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Susan Kreller: „Elektrische Fische“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2019. 192 S., geb., 15,– €. Bild: Carlsen

Jugendroman von Susan Kreller : Seinen Trost kann man sich backen

„Wir sind erst drei Stunden in Deutschland, und schon ist alles falsch“: In ihrem Jugendroman „Elektrische Fische“ erzählt Susan Kreller von einer unfreiwilligen Reise.

          3 Min.

          Eine Straße im Hinterland der Ostseeküste, ein paar Häuser und sehr viel Leere, ein Silo, auf dem „Lügenpresse“ steht und „I love Angelina Wuttke“, schließlich ein Auto, darin ein alter Mann, neben ihm seine erwachsene Tochter und auf der Rückbank deren drei Kinder. Für Emma, ihren älteren Bruder Dara und ihre jüngere Schwester Aoife ist der abrupte Umzug von Dublin, wo sie als Teil einer deutsch-irischen Familie geboren wurden, in die nordostdeutsche Heimat ihrer Mutter ein Unglück und die neue Umgebung voller Rätsel.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Susan Krellers Gegenwartsroman „Elektrische Fische“ spielt größtenteils in einem fiktiven Örtchen namens Velgow, irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, wo die meisten Läden geschlossen sind und die Verkehrsader noch immer „Thälmannstraße“ heißt. Dass die Autorin diese abgehängte Gegend ohne auch nur einen Anflug von Herablassung schildert, tut dem Buch entschieden gut, und umgekehrt auch, dass sie das Befremden der Erzählerin Emma ebenso glaubwürdig und selbstverständlich zeichnet. „Wir sind erst drei Stunden in Deutschland, und schon ist alles falsch“, sagt Emma auf der Fahrt vom Flughafen nach Velgow.

          Falsch ist hier zum Beispiel die Sprache, obwohl die drei von ihrer Mutter genügend Deutsch gelernt und in Dublin auch die deutsche Schule besucht haben. Und wenn dann die an sich offenherzige Aoife, deren Namen man in etwa „Iifa“ ausspricht, von den Mitschülern „Affe“ genannt wird, leitet das eine der kleinen, aber umso nachhaltigeren häuslichen Katastrophen ein, an denen dieser Roman nicht arm ist: Aoife schließt ihren Mund und öffnet ihn nur noch zum Essen, Trinken und Atmen, das Sprechen aber verweigert sie. Der Mädchenschwarm Dara kommt zurecht und lässt sich von seinen Schwestern nicht in die Karten schauen. Und Emma? „Ich bin halb traurig und halb gar nichts“, sagt sie, und auch das macht den Reiz dieses Buches aus: Weil sich Emma selbst über ihren Zustand erst klar werden muss, ist sie als Erzählerin auch den Lesern in manchem ein Rätsel.

          Wirklich allein deshalb?

          Dabei ist ihr eines schon früh klar: Hier, in Velgow, wird sie nicht bleiben. Sie entwirft einen Plan für die heimliche Reise zurück nach Dublin, wo ihr Vater und dessen Eltern leben. Bewegung kommt in das Ganze, als Emma ihren Mitschüler Levin näher kennenlernt und ihm ihren Fluchtwunsch anvertraut – zu einem ernsthaften Plan wird das erst, als Levin für sie recherchiert, welche Wege es für ein Mädchen in ihrer Lage nach Dublin gibt und sogar mit ihr trainiert, heimlich an Bord einer Fähre zu gelangen.

          Bis dahin muss sie die neue Umgebung ertragen. „Keiner erzählt, wie es ihm geht“, sagt Emma, und dass der gesprächigste im Haus, in dem ihre Mutter einst mit ihren Schwestern aufgewachsen war, der Hund Peppi ist. Dass dieses Schweigen der Erwachsenen, der Großeltern zumal, auch andere, eher regionaltypische Gründe haben könnte, sieht Emma nicht, während der Leser durchaus die Möglichkeit hat, vieles an ihr vorbei zu entdecken, was ihr verborgen bleibt, und sich so seinen eigenen Reim zu machen. Da ist vor allem die Situation der Mutter, die einst von Velgow in die Welt aufgebrochen war, bis Irland kam und nun, mit ihrer Rückkehr, als Gescheiterte angesehen wird. Manchmal sagt man ihr das auch ins Gesicht. Halt findet sie im Geruch von frischem Brot, den sie in „Schwabes feinste Backwaren“ in sich aufnimmt, im Verkaufsraum eines der wenigen Kleinunternehmen also, die noch in Betrieb sind. Es sind Stellen wie diese, die den Leser mehr noch als die Erzählerin Emma auf die Frage stoßen, ob der Entschluss der Mutter, mit ihren Kindern zurück ins Heimatdorf zu gehen, tatsächlich nur der desolaten Situation ihrer Ehe geschuldet ist.

          Sehnsuchtsort, Trost, Bedrohung

          Was jedenfalls Herkunft und Verwurzelung bedeutet, scheint anfänglich für Emma geklärt zu sein und ist es doch, je weiter der Roman voranschreitet, keineswegs. Nicht nur, weil sie fast gegen ihren Willen ein Interesse für diejenigen entwickelt, mit denen sie es in Velgow zu tun bekommt. Sondern auch, weil sie Wege findet, einen Bogen zwischen ihrem alten Leben und dem neuen zu spannen.

          Am auffälligsten geschieht das in Emmas Perspektive auf das Meer. Das war in Dublin aufregend, an der Ostsee erscheint es ihr erst einmal langweilig und etwas schmuddelig, und so bilden ihre wiederholten Besuche am Strand jeweils Stationen einer Annäherung. Das Meer ist für Emma ein Sehnsuchtsort, etwas, an das sich Erinnerungen knüpfen, ist Trost und schließlich lebensgefährliche Bedrohung in einem, ausgerechnet in einem Moment, in dem man es nicht erwartet hätte.

          Emmas Ohr ist jetzt geschärft genug

          Susan Kreller, die 2012 mit dem Roman „Elefanten sieht man nicht“ debütierte, wurde 2015 für ihre Dreiecksgeschichte „Schneeriese“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und publizierte vor zwei Jahren mit „Pirasol“ einen meisterlichen Roman um den Lebensweg einer Frau, die bis ins hohe Alter braucht, um sich über ihre Vergangenheit und die ihrer Familie klar zu werden. Mit „Elektrische Fische“ knüpft sie in mancher Hinsicht an diese Bücher an. Kaum was die Handlung betrifft, doch meint man in der Zeichnung der Figuren, in ihrem Umgang mit einer Last, die ihnen auferlegt ist, in ihrem Staunen über die anderen und in ihrer sanften Beharrlichkeit, Unerträgliches irgendwann eben nicht mehr länger zu tragen, einen eigenen Stil der Autorin zu erkennen.

          Dass Emma über eine ihr selbst kaum bewusste Fähigkeit zur Einfühlung auch in so schwierige Charaktere wie Levins Mutter verfügt, ist vielleicht ihr hervorstechendster Zug. Ihm verdankt sie, dass sie tatsächlich in Velgow ankommt. Auch wenn nicht alles richtig ist, was vorher falsch war. Aber Emmas Ohr ist jetzt geschärft genug, um die Schönheiten einer Sprache anzuerkennen, die sich aus dem Deutsch der Mutter und dem Irisch des Vaters speist.

          Susan Kreller: „Elektrische Fische“. Roman. Carlsen Verlag, Hamburg 2019. 192 S., geb., 15,– €.

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