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Kinderkrimi „Kommissar Gordon“ : Die Nüsse sind sehr alle, Chef!

  • -Aktualisiert am

Bild: Moritz

Mit Buffy an der Seite klärt sich jeder Fall: Gleich mit seinem ersten Fall berechtigt Ulf Nilssons Kinderkrimiheld Kommissar Gordon zu den schönsten Hoffnungen.

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          Ein Hauptproblem von Kindern im Vorlesealter sind Eltern, denen bei der x-ten Wiederholung des aktuellen Lieblingsbuchs am Abend vor Langeweile noch schneller die Augen zufallen als ihrem Nachwuchs. Es kommt also nicht bloß aus pädagogischen, sondern aus ganz pragmatisch-egoistischen Gründen sehr auf die richtige Auswahl der Lektüre an. Spannung ist im U6-Bereich der Kinderbuchliteratur indes nicht häufig anzutreffen. Phantasie, Originalität, Einfühlung in die kindliche Welt - das alles bringen viele Werke mit, und auch kuriose Überraschungen gibt es zuhauf. Aber bis zum Alter für Kinderkrimis wie „Die drei ???“, TKKG und Co. ist Spannung eher selten.

          Nun jedoch naht Rettung, und sie kommt wohl nicht zufällig aus Schweden, dem Krimiland schlechthin. Dort scheint Ulf Nilsson sich gesagt zu haben: Mit der Verbrechenslektüre kann man ruhig früh anfangen. So legt der Kinderbuchschriftsteller, dem wir unter anderem solche Werke von herzzerreißender Genialität wie „Die besten Beerdigungen der Welt“ verdanken, den ersten Fall von „Kommissar Gordon“ vor. Und eine bessere, kindgerechtere Annäherung, ja Anwärmung mit dem Krimigenre lässt sich nicht denken. Es handelt sich um einen klassischen Krimi, komplett ausgestattet mit Tatort, Motivsuche, Ermittlungsarbeit und Spurensuche. Mit von der Partie ist ein Kommissar, der auf seine Weise durchaus Ähnlichkeit mit einem Wallander hat, außerdem seine aufgeweckte Assistentin und natürlich ein Opfer, dem gleich die Sympathien zufliegen.

          Der schwerste aller Aufträge

          Der Hilferufer, mit dem die Handlung einsetzt, ist ein zerzaustes Eichhörnchen, dem Nüsse gestohlen worden sind und das in heller Aufregung Hilfe sucht bei der Polizei, auch im Wald jedermanns Freund und Helfer. Bevor Kommissar Gordon seinen ersten Auftritt hat, wird ihm zunächst die Bühne bereitet, nämlich seine imposante Polizeistation vorgestellt: ein kleines Haus im Wald, in dessen Fenster ein Licht brennt, „denn so war es immer bei der Polizei“. Ebenso behutsam wie gekonnt führt Nilsson sein junges Publikum in die Gesetzmäßigkeiten der Verbrechensbekämpfung ein - und vermittelt zugleich, dass all das, was diesem außergewöhnlich erscheinen muss, Selbstverständlichkeiten sind. Kommissar Gordons „ganz normale“ Polizeistation ist behaglich; abgeschlossen hinter Glas liegen ein Schlagstock und eine Pistole, es gibt eine Teeküche und Keksdosen, von denen ein tröstlicher Gebäckduft ausgeht. Kommissar Gordon, eine Kröte mit Bauchansatz, ist nicht mehr ganz jung, und als das Eichhörnchen seiner angesichtig wird, ist er gerade über einem „wichtigen Papier“ eingeschlummert. Doch im Handumdrehen ist er hellwach und hört dem verworrenen Bericht des bestohlenen Eichhörnchens aufmerksam zu. Sein Fazit des Falls: „Einige Nüsse dem Eichhörnchen gestohlen. Niemand verdächtig. Oder: Alle verdächtig!!“ Nachdem er einen offiziösen Stempel auf seine Zusammenfassung des Falls gedrückt hat, macht er sich an die Ermittlungsarbeit.

          Da das Eichhörnchen seine Nüsse nur einmal die Woche, nämlich sonntags, zählt, kann der Diebstahl schon vor einigen Tagen begangen worden sein. Nicht einfacher wird die Sache dadurch, dass das Opfer nicht nur ein Nusslager hat, sondern viele. Der Kommissar macht sich ohne viel Hoffnung an das Bewachen des ersten Baumlochs. Doch gerade als jemand in flagranti erwischt zu werden droht, stellt sich heraus, dass selbst einem erfahrenen Kommissar Missgeschicke zustoßen können: Er ist eingeschneit und festgefroren. Der mutmaßliche Dieb, eine Maus mit einer Nuss unter dem Arm, buddelt ihn aus. Nachdem man sich auf der Polizeistation beschnuppert, gemeinsam heißen Tee getrunken und Muffins gegessen hat, kommt der einzige Polizist des Waldes zu einer Assistentin namens Buffy. Gerade noch rechtzeitig, denn: „,Morgen haben wir einen schweren Auftrag. Möglicherweise den schwersten, den wir jemals gehabt haben. Wir müssen den Großdieb finden und festnehmen. Oder die Großdiebin. Oder die Großdiebe.‘ ,Machen wir, Chef‘, sagte Buffy.“

          Man muss sich einfach auf seine Seite schlagen

          Nach diesem ersten, vier Kapitel umfassenden Teil, in dem sich einiges über sorgfältige Polizeiarbeit, Zeugenverhör und Spurensuche lernen lässt, beginnt die eigentliche Verbrecherjagd. Denn nun hat Gordon einen Hilfssheriff, damit er seine kostbare Energie nicht auf Nebensächliches verschwendet. Prompt ereignet sich das nächste Verbrechen im Eichhörnchenlager: „Die Nüsse sind sehr alle, Chef!“

          Selbstverständlich kann der Fall trotz einiger Rückschläge am Ende vollständig aufgeklärt werden. Doch der Weg dahin ist keineswegs vorhersehbar. Wie Ulf Nilsson mit wenigen Mitteln Komplexität erzielt und etwa Buffy, die sich ja schließlich ebenfalls eine Nuss genommen hat, motivisch von einem echten Dieb abgrenzt, ist großartig gelungen. Doch dass diese Geschichte einen solchen Zauber entfaltet, liegt nicht nur an der liebevollen Schilderung, sondern ebenso an den Illustrationen von Gitte Spee. Die Holländerin hat dem Kommissar Gordon mit seinen vor Erschöpfung schweren Lidern nach dem jahrelang in Einsamkeit verrichteten Polizeidienst etwas derart Rührendes und Vertrauenerweckendes in die Züge gelegt, dass man nicht umhinkann, sich auf die Seite des Gesetzes zu schlagen. Und Maus Buffy, die ihre spitze Nase frohgemut über ihren neuen Job in die Gegend reckt, ist ein herrlich lebhafter Gegensatz zum müden Kommissar in seinem angedeuteten Trench mit Krawatte. Möge das Duo noch viele weitere Fälle lösen.

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