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Kinderlyrik „Überall & Nirgends“ : Das Letzte, was ich tun werde

Bette Westera, Sylvia Weve: „Überall & Nirgends“. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Susanne Rieder Verlag, München 2016. 112 S., geb., 25,– €. Ab 8 J. Bild: Susanne Rieder Verlag

Wenn es ein Jenseits gibt, sollte es auch ein Davorseits geben: „Überall & Nirgends“ spricht in 46 Gedichten von Verlust und schenkt Trost.

          3 Min.

          Sam ist immer zu spät in die Klasse gekommen. Doch an diesem Dienstag kam er gar nicht mehr. Seither steht eine Kerze da, wo sein Schulbuch lag. Und die Stimme, die uns das erzählt, ist jene des Kindes am Nachbarpult. Bette Westera und Sylvia Weve haben sich wirklich viel vorgenommen. Sterben und Trauer als Thema in Büchern für Kinder - das ist, trotz vieler großartiger Geschichten ja vielen, den erwachsenen Buchkäufern, immer noch unheimlich. Und Lyrik im Kinderbuch? Also nicht einfach Geschichten mit Endungen hinten an den Zeilen, die gleich klingen, sondern richtige Gedichte, sind nicht gerade der Renner im Kinderbuchbetrieb.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es reimt sich das allermeiste in „Überall & Nirgends“. Es hat beinahe schon etwas Tröstliches, dass es das tut, dass die Enden sich finden und das, was da bisweilen so Schweres zum Ausdruck kommt, in Reim und Klang wie geborgen ist. Gleichzeitig sprechen diese Kinder und Kindeskinder, Eltern und Mitschüler oder Beobachter, die Stimmen dieser Gedichte, vom Schwierigen in einer ganz alltäglichen, schlichten Sprache. Mal reimt sich etwas nicht so richtig, holpert der Rhythmus ein wenig, dann wiederholt sich ein Wort: „Tote Opas, tote Omas, / tote Tiere schaffe ich. / Doch ein Mädchen aus der Sechsten / stirbt doch eigentlich noch nicht.“

          Ein All-age-Erfolg für Leser von acht Jahren an

          Unter den 46 Gedichten sind viele, die der Ratlosigkeit Raum lassen, dem Trauern Ausdruck geben und auch verhaltener Wut. „Besser nicht“ etwa versammelt „Sieben Dinge / die man besser / nicht zu jemand / sagen soll / der erst neulich / seinen Vater / verloren hat.“ Floskeln, von denen man die eine oder andere vielleicht auch schon benutzt hat (man wird es nicht mehr tun nach der Lektüre). Fragen wie jene, ob es außer dem Jenseits wohl auch ein Davorseits geben mag und wie es im Himmel wohl ist, wo nun Oma, die so gerne las, vielleicht Eselsohren in die Himmelsbücher knickt, mögen kindlich klingen, sie haben aber, wie die schlichte Anerkenntnis des Verlusts, das Zeug dazu, auch die Erwachsenen, vielleicht auch im gemeinsamen Lesen mit den Kindern, offener und weicher zu machen für das Trauern und den Trost.

          Bette Westera und Sylvia Weve haben schon vor fast drei Jahren in ihrer niederländischen Heimat „Doodgewoon“ herausgebracht. Ein Wortspiel, „doodgewoon“ heißt „stinknormal“ und hat doch auch das Gewöhnen an den Tod im Titel. Das Buch, mehrfach ausgezeichnet, ist zu einem riesigen Erfolg als sogenanntes All-age-Buch für Leser von acht Jahren an geworden. Es ist eine Augenweide, wie die Gedichte Westeras und die Zeichnungen und das Buchdesign Weves zu einer Einheit verschmelzen. So ist der Band nun, übersetzt von Rolf Erdorf als „Überall & Nirgends“, auch auf Deutsch zu haben, prachtvoll aufgemacht, mit bunten Lesebändchen, mit Leinen und Kartonagen, mit Halb- und Ganzseiten gestaltet.

          Würdest du dann glücklich sein?

          Denn in erster Linie ist dieser Bilderlyrikband, der von toten Müttern, toten Vätern, toten Kindern und allerhand anderen Toten handelt, mit deren Abwesenheit umgegangen werden muss, auch eine Feier des Lebens und der Freude. Die könne man auch haben, heißt es ganz am Ende, denn die meisten Menschen wüssten doch: „Sterben? Das ist mit Sicherheit das Letzte, was ich tue.“ Ernst und oft herzzerreißend traurig, dann wieder klug, heiter und mit witzigen Verknüpfungen gewinnen die Seiten dem Tod und dem Trauern etwas Licht und Wärme ab.

          Schließlich machen die beiden Künstlerinnen schon auf der ersten Gedichtseite klar, worum es geht: „Wenn du niemals sterben könntest“ heißt es da, wozu dann auf die höchsten Berge klettern - und würdest du dann glücklich sein? Ein Gedanke wie viele andere, die ein erklärender Anhang noch einmal in sachlicher Prosa aufbereitet. Dabei verzichtet er vollständig auf Religiöses, was an sich schon ein Kunststück ist bei Kapiteln wie „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ Dass aber auch in der Erläuterung der Gebräuche und Symbole gerade jüngeren Lesern keinerlei Kontext für das geboten wird, was gemeinhin das hiesige Alltagsleben und -sterben doch prägt, ist ärgerlich: Weder bei den Beerdigungs- noch bei den Trauerritualen werden christliche Traditionen erwähnt, sieht man vom „Dia de los muertes“ ab, und einer Erwähnung des Festes Allerseelen. Dafür weiß man nach der Lektüre des Anhangs, was im alten Ägypten, bei jüdischen und muslimischen Begräbnissen so üblich ist - und dass die Papuas Schädel ihrer Väter als Kopfkissen nutzen, um deren Kraft zu erben. Die Erläuterung der christlichen Symbole, die doch selbst in den Zeichnungen auftauchen, fehlt. Weil sie allen bekannt sind? Das wäre blauäugig. Die Souveränität, mit der in den Gedichten Freund Hein begrüßt wird, hat das nicht.

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