun?

          Kein Zweifel, der Junge, aus dessen Perspektive der Roman erzählt wird, ist alles andere als sympathisch, und natürlich ist es eine Herausforderung für die Autorin, uns das Geschehen aus diesen Augen zu schildern, ohne dass wir vor so viel kalter Arroganz die Lust daran verlieren. Es gelingt ihr glänzend. Zum einen, weil Jona so übel nicht ist, wie er tut, bisweilen sogar zu staunenswerter Empathie fähig, die Selbstkritik erst ermöglicht, zum anderen aber, weil mit dem Kniff, dem Roman eine aus hoher Intelligenz gespeiste und zugleich spürbar defizitäre Perspektive zu geben, der Leser zur Aufklärung des Rätsels, das Jona umgibt, aufgefordert wird.

          Denn dass an den Verhältnissen auf dem Campus und in der umgebenden Kleinstadt irgendetwas nicht stimmt, ist mit Händen zu greifen. Harmlos ist da noch, dass Jona große Schwierigkeiten hat, das soziale Miteinander der Studenten zu durchschauen, geschweige denn sich einzufügen. Schwerer wiegt, dass er den Rektor nicht zu fassen bekommt, um mit ihm über die zu besuchenden Lehrveranstaltungen zu verhandeln. Schließlich wird ein beliebter Professor erhängt im Hörsaal aufgefunden, gerätselt wird, ob Mord oder Selbstmord, und Jona muss sich die Frage stellen, welchen Anteil er selbst daran hat.

          Nur keine einfachen Erklärungen

          In „Erebos“, in der futuristischen Trilogie um „Die Verratenen“ und zuletzt in „Layers“ hatte Ursula Poznanski bereits, ausgehend von Computerspielen, Fitness-Armbändern oder Datenbrillen, durchgespielt, welche ethischen Fragen sich an Entwicklung, Besitz, Distribution und Gebrauch dieser technischen Errungenschaften knüpfen. In „Elanus“ nun geht es um eine Drohne, die Jona entwickelt und mit Überwachungsfunktionen versehen hat, die ihm das Bespitzeln seiner Kommilitonen in Wort und Bild erlauben. Zugleich markiert Poznanski aber immer auch die Grenzen dieser Technik: die begrenzte Akkulaufzeit, die durch Umweltbedingungen erschwerten Sicht- und Hörverhältnisse oder auch einmal eine zugezogene Gardine machen das, was Jona auf seinen Laptop übermittelt bekommt, zur Interpretationssache.

          So lässt uns die Autorin permanent ihrem Protagonisten über die Schulter blicken und zusehen, wie er seiner Drohne die erstaunlichsten Bild- und Tondokumente entlockt, nur um dann im nächsten Schritt das Vertrauen in deren Aussagekraft zu untergraben. Wer glaubt, alles zu wissen, geht umso leichter fehl, lernt Jona schließlich, und dass diese Lehre zwar auch für den Leser präsent ist, sich aber nie in den Vordergrund des Romans drängt, unterscheidet dieses Buch erfreulich von ähnlich gelagerten Werken.

          Poznanskis Erzählstil ist einfach, aber nicht schlicht, sie legt bravourös falsche Fährten, weckt Erwartungen an den Handlungsverlauf, ohne sie einzulösen, so dass man auch als Leser in der Einschätzung schwankt, wem Jona vertrauen kann und wem nicht - auch wenn Jona hier erstaunlicherweise dem Instinkt des Lesers einmal voraus sein darf. Eine Lösung aber für das Problem unserer Wahrnehmung präsentiert die Autorin nicht. Weder schlägt sie sich auf die Seite der Technik, noch verdammt sie diese zugunsten einer ominösen emotionalen Intelligenz. Will man überhaupt ein Plädoyer aus diesem Jugendbuch ziehen, dann eines, das auf Aufklärung und Besonnenheit zielt, auf Skepsis gegenüber allem, was uns gar zu selbstverständlich die Welt erklären will. In Zeiten, in denen Lügen als „alternative Fakten“ bezeichnet werden, erscheint das nötiger denn je.

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