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Tomi Ungerers „Dies und das“ : Schlafen, vielleicht auch träumen?

Wer ist größer? Aus: Tomi Ungerer, „Dies und das“. Aus dem Englischen von Margaux de Weck. Bild: Diogenes Verlag AG, Zürich, 2019

Fröhliche Anarchie: „Dies und das“ von Tomi Ungerer ist ein Bilderbuch für die Kleinen und die Großen, die noch das Glück der Phantasie kennen.

          3 Min.

          Dieses Buch enthält 34 Wörter, genauer sind es Verben im Infinitiv, die 32 ganzseitigen Bildern zugeordnet sind. Das ist schon alles – und zugleich so viel mehr. Denn jedes dieser bunten Bilder erzählt in seinem umwerfenden Minimalismus mindestens eine Geschichte, die aus der Wirklichkeit in das Reich der Phantasie und zurück führt. Tomi Ungerers Welt ist bunt und lustig, und sie ist voller Klippen und Abgründe. Sein Universum hält die unglaubliche Balance zwischen Spaß und Ernst, zwischen Katastrophe und „Heile, heile Gänschen“. Er macht die Wahrheit des Lebens auch für ganz kleine Menschen zumutbar, nicht zuletzt weil er immer wieder die Tiere, die sie schon kennen, mitspielen lässt. Aber es tritt auch sehr fremdes Personal auf.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          So ist unser Bild eine einigermaßen überraschende Erläuterung zur Angelegenheit „putzen“. Nein, keine Mutter, die einen geschleckten Haushalt haben will, und kein Kätzchen, das wie geleckt aussehen soll. Sondern ein dunkelhäutiger Knabe mit einem Käppchen auf dem Kopf, wie es vielleicht im Orient oder in Afrika getragen wird, der mit einer überdimensionalen Bürste die sehr weißen Zähne im Schädel eines Skeletts schrubbt, während er mit der anderen Hand mächtig auf eine Zahnpastatube drückt. Da gibt es eine ganze Menge Erklärungsbedarf! Die Verantwortung dafür delegiert Ungerer, der geniale Menschenfreund, an die Großen. Wenn sie es verstehen, wird daraus eine Story über die Dinge des Lebens, zu denen der Tod gehört; denn die Kleinen wollen das Bild unbedingt begreifen.

          Körperpflege hört mit dem Tod auf? Nicht bei Tomi Ungerer!

          Wer nicht hören will, muss fühlen

          Alles beginnt in „Dies und das“ mit einem Schreihals, der sich gerade, statt den Nagel zu treffen, mit einem Hammer in der linken auf den Zeigefinger der rechten Hand gehauen hat: „Spüren“ steht dort. Und „Wer nicht hören will, muss fühlen“ lauert im Hintergrund. Aber wie herrlich lässt sich jede Schwarze Pädagogik aushebeln, zugunsten einer freundlichen Erinnerung daran, dass nicht jedes Werkzeug zur Unzeit zum falschen Zweck erprobt werden muss.

          Im letzten Bild des Buchs steht auf einem weißen Vollmond „schlafen und träumen“. Er schwebt in einem Himmel, in dem kleine Tupfen wie Sterne blinken und über den vier große schlanke, helltürkisfarbene Vögel fliegen. In ihrem kuscheligen Bett unterm Himmelszelt schlummert lächelnd ein kleines Mädchen, auf ihren langen Haaren schwimmt eine Ente, die zu ihren Artgenossen sehnsuchtsvoll hinaufschaut. „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“, das alte Schlaflied, kennen, wenn es gutgeht, die Erwachsenen; sie könnten es gleich mal vorsingen. Während sie sich, vielleicht angeregt von den vorbeifliegenden Vögeln, an Michail Kalatosows Film „Wenn die Kraniche ziehen“ erinnern. Handelt doch das berühmte Melodram vom Ende der fünfziger Jahre von Liebe und Leid, von Sehnsucht, Hoffnung und Enttäuschung, von bitteren Erfahrungen – und vom Traum vom Glück.

          Tomi Ungerer: „Dies und das“.
Aus dem Englischen von Margaux de Weck. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 40 S., geb., 20,– . Ab 1 J.

          So weit können die Schwingen von „schlafen und träumen“ eine Vorleserin tragen, ihre frei schwebenden Gedanken lassen sich für später aufheben. Während der kleine Junge neben ihr staunt, dass in diesem Buch die Haare des Mädchens zu schwebenden Wellen werden können. Noch ein paar mehr solcher Wunder erschafft Tomi Ungerer aus seinem unerschöpflichen Ideenvorrat. Und es ist ihm zuzutrauen, dass er noch viel mehr an tiefen Gedanken und Gefühlen in seine zauberhaften Bilder eingebettet hat.

          Die wunderlichsten und großartigsten Kinderbücher

          Der große Zeichner und Schriftsteller, Illustrator und Provokateur ist am 9. Februar vorigen Jahrs im Alter von 87 Jahren gestorben. „Dies und das“ ist sein letztes Kinderbuch, postum erschienen. Es ist wie ein Vermächtnis – nicht nur an die Kinder: von einem, der überhaupt die wunderlichsten und großartigsten Kinderbücher gemacht hat. Denken wir zurück an „Kein Kuss für Mutter“ von 1973, das „Eine Geschichte über zu viel oder zu wenig Liebe“ heißt. Der unartige Katzenknabe Toby Tatze sitzt dort auf dem ersten Bild mit nickeligem Gesicht und verschränkten Pfoten am Tisch vor einem Essnapf mit Löffel und einem Glas Milch. Es lässt sich ahnen, wie arg ihm die Küsschen seiner liebenden Mama auf die Nerven gehen. Am Ende wird der zum Jähzorn neigende Bube zur Räson gebracht. Und Mutter Angora Tatze auch, aber keiner von beiden muss sich unterordnen.

          Geblieben ist die fröhliche Anarchie: Auf dem Einband von „Dies und das“ rückt ein begeistertes Katzenmädchen in Rosa dem verängstigten Fisch vor sich im Glas mit einem Strohhalm auf die Pelle. „Schlürfen“ heißt das Wort dazu. So allerdings hatten wir uns das bisher noch nicht vorgestellt.

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