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Europabücher für junge Leser : Tausend Kilometer Mauern und Zäune

Keine Piñata: Yasmeen Ismails „Brexit“ aus dem Buch „Zeichnen für ein Europa“ zeigt, dass der erhoffte Ertrag ausbleibt, wenn man einfach draufhaut. Bild: Verlag Beltz & Gelberg

International bekannte Illustratoren zeigen, wie gut die Pointiertheit der Kinderbuchkunst zur politischen Karikatur passen kann, und zwei Autorinnen geben auf viele Fragen anschauliche Antworten: Europabücher für junge Leser.

          Zwölf Entchen formen beim Schwimmen auf dem dunkelblauen Wasser einen Kreis, der an die Sterne der Europafahne erinnert. Von links ragt ein schwarzer Regenschirmgriff ins Bild und zieht eines von ihnen aus dem Wasser: Auch wenn sich das gekaperte Küken nicht durch den Gesichtsausdruck, sondern nur durch die Neigung des Kopfes von seinen Geschwistern unterscheidet, glaubt der Betrachter Überraschung und Bedauern zu erkennen. Jim Field, der mit französischer Frau und kleiner Tochter in Paris lebt, hat für sein Bild eine maßvolle, kindgemäße Vereinfachung von Emotionen gewählt, wie sie den Brexit begleiten. Im Begleittext zu seinem schlicht „Entchenangeln“ genannten Werk freilich nennt der englische Illustrator den britischen Weg „zerstörerisch in der Gegenwart und für kommende Generationen“.

          Vor Jahren hatte Markus Weber Illustratoren seines Frankfurter Moritz Verlags schlicht um „Zeichnungen für Europa“ gebeten. Die Werke waren 2017 auf der Buchmesse zu sehen, wurden für eine Ausstellung in Großbritannien um Arbeiten britischer Künstler ergänzt, um schließlich, jetzt auf 45 Bilder angewachsen, zum Buch zu werden. Es zeigt anhand eines drängenden Themas und mit Beiträgen so unterschiedlicher Illustratoren wie Emily Gravett, Rebecca Cobb, Antje Damm, Emma Farrarons, Susanne Göhlich oder Oliver Jeffers, wie gut die Pointiertheit der Kinderbuchkunst zur politischen Karikatur passen kann.

          Jörg Mühle lässt in seinem Paradiesgarten Europa einen Wolf und ein Schaf auf einer Picknickdecke kuscheln, bei Sara Ogilvie treibt eine Bulldogge in einer umgekehrten Hundehütte davon, Catherine Rayner lässt eine kleine Maus einem Schmetterling etwas nachrufen, der den kunterbunten Falterkreis verlässt, und in Neal Laytons Raumschiff auf dem Weg ins Dunkel wird das Kommando zur Umkehr zurück zu den zwölf Sternen gegeben. Von Axel Scheffler stammt nicht nur die umwerfende „EU-le“ als Vorschlag für ein Wappentier, sondern auch Vorwort und Titelbild.

          Axel Scheffler (Hrsg.): „Zeichnen für ein Europa“. Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 96 S., geb., 12,95 Euro. Ab 8 J.

          Für ein reines Kinderbuch spielt „Zeichnen für ein Europa“ zu stark mit Verweisen auf politische Konstellationen und den antiken Mythos der phönizischen Prinzessin. Nicht nur die vielen wiedererkennbaren Zeichenweisen allerdings machen das Buch zum Anlass für Gespräche mit Kindern über eine hoffnungsvolle Vision und ihre Schatten.

          Liegt die Kraft dieses Buchs im wehmütigen Witz, im Ausdruck von Enttäuschung und Unverständnis, ist es in „Fragen an Europa“ die grafische und sprachliche Nüchternheit, mit der Gesine Grotrian und Susan Schädlich ihr Jugendsachbuch mit mehr als sechzig Antworten zu unserem Kontinent angegangen sind. In der Diskussion, zuweilen auch im Streit mit Jugendlichen sei das Buch entstanden, schreiben sie im Vorwort. Die Klarheit, mit der auch entzündliche Themen wie Populismus und Fremdenfeindlichkeit behandelt werden, lässt das nicht erahnen. Gleich zu Beginn des Buchs wird die Frage nach einer Definition Europas geschickt mit sechs Schattenrissen beantwortet, vom fragmentierten Euroraum bis zur riesigen Fläche der Länder, die in der Uefa zusammengeschlossen sind, Russland eingeschlossen.

          Gesine Grotrian, Susan Schädlich: „Fragen an Europa“. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2019. 140 S., geb., 16,95 Euro. Ab 12 J.

          Eine Übersicht von Fremdsprachenkenntnissen lässt junge Leser einmal mehr staunen, wie klein das Deutsche ist. Eine Grafik veranschaulicht nicht nur acht Kriterien friedlicher Gesellschaften, sondern hebt - eine Doppelseite vor dem Thema Populismus - hervor, dass sich in fast der Hälfte der Länder seit 2005 die Lage verschlechtert hat. Eine Auflistung der Titel bei Fußball-Europameisterschaften wird um den Hinweis ergänzt, dass ein Top-Spieler mehr verdient als alle Spielerinnen der Bundesliga zusammen - bevor es eine Seite weiter um die Gleichberechtigung geht. Dass viele der angeschnittenen Themen zu Diskussionen führen können, leuchtet ein. Dass dieses Buch dafür in aller Knappheit ein sachliches Fundament bietet, ist seine Stärke.

          Sechs Inseln und Halbinseln – von der Mönchsrepublik Athos über die Fasaneninsel, die alle sechs Monate die Staatszugehörigkeit wechselt, bis zum ehemals umkämpften Helgoland – machen europäische Geschichte und Gegenwart anschaulich. Bei der Aufrüstung an den Außengrenzen werden gerade einmal Icons um zwei schlichte Zahlen ergänzt: die der von 2014 bis 2017 im Mittelmeer Verschwundenen und die Länge der Grenzmauern und -zäune Europas. Selbst beim großen Thema dieser Tage beschränkt sich das Buch auf Fragen und den Hinweis, dass bis zum Druck nicht klar war, „wie die Sache mit dem Brexit ausgehen würde“. Viel weiter sind wir leider auch heute nicht.

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