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Timo Parvelas Kinderbuch „Ella und der Superstar“ : Cool wie die Rückenschuppe eines Kabeljaus

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Ella hat's: Seit drei Jahren begeistert der Finne Timo Parvela mit seinen witzigen Geschichten um eine Klasse und ihren Lehrer. Jetzt darf weitergelacht werden: In „Ella und der Superstar“ will es ein Junge auch ohne das Einmaleins schaffen.

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          Selbst wenn man, wie Ella, noch so gern in die Schule geht - es gibt Grenzen. Zum Beispiel, wenn der Lehrer solche Fragen stellt wie die, was sechs mal sieben ergibt. Oder vier mal fünf. Nun muss man wissen, dass Ella und ihre Klassenkameraden den Lehrer sehr, sehr gern haben. Sie haben ihn sogar so gern, dass sie mit ihm schon ein Krippenspiel und einen Zoobesuch („Ella in der Schule“), eine Schülerolympiade und eine Schulnacht mit Polizeieinsatz („Ella in der zweiten Klasse“) sowie und eigentlich nur aus Versehen eine höchst aufregende Reise zum Weihnachtsmann nach Lappland („Ella auf Klassenfahrt“) gemacht haben. Der Lehrer hat von der ganzen Liebe seiner Klasse ein seltsames Perlenarmband, an dem er so hektisch herumspielte, dass es kaputtging, abgekaute Fingernägel, zwei Kojoten namens Koj und Ote und andere Malaisen davongetragen. Ein Segen, dass die Klasse so gut auf ihn, seine Frau und das Baby aufpasst.

          Timo Parvelas „Ella“-Geschichten gehören zum Witzigsten und Originellsten, was die Kinderliteratur seit dem kleinen Nick hervorgebracht hat. Im staubtrockenen, perfekt durchgehaltenen Ton kindlicher Naivität lässt der finnische Autor, der früher selbst einmal Lehrer war, seine Heldin Ella Abenteuer erzählen, die auf keine Rentierhaut gehen und nicht nur bei Kindern Lachsalven auslösen. Anders als etwa Nick oder die flotte Engländerin Araminta Spuk steht Ella selbst nie im Mittelpunkt und verwendet die Ich-Perspektive eigentlich nur in Notwehr. Wie ein Schaf von einer Schafherde erzählt sie als Mitglied der Klasse gewissermaßen stellvertretend für alle, inklusive des Lehrers.

          Der Lehrer muss zur Raison gebracht werden

          Im aktuellen vierten Band, „Ella und der Superstar“, muss dringend ein Ausweg gefunden werden, weil der Lehrer gedroht hat, Pekka nicht zu versetzen, wenn dieser das Einmaleins nicht lernt. Der Lehrer versteht nicht, dass Pekka ja gar nicht rechnen zu können braucht, weil er sowieso Superstar wird - und die haben für so was bekanntlich ihre Manager. Den Posten erhält Timo, der für Pekka das Einmaleins und auch sonst alle Antworten übernimmt. Sein Klient verschanzt sich ab sofort hinter einer Sonnenbrille und verlangt für seine „Auftritte“, vulgo Anwesenheit, bis zum Ende des Schuljahrs hunderttausend Euro. Außerdem will Pekka, der fortan eine großartige Projektionsfläche für Coolness-Metaphern abgibt, einen Plattenvertrag, eine Welttournee und einen Auftritt mit seinem Idol, der Sängerin Elviira. Damit Pekka seine Superstar-Karriere unbeschwert antreten kann, muss aber erst der Lehrer, der störrisch auf dem Einmaleins besteht, zur Raison gebracht werden. Die Klasse beschließt, es mit Bestechung zu probieren. Und da den Lehrer schlimme Sorgen plagen, weil sein Vermieter ihn wegen Koj und Ote vor die Tür setzen will, liegt die Lösung auf der Hand: eine neue Wohnung muss her, wo sich ganz bestimmt niemand über das Kojotengeheul beschwert. Also beschließt die Klasse, dem Lehrer ein Schiff zu kaufen.

          Reiz und Witz von „Ella“ liegen aber natürlich nicht in den Absurditäten der Handlung, die mit jedem Band abgedrehter wird und die Plausibilität sowieso gern strapaziert, sondern allein an der Erzählhaltung, die selbst größte Tumulte mit der Ernsthaftigkeit und unbeirrbaren Gradlinigkeit einer gewieften Sechs- bis Siebenjährigen schildert, die das, was sie sieht, exakt für das nimmt, was es ist, und deren Perspektive noch durch keine Zweifel getrübt ist. Und da Pekka, den Ella eines Tages heiraten will, immer schon ihr heimlicher Liebling gewesen ist, läuft sie zur Hochform auf. „Pekka lächelte die Moderatorin an, die ihn interviewen sollte. ,Du bist also Pekka', begann sie. Pekka sagte nichts. Er sah so cool aus wie die Rückenschuppe eines Kabeljaus.“

          Wie Pekka es dann, neben einer Superstar-Garderobe, gut gekühlten Erfrischungsgetränken, Bodyguards und einem eigenen Parkplatz für den Superstar-Truck tatsächlich zu einem Auftritt mit Elviira bringt, ohne auch nur ein einziges Mal gesungen zu haben, wie der Lehrer über den Clinch mit dem tierfeindlichen Vermieter fast selbst berühmt wird und am Ende die ganze Klasse das Einmaleins verlernt, das sollte man selbst nachlesen. Für die Zukunft ist bereits vorgesorgt: Angeblich hat Timo Parvela die nächsten sechzehn „Ella“-Geschichten schon fertig. Wenn das nicht so cool ist wie die Nasenlöcher eines See-Elefanten.

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