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Tamara Bachs Jugendroman „Marienbilder“ : Und dann war Mutter plötzlich verschwunden

Bild: Carlsen

Für einen Roman ist Sehnsucht ein prächtiges Sujet. In Tamara Bachs neuem Jugendbuch „Marienbilder“ erzählt eine Tochter um ihr Leben.

          3 Min.

          „Sehnsucht“, das ist das zweite Wort im allerersten Satz von Tamara Bachs Roman „Marienbilder“, und es hallt nach bis auf die letzte Seite. Es bezeichnet einen fragilen Zustand, der vom Gegensatz zwischen Wunsch und Wirklichkeit lebt. Ein Konstrukt, das sofort in sich zusammenbräche, wenn das einträte, was sich der Sehnende erhofft. Dauert dieser Zustand zu lange an, ist es die Hölle, zumindest im Leben. Für einen Roman aber ist Sehnsucht ein prächtiges Sujet.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn eine Frau wie Mareikes Mutter ihre Familie verlässt, ohne Vorwarnung und ohne ein Wort hinterher, dann bleibt für die anderen nicht viel zu tun: Man kann nach den Gründen fragen, doch das wird irgendwann fruchtlos. Man kann versuchen, weiterzumachen wie bisher, und stößt damit schon nach Tagen an Grenzen, schließlich kann man die Fassade vor Freunden und Nachbarn nicht ewig aufrechterhalten. Immerhin kann man versuchen, in all dem Schlamassel den Kopf oben zu behalten. Das ist gar nicht so einfach, wenn man wie Mareike kurz vor dem Abitur steht und vielleicht auch noch schwanger ist.

          Jedesmal ein anderes Ziel

          In „Marienbilder“ wird diese Orientierungssuche in ein Bild gepackt, das die zweite Hälfte der Handlung prägt: Mareike steht auf dem Bahnhof und will zu ihrer großen Schwester fahren, die in einer anderen Stadt studiert. Der Roman spielt nun vier Möglichkeiten durch: Der Zug ist pünktlich, der Zug verspätet sich, er fällt aus, oder ein ganz anderer Zug kommt, in den Mareike steigt und bis nach Südeuropa fährt, wo sie ein neues Leben beginnt.

          Jede dieser vier Möglichkeiten bringt Mareike an ein anderes Ziel. Einmal landet sie tatsächlich bei der Schwester, besucht eine Bar, die Cafeteria der Uni und später eine alte Freundin ihrer Mutter, von der sie sich vergeblich die Lösung des Rätsels erhofft. In einer Parallelhandlung glaubt sie, ihre Mutter in einem Zug gesehen zu haben, und kämpft sich, wie in einem Albtraum immer wieder aufgehalten, verzweifelt durch die Waggons, wiederum ohne Ergebnis. Oder sie kehrt um, bleibt in ihrer Stadt und hat plötzlich tatsächlich die verschwundene Mutter am Telefon, ohne dass sich daraus ein Hinweis auf die Beweggründe der Geflohenen ergäbe.

          Ein Tasten der Erzählerin

          Und dann gibt es noch eine weitere Variante, eine, die zu einem paradoxen Ende führt: Mareike, die Erzählerin des Romans, so steht es auf der allerletzten Seite, wird niemals geboren, weil sich ihre Mutter siebzehn Jahre zuvor für eine Abtreibung entschieden hatte - sie „behält mich nicht“, sagt Mareike, und schließlich laufen darauf auch die übrigen Varianten dieses Romans zu, in denen sich die Mutter von ihrer Tochter lossagt, so oder so.

          Keine Frage, Tamara Bach, Jahrgang 1976, die Autorin einer Reihe zu Recht gefeierter Jugendbücher, wagt sehr viel mit diesem Text. Und die Gefahr, einen Teil ihres Publikum darüber zu verlieren, ist bei einer solchen Anlage gar nicht so gering, obwohl sie dafür ausgezeichnete Gründe anführen kann. Denn Mareike bringt mit dem Recht der beteiligten Erzählerin ihre eigene Struktur in das, was sie berichtet. Einmal geht es ihr unübersehbar darum, komplexe, überfordernde Dinge in Einzelteile zu zerlegen. Der Tag etwa, an dem Mareikes Mutter verschwindet, wird Detail für Detail in seiner bestürzenden Normalität geschildert, daneben aber auch das langsame Entstehen einer Ahnung, dass eben doch etwas anders ist. Zum anderen aber seziert Mareike nicht nur, sie fügt die Dinge auch über große zeitliche Distanzen zusammen, wie es ihr richtig erscheint. Was der Mutter widerfährt, mit dem Vater, mit einem Zufallsbekannten, schließlich mit dem Jungen, nach dem sie sich so ausdauernd sehnt, all dies wird lose verknüpft mit Erlebnissen Mareikes. Besonders im Bericht über die Eltern ist oft genug ein Tasten der Erzählerin wahrzunehmen, eine Unsicherheit über den tatsächlichen Verlauf, was Mareike auch benennt: „Meine Geschichte ist ein mühseliges Zusammenflicken von Hörensagen und schiefen Chronologien, und nichts dran, was hieb- und stichfest ist, nur Indizien, eventuell, aber das reicht nicht für ein Urteil.“

          Der schönste Beweis

          So stehen auch hier die widersprüchlichen Versionen nebeneinander, verbunden allenfalls durch das Wort „oder“, und es ist seltsam, wie aus dieser Ästhetik beim Leser nicht etwa heillose Verwirrung erwächst, sondern eine Ahnung für das, was an einer Biographie Wahl sein mag und was Schicksal.

          Es ist viel von Frauen die Rede in diesem Buch, von Männern deutlich weniger. Diese Frauen heißen Mareike, Magda oder Marianne, sie bekommen ihre Kinder oder bekommen sie nicht, aber auch hier sind die Väter, wenn sie denn nicht ganz fehlen, eher Erscheinungen am Rande - warum der Roman „Marienbilder“ heißt, leuchtet sofort ein. Vor allem aber ist es ein Buch aus der Perspektive eines Kindes, dem mit der Trennung der Eltern, die ihm unerklärlich ist oder vielleicht auch nur unerklärt, der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Indem es fragt, wie die Eltern damals eigentlich zusammengekommen sind, indem es Versionen dieser Geschichte ausprobiert und am Ende nicht darüber entscheiden kann, welche nun gilt, wird auch die eigene Existenzgrundlage diffus.

          Gleichzeitig aber ist das Erzählen, das aus dieser Situation entsteht, unübersehbar Mareikes Weg, sich darin zu behaupten. Indem sie die Dinge darstellt, auch dort, wo sie miteinander in unversöhnlichem Kontrast stehen, ist sie ihnen nicht mehr ausgeliefert. So lässt sich die letzte Szene, in der die Mutter lange vor der Gegenwart der Romanhandlung ihre Tochter abtreibt, auch genau andersherum verstehen: Indem Mareike erzählen kann, detailbesessen, bildhaft und mit derart stiller Wucht, erweist sie sich als unzerstörbar. Sie erzählt um ihr Leben, und dieser Roman ist der schönste Beweis dafür, dass ihr das gelingt.

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