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Ulrich Hubs Kinderbuch „Füchse lügen nicht“ : Der Fuchs als Rattenfänger

Bild: Carlsen

Alter Trickser, neuer Bluff: Die alte Fabel vom verschlagenen Reineke versetzt Ulrich Hub in den Wartesaal des Flughafens. In seinem Buch „Füchse lügen nicht“ zündelt er mächtig.

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          Er weiß, wie er die anderen für sich gewinnt: Für die Aufgeregte spielt er den Ritter, den Geltungsbedürftigen bittet er um ein Autogramm, den Neunmalklugen zeigt er seine Bewunderung. Nur die Autorität missachtet er, so lange, bis er sich der Sympathie der anderen Tiere sicher genug sein kann, um sogar gegen sie aufzubegehren: Ulrich Hubs Kinderbuch „Füchse lügen nicht“ erzählt ein Paradebeispiel demagogischen Geschicks.

          Schon vor sieben Jahren hatte der Dramatiker ein erstes Kindertheaterstück, „An der Arche um acht“, zum Buch umgeschrieben. Jetzt hat ein nächstes Stück, „Animal Lounge“, 2012 auf die Bühne gekommen, diesen Weg genommen. Das Kammerspiel der Pinguine, die sich zu dritt statt als Paar auf die Arche mogeln und es mit Noahs skeptischer Assistenztaube zu tun bekommen, funktioniert auch als Buch vergnüglich. Diesmal allerdings vertut sich Hub: Er findet fürs Buch keine passende Balance des Beiläufigen.

          Auf der Bühne mag das funktionieren

          Sechs Tiere sitzen am Flughafen fest: ein Panda, ein Tiger, ein Affe, eine Gans und zwei Schafe. So gesittet und geduldig sie auch ganz allein in der Animal Lounge warten: Als am dritten Tag endlich ein Wachhund auftaucht, gibt es kein Halten mehr. Als er ihnen auch noch die schlechte Nachricht überbringt, alle Flüge seien ersatzlos gestrichen und niemand wisse, wann es weitergehe, ist die Aufregung groß. Und das diplomatische Geschick des Hundes gering: Er fertigt die Passagiere ab, schnaubt verächtlich, als sich die Tiere beschweren, und schnauzt sie an, als sie fordern, zur Entschädigung erster Klasse zu reisen. Klar, dass der Fuchs leichtes Spiel hat, als er die Szene betritt: Rasch bringt er die sechs Transitreisenden gegen den Hund auf und macht sich mit ihnen auf, den Duty-Free-Shop zu plündern. Am Morgen nach einer wilden Feier fehlt nicht nur vom Fuchs jede Spur, auch die Reisepässe der Tiere sind weg. Was nützt es ihm, dass er noch einmal zurückkommt, um die anderen zu warnen, der ganze Flughafen sei abgesperrt, sie sollten so schnell es geht verschwinden? Was nützt es ihm, sich mit dünner Stimme selbst der Lüge und des Betrugs zu bezichtigen, aber auch die anderen Tiere eines nach dem anderen der Lüge zu überführen? Die Tiere machen kurzen Prozess, fallen über ihn her, schlagen, trommeln und patschen gleichzeitig auf ihn ein, bis ihr Opfer seltsam verdreht und leblos liegen bleibt.

          Doch er blufft, aufs Neue: Als der Hund atemlos berichtet, der Fuchs habe die Wahrheit gesagt, das Gelände sei tatsächlich abgesperrt, sie müssten fliehen, so schnell es geht, muss der Fuchs lachen. In die allgemeine Erleichterung mischt sich die Erkenntnis, dass es jetzt wirklich höchste Zeit zur Flucht ist, das Gebäude gerät in Brand, die Tiere entkommen durch den Lüftungsschacht, aus dem heraus der Fuchs seinen ersten Auftritt hatte. Sogar der faule Panda, der nicht fliehen will, weil er doch unter Artenschutz steht und von seiner Rettung überzeugt ist, gibt seiner Überredungskunst in letzter Sekunde nach: Der Fuchs, der Trickser, wird zum Retter, zum Freund. Die Tiere pfeifen auf ihre Reisepässe und ziehen gemeinsam in die Freiheit, in die Wildnis der Stadt.

          Ist jetzt alles gut? Der Autor will es uns glauben machen. Die alte Fabel von Reineke Fuchs endet fragwürdig mit der Beförderung des Listenreichen zum Kanzler, und man weiß nicht recht, ob sich König Nobel ihm damit nicht zu guter Letzt geschlagen gibt oder ob auf den so Geehrten nun tatsächlich Verlass ist. Auch an Hubs Figuren finden seine Leser keinen Halt. Man mag dem Fuchs nicht glauben, dass er seine Gefährten nicht bei nächster Gelegenheit abermals übervorteilt. Und denen nicht, dass sie dem Fuchs, den sie gerade noch töten wollten, nun vertrauen. Das liegt daran, dass Hub uns alle Figuren aus der gleichen Distanz zeigt. Nah ist uns keine, und sympathisch schon gar nicht. Der Werbeträger-Tiger, der sein wirkliches Alter überschminkt; die offenbar geklonten Schafe; der pillensüchtige Affe aus dem Versuchslabor: All die anspielungsreichen Wesen sind auf eine Weise mit sich selbst und ihren Ticks beschäftigt, die in der Gleichzeitigkeit und Beiläufigkeit des Bühnengeschehens witzig sein mag. Im Buch aber wirkt es zäh.

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