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Kinderbuch von Ulf Stark : Das Glück liegt auf dem Schrottplatz

Ulf Stark: „Unser Sommer mit Geist“. Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer. Verlag Rowohlt rotfuchs, Reinbek 2018. 128 S., geb., 12,99 Euro. Ab 10 J. Bild: Rowohlt rotfuchs

Die Menschwerdung eines kleinen Gespensts durch die Kraft der Freundschaft ist komisch, ohne grell zu sein, wie viele Erzählungen dieses großen Kinderbuchautors: Ulf Stark erzählt von geistvoller Freundschaft, und Per Gustavsson malt sie.

          3 Min.

          Der Sommer des vergangenen Jahres war der Sommer der Verluste für die Kinderliteratur. Innerhalb weniger Wochen sind Peter Härtling, der Erfinder von Krücke und Ben, Michael Bond, der Autor von Paddington, und Ulf Stark gestorben. Der Schwede, Jahrgang 1944, ist als Autor von Ulf und Percy, von vielen preisgekrönten Bilder- und Lesebüchern für fast jedes Alter, einer der ganz Großen der schwedischen Kinderliteratur.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was hierzulande „Dinner for one“ für Silvester, das ist die Verfilmung seines Kinderbuchs „Kannst du pfeifen, Johanna?“ für das schwedische Weihnachten: Alle Jahre wieder ist die Geschichte von Berra, der auszieht, um sich im Altersheim einen Opa zu suchen, dann im Fernsehen zu sehen. Von all den anderen Adaptionen, die Starks Geschichten in 40 Jahren Karriere durchlaufen haben, als Theaterstücke, Kinderopern, Filme, ganz zu schweigen.

          Da ist es ein kleiner Trost, dass genau ein Jahr nach dem Tod von Ulf Stark im vergangenen Sommer nun ein weiteres wundervolles Kinderbuch von ihm auf Deutsch erschienen ist: „Unser Sommer mit Geist“ ist genau die richtige Geschichte für diese Jahreszeit. Amy und Aron, die beiden Haupthelden der Geschichte, verbringen frei von Schule einen herrlichen, langen Feriensommer: Zwei Kinder, die, wie man so schön sagt, wie Pech und Schwefel zueinander halten. Schon auf den ersten Seiten ist das spürbar, wenn Aron, der Erzähler, ihren bevorzugten Platz an der Kurve mit den Birken einnimmt und beide wissen, was sie einander in den nächsten Minuten sagen werden, bevor der Zug vorbeifährt. Wenn Amy Bonbons für Aron versteckt, weil sie spürt, dass ihm etwas fehlt. Oder er, ganz selbstverständlich, immer auch eine Zimtschnecke für Amy von seiner Mutter bekommt. Auch die Erwachsenen, allesamt ausgesprochen unkonventionelle und zutiefst freundliche Personen, nehmen Amy und Aron als beste Freunde wahr.

          Schwerer als das Gegenteil-Spiel

          Deshalb sind sie, sommerlich und geistvoll, auch genau die Richtigen, um eines schönen Sommertages auf dem Schrottplatz von Amys Vater, einem Kinderparadies, eine kleine Ölkanne zu finden, aus der eine ziemlich vergrätzte Stimme ertönt. Mujo heißt der Geist aus dem Kännchen, alles andere als ein mächtiger Flaschengeist – bis auf eine Sache, ganz zum Schluss. Da ist es Mujo aber längst wieder gelungen, sichtbar zu werden: Dass aus dem verbitterten, enttäuschten Geist eines kleinen Jungen der fröhliche, wenn auch partiell unsichtbare Dritte in diesem schönen Freundschaftsbund wird, ist die Geschichte von „Unser Sommer mit Geist“. Die Menschwerdung des kleinen Gespensts durch die Kraft der Freundschaft von Aron und Amy ist komisch, ohne grell zu sein, wie viele Erzählungen Starks.

          Das Einvernehmen der Kinder geht so weit, dass sie unbeschadet einen Tag lang spielen können „Wenn man keine Freunde hat“. Es ist das schwierigste Spiel, schwerer als das Gegenteil-Spiel, bei dem man alles rückwärts macht und zum Beispiel behauptet, dass man kein Eis mag, wenn man noch eines möchte. Spielerisch erobern Amy und Aron ihre Welt durch Zuneigung, das ist der buchstäbliche Geist der Erzählung. Und mit Geist, vor allem mit Herz, interpretieren beide, was um sie herum vorgeht.

          Nicht immer nur die nächstliegende Formulierung

          Es ist nämlich nicht gerade so, dass die beiden völlig sorgenfrei lebten: Die patente Amy ist durch ihre Gehbehinderung weniger gehandicapt als durch die fiesen Mitschüler, die sie deswegen während des Schuljahrs hänseln und quälen. Aron vermisst seinen Vater, der als Lokführer so gut wie nie zu Hause ist, weil es offenkundig bei der schwedischen mindestens so viele Personalengpässe in der Ferienzeit gibt wie bei der Deutschen Bahn.

          Die Schlichtheit, mit der Stark sowohl die Vertrautheit der Kinder als auch die Zuneigung ihrer Erwachsenen schildert, hält die Sache weitab von Kitsch. Das tut auch die deutsche Fassung von Birgitta Kicherer, die sich sorgsam hütet, immer nur die naheliegendste Formulierung zu wählen. Erst recht schaffen es die reichen Illustrationen von Per Gustavsson, die stets Bewegung und Entwicklung mit abbilden, egal ob sie nur so beiläufig und winzig in die Textfläche ragen oder sich über beide Buchseiten erstrecken. Es ist die erste Kooperation von Stark und Gustavsson gewesen, und das Ergebnis wirkt fast so einvernehmlich wie Arons und Amys sommerliche Spiele.

          „Wenn man einem Herz beim Pochen zuhört, wird man so schön schläfrig“, stellt Mujo fest, als er mit Amy und Aron zusammengekuschelt auf dem Balkon übernachtet. Ulf Starks Herz für Kinder pocht in solchen Sätzen weiter, und das ist, in der Gegenteilsprache, alles andere als ein Glück.

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