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Suzanne Collins’ „Panem“-Prequel : Monster im Werden

Später ein grausamer Herrscher: Donald Sutherland als Coriolanus Snow im zweiten Teil der Verfilmung Bild: Picture-Alliance

In seiner Jugend musste Coriolanus Snow noch nicht den Geruch von Blut überdecken: In ihrem „Panem“-Prequel „Das Lied von Vogel und Schlange“ erzählt Suzanne Collins aus der Frühzeit der Hungerspiele.

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          Wenn auf der Dachterrasse Rosen gezüchtet werden und im Kochtopf gegen den Hunger nur Kohlsuppe vor sich hin blubbert, dann ist einiges in Schieflage geraten. Für die Familie Snow – einst mächtig, nun verarmt – heißt das, dass der einzige Erbe, der achtzehnjährige Coriolanus, nicht nur ständig damit rechnen muss, unter seinen reichen Freunden als Hochstapler dazustehen, sondern auch, dass seine einzige Chance auf ein seinen Vorstellungen gerechtes Leben in ihm selbst besteht: in seiner Geschmeidigkeit, in der Fähigkeit, das bestehende System zu analysieren und zu seinen Gunsten auszunutzen, und schließlich in der Bereitschaft, diesem Ziel alles unterzuordnen. Auch wenn es um so elementare Bedürfnisse eines Jugendlichen geht wie Freundschaft, Liebe oder ein Dasein ohne große Verstellung. Coriolanus jedenfalls verbirgt den Kohlgeruch, Symbol seiner Armut, mit dem Rosenduft aus dem Dachgarten seiner Großmutter.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Suzanne Collins hat ihre Trilogie „Die Tribute von Panem“ um einen vierten Band ergänzt, der vor einigen Tagen erschienen ist. Er erzählt die Geschichte weiter, aber nicht als Fortsetzung, sondern in die Vergangenheit gerichtet. Denn die Handlung von „Das Lied von Vogel und Schlange“ spielt 64 Jahre vor dem ersten Band, vor den 74. „Hungerspielen“ also, die wie jedes Jahr zur Erinnerung an den einstigen Aufstand der „Distrikte“ gegen die Zentrale, das „Kapitol“, abgehalten werden, indem aus jedem Distrikt zwei „Tribute“, ein Junge und ein Mädchen, ausgelost werden, um in einer Arena so lange gegeneinander zu kämpfen, bis nur noch einer von ihnen am Leben ist. Das Ergebnis ist aus der Trilogie bekannt, die Collins zwischen 2008 und 2010 veröffentlicht hatte und deren mehrteilige Verfilmung zum Welterfolg wurde: Das Mädchen Katniss aus dem 12. Distrikt gewinnt die 74. Spiele und wird danach zum Symbol eines weiteren, diesmal erfolgreichen Aufstandes der Distrikte. Am Ende lebt sie, versehrt an Leib und Seele, abgeschieden mit ihrer Familie in der Provinz und schreibt ihre Erinnerungen nieder.

          Ihr großer Gegenspieler im Freiheitskampf war Präsident Coriolanus Snow, ein kalter Zyniker, der sich Katniss gegenüber ebenso kultiviert wie grausam zeigte. Das Prequel zur Trilogie ist ihm gewidmet und wird komplett aus seiner Perspektive erzählt. Die Handlung setzt ein, als zur Abhaltung der zehnten Hungerspiele erstmals Mentoren für die 24 Tribute bestimmt werden. Snow wird die junge Sängerin Lucy Gray Baird aus dem 12. Distrikt zugeteilt, in mancher Hinsicht eine Vorgängerin von Katniss (auf deren Namen sogar einmal angespielt wird), und Snows Interesse an ihr erscheint ihm und anderen bisweilen als der Liebe ähnlich, ist aber eng an das eigene Fortkommen geknüpft und wird schließlich genau in dieser Hinsicht problematisch. Völlig anders aber ist die Situation der Tribute, die nicht wie in der Trilogie anfangs gehätschelt und fernsehtauglich gemacht, sondern wie Tiere behandelt und in die Manege entlassen werden.

          Suzanne Collins: „Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange“. Aus dem Englischen von Peter Klöss und Sylke Hachmeister. Oetinger Verlag, Hamburg 2020. 608 S., geb., 26,– €. Ab 14 J.

          Die Spiele sind hier in eine Krise geraten, eigentlich will sie niemand mehr sehen, und der eigentliche Impuls der an gesellschaftlichen Prozessen so interessierten Autorin scheint die Schilderung zu sein, wie aus einem reinen Unterdrückungsinstrument ein als Massenunterhaltung akzeptiertes Fernsehereignis wird – Snows Ideen, die er in diesem Roman entwickelt, bahnen den Weg zu dem, was uns in der Trilogie begegnet.

          Die Kunst der Autorin besteht darin, die Entwicklung des jungen Coriolanus zum späteren kultivierten Monster aus der Trilogie als keineswegs unausweichlich zu schildern, einige Weichenstellungen inklusive, trotzdem aber als plausibel darzustellen. Dazu trägt bei, dass er von echten Sadisten, aber auch von ambivalenten Gestalten umgeben ist, wozu auch ein tragischer Charakter gehört, der sich gegen das System auflehnt und dabei die falschen Allianzen zu knüpfen versucht. Und Collins spinnt den roten Faden ihrer Trilogie weiter aus, der in der menschlichen Stimme, im Gesang zumal, ein Symbol der Freiheit sieht.

          Coriolanus jedenfalls wird auch später einen verräterischen Geruch mit Rosenduft unterdrücken müssen: In der Trilogie ist das der Geruch von Blut.

          Suzanne Collins: „Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange“. Aus dem Englischen von Peter Klöss und Sylke Hachmeister. Oetinger Verlag, Hamburg 2020. 608 S., geb., 26,– €. Ab 14 J.

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