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Stefanie Höflers Kinderroman : Warum lügt mein Freund mich an?

In ihrem Roman „Feuerwanzen lügen nicht“ fragt Stefanie Höfler nach dem Wert von Freundschaft und der Notwendigkeit von Geheimnissen. Bild: picture alliance / PYMCA/Photosh

Was es heißt, die Familie bei der „Tafel“ mit Lebensmitteln zu versorgen: In ihrem Roman „Feuerwanzen lügen nicht“ fragt Stefanie Höfler nach dem Wert von Freundschaft und der Notwendigkeit von Geheimnissen.

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          Nits und Mischa – das ist eine Freundschaft, die buchstäblich im Sandkasten begonnen hat und unerschütterlich scheint, gerade weil die beiden Jungen so unterschiedlich sind: Nits ist mit „zappelig“ nur unzureichend beschrieben, Mischa bewahrt immer die Ruhe und strahlt dabei eine Sicherheit aus, die Nits dankbar annimmt. Dazu ist Mischa noch ein Musterschüler, nicht aus Strebertum, sondern aus echtem Interesse an allem Möglichen, vor allem an Tieren. Und er ist absolut wahrhaftig, nie bereit, so scheint es, auch nur die geringste Lüge vorzubringen.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Es könnte ewig so weitergehen, der Modus der Freundschaft ist klar definiert, Mischas kleine Schwester Amy spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Rituale, die die Jungen schon längst entwickelt haben und den Schulweg ebenso einschließen wie das behutsame Entenaufscheuchen im Teich. Und auch eine Reihe gemeinsamer Erinnerungen hat sich angesammelt, die bei passenden Gelegenheiten synchron in beiden Köpfen auftauchen.

          Dann allerdings kommt die Ankündigung des Schwimmunterrichts, und was für Nits vor allem unangenehm ist – der Schwimmlehrer ist für sein unerfreuliches Wesen bekannt –, ist für Mischa eine echte Katastrophe. Die Erklärung, die er Nits gibt, klingt abenteuerlich: Sie hätten Mäuse in der Wohnung, er, Amy und ihr Vater, und die Tiere hätten seine Badehose zernagt. Nits hat zwar keinen Grund, daran zu zweifeln, nur dass sein wahrheitsliebender Freund wenig später in seiner Gegenwart ein offensichtliches Lügenmärchen auftischt. Demnach habe Mischa eine Chlorallergie, was ihm das Baden unmöglich macht, und das Attest dafür ist, wie Nits herausfindet, gefälscht.

          Was wissen wir von denen, die wir mögen oder sogar lieben, welche Seiten von sich verbergen sie uns, und haben wir überhaupt ein Recht darauf, sie zu kennen? Die Kinderbuchautorin Stefanie Höfler geht solchen Fragen gern nach, bisweilen – wie in ihrem meisterlichen Roman „Tanz der Tiefseequalle“ – indem sie zwei Perspektiven auf dasselbe Geschehen gegeneinander hält und ihre Leser darauf stößt, dass zwei Menschen vielleicht das Gleiche erleben, aber niemals dasselbe. Hier heißt das: Mischa lädt den nun misstrauisch gewordenen Nits dazu ein, sein Leben noch sehr viel mehr zu teilen als bisher. Er macht den Sohn einer Familie, in der Geld offenbar nie eine Rolle gespielt hat, mit der eigenen Armut vertraut, mit all den Einschränkungen, die sein alleinerziehender und auch -verdienender Vater nicht von seinen Kindern fernhalten kann. Und mit der fundamentalen Sorge, die vor diesem Hintergrund eine von Mäusen zerbissene Badehose bedeuten kann.

          Stefanie Höfler: „Feuerwanzen lügen nicht“. Roman. Mit Bildern von Carla Haslbauer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2022. 234 S., geb., 15,– €. Ab 11 J.
          Stefanie Höfler: „Feuerwanzen lügen nicht“. Roman. Mit Bildern von Carla Haslbauer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2022. 234 S., geb., 15,– €. Ab 11 J. : Bild: Beltz & Gelberg

          Mischa, in erstaunlichem Maße nun um Ehrlichkeit bemüht, nimmt seinen Freund mit zur „Tafel“, wo er seine Familie mit Lebensmitteln versorgt, die andernorts als nicht mehr genießbar gelten – in einer eindrucksvollen Szene schneidet Höfler gegeneinander, wie Nits bei Mischa Erdbeeren isst und in seiner Familie erlebt, wie sie weggeworfen werden, weil sie angeblich nicht mehr gut sind. Höfler schärft den Blick ihrer Protagonisten ebenso wie den ihrer Leser, und die Beiläufigkeit, die sie dabei einsetzt, tut ihrem Buch entschieden gut.

          Dass langweilige Väter insgesamt ein Segen sind, trotz manch peinlicher Momente, ist mittlerweile ein Topos der modernen Kinderliteratur. Und natürlich wäre es ganz leicht, Mischas Vater, der über performative Fähigkeiten verfügt, die Kinder zuverlässig in den Bann schlagen, für seine krummen Geschäfte und seine Unzuverlässigkeit an den Pranger zu stellen. Stefanie Höfler vermeidet das glücklicherweise, und wenn sie darstellt, wie selbstverständlich Mischa in diesem geschrumpften Familienverband – die Mutter hat längst das Weite gesucht – Verantwortung übernimmt, mehr übrigens, als ihm guttut, dann lässt sie auf der anderen Seite keinen Zweifel an der bedingungslosen Zuneigung dieses Jungen für seinen Vater.

          Kann das gut ausgehen? In diesem Fall schon, geschuldet ist das Mischas Talenten und der Freundschaft, die Nits ihm beweist. Darauf lässt sich aufbauen.

          Stefanie Höfler: „Feuerwanzen lügen nicht“. Roman. Mit Bildern von Carla Haslbauer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2022. 234 S., geb., 15,– €. Ab 11 J.

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