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„Superwurm“ von Axel Scheffler und Julia Donaldson : Wenn Schnecken schleppen

Bild: Beltz & Gelberg

„Superwurm“ ist das neueste Werk von Axel Scheffler und Julia Donaldson. Es erzählt von einem Helden, der Hilfe braucht, und zeigt, welche Anmut in einer Müllkippe verborgen sein kann.

          Wenn Bücher jährlich zum selben Zeitpunkt im selben Verlag erscheinen, die von derselben Autorin und demselben Illustrator stammen und meist Tiere in den Mittelpunkt stellen, dann gibt das der ersten Rezeption zwei Richtungen vor: Man konzentriert sich entweder auf das Gemeinsame oder auf das jeweils Neue.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Fall der Bilderbücher von Julia Donaldson und Axel Scheffler, die zuverlässig jeden Herbst auf Deutsch bei Beltz & Gelberg erscheinen, heißt das zum Beispiel, dass manche Leser beim ersten Blättern nach dem Grüffelo suchen, bevor sie sich auf die Geschichte einlassen. In den letzten Jahren tauchte das Waldwesen, das Scheffler und Donaldson seit seinem Debüt im Jahr 1999 einen weltweiten Erfolg bescherte, nicht nur in Fernsehadaptionen, Malbüchern oder als Kuscheltier auf, sondern als verstecktes Zitat auch in ihren seither entstandenen Büchern: In „Flunkerfisch“ (2007) schmückte der Grüffelo die Unterwasserwelt, in „Die Schnecke und der Buckelwal“ (2003) zeichnet ein Schüler sein Gesicht in den Sand, und im zuletzt erschienenen „Räuber Ratte“ werden Grüffelo-Kekse verspeist.

          Seit einigen Tagen liegt nun „Superwurm“ in den Buchhandlungen, und wer den Grüffelo darin sucht, wird ihn auf dem Schrottplatz finden, wo er zwischen Fischgräten und Verpackungsresten entsorgt worden ist, und es ist gut möglich, dass es von nun an ein Ende hat mit den Verweisen. Wer sich freilich dem Schrottplatz wie dem gesamten Buch so unbefangen nähert, wie es eben geht, der wird ein Werk vorfinden, das aus der Bilderbuchproduktion dieses Herbstes herausragt, eben weil es den Schrottplatz mit derselben detailverliebten Sorgfalt behandelt wie die übrigen Schauplätze. Das Ensemble von Dosen, Flaschen und Kartons, aufs feinste ausgemalt, gewinnt eine eigene Würde, es leuchtet ebenso silbrig wie die Rippen des Müllwagens, der im Hintergrund davonfährt, und weil Scheffler gar nichts zu unbedeutend ist, um es sich aufs glücklichste anzuverwandeln, sind seine Bilder auch bei längerer Betrachtung mit kritischen Kindern ganz frei von Enttäuschungen. Und voller Entdeckungen.

          Zum Beispiel die Schnecken: Wie Scheffler ihnen in diesem Buch eine lebendige Physiognomie verleiht, ist ebenso überraschend wie zwingend. Exakt so, meint man, müssen Schnecken aussehen, wenn sie schwere Lasten transportieren (in diesem Fall heißt das: gemeinsam auf ihren Häusern eine Honigwabe schleppen), wenn sie verhalten feixen oder gespannt auf ein Grummeln unter der Erdoberfläche lauschen.

          Eine schlichte Geschichte

          Es gehört zur Natur eines solchen Bilderbuchs, dass die Geschichte angesichts eines solchen Nuancenreichtums nicht unbedingt mithalten kann und das vielleicht auch gar nicht muss. Julia Donaldsons schnörkelloses Lied vom „Räuber Ratte“ etwa stellt einen Titelhelden auf die Bühne, der in seiner stimmigen Bosheit Größe besitzt und der, bis zur letzten Seite beratungsresistent, mühelos neben den hinreißenden Bildern besteht.

          Bei „Superwurm“ liegt die Sache leider anders. Der Wurm verbringt seine Tage im selbstlosen Einsatz für andere, er rettet Krötenkinder und Käfer, bespielt gelangweilte Bienen, und als er dann selbst in Gefahr gerät, tun sich die dankbaren Kleintiere zusammen und befreien ihn aus den Fängen der bösen Echse, die ihn entführte. Auch ein Superheld braucht mal Hilfe, so mag man sich das übersetzen, oder auch: Gute Taten zahlen sich irgendwann aus. In Salah Naouras Übersetzung klingt der dankbare Chor der Wiesenbewohner dann so: „Dieser Wurm mit Superkraft / ist ein Held, der alles schafft. / Superwurm, der Superheld, / ist der tollste Wurm der Welt.“ Und so weiter.

          Je schlichter aber die Geschichte ist, umso erfreulicher ist der Reichtum der Bilder. Und wer die vor Freude über Superwurms Rückkehr zappelnden Käfer oder die wild balancierende Ameise im Ensemble des Schlussbildes goutiert, der macht ganz schnell seinen Frieden mit diesem Buch. Und wartet auf den nächsten Herbst.

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